Urbach

Aus Rivalität wird Neckerei: Wie kam es zum Zusammenschluss von Ober- und Unterurbach vor 50 Jahren?

Luftbild Urbach
Vor einem halben Jahrhundert haben sich Oberurbach und Unterurbach zur heutigen Gemeinde Urbach vereint – so sieht es heute aus der Vogelperspektive aus. Archivfoto. © Gabriel Habermann

Es ist die Weihnachtszeit 1923. Ein Mann aus Oberurbach begleitet seine Partnerin aus Unterurbach nach Hause. Ein paar Jungs aus Unterurbach bewerfen die beiden mit Schneebällen und rufen der Frau zu: „Schäm dich, du als deutsche Turnerin läufst mit einem Arbeitersportler herum!“ Vierzehn Jahre später wird der Sohn der beiden, Herbert Bertsche, in Oberurbach geboren und kann die Geschichte seiner Eltern heute erzählen.

„Das war damals halt so“, sagt der inzwischen 83-Jährige, der immer noch in Urbach wohnt. „Meine Mutter war im Turnverein Unterurbach, mein Vater bei den Arbeitersportlern in Oberurbach.“ In der Jugend seiner Eltern waren Ober- und Unterurbach noch getrennte Gemeinden - sowohl formell als teilweise wohl auch, was die Ansichten ihrer Einwohner betraf. Erst 1970, also vor genau 50 Jahren, schlossen sie sich freiwillig zu der Gemeinde Urbach in ihrer heutigen Form zusammen.

„Was gehen denn die Unterurbacher in Oberurbach spazieren?“

Weil seine Familie eine Schuhmacherei hatte, kam Herbert Bertsche früher in beiden Orten, Ober- und Unterurbach, herum. „Als Lehrling habe ich die fertigen Schuhe in beiden Gemeinden ausgetragen“, erzählt er. „Und wir sind auch miteinander konfirmiert worden und sind gut ausgekommen.“ Auch bei den 30er-, 40er- und 50er-Jahrfeiern, die in den vergangenen Jahrzehnten stattfanden. „Es waren schöne Zeiten“, sagt Herbert Bertsche, der noch immer in Urbach wohnt. Trotz der Rivalitäten.

Die äußerten sich in seinem Leben zum Beispiel so: Als Herbert Bertsche viele Jahre nach dem Vorfall mit seinen Eltern mit seiner eigenen Frau, einer Geradstettenerin, in Unterurbach lebte und in Oberurbach spazieren ging, warf ihm jemand vor: „Was gehen denn die Unterurbacher in Oberurbach spazieren?“ Seine Antwort: „Du weißt doch gar nicht, dass ich in Oberurbach geboren bin.“ Es sei eben immer ein Gerangel zwischen den Unter- und Oberurbachern gewesen. „Aber heute hat sich alles beruhigt“, findet Bertsche.

Die beiden Urbacher Gemeinden arbeiteten schon früher zusammen

Als ein „recht durchschnittliches Dorf, ohne historische Sehenswürdigkeiten“, beschrieb der damalige Bürgermeister von Unterurbach, Rolf Sandbiller, 1961 in einer Zeitschrift seinen Ort. Da sich die Gemeinde erst 1819 von der „Muttergemeinde Oberurbach“ abgelöst hatte, sei Unterurbach zu Beginn noch sehr jung, „räumlich eingeengt und mit einer nur geringen, dazu noch ungünstig gelegenen Markungsfläche ausgestattet“. Das Leben in der Gemeinde sei zunächst gemächlich verlaufen, „bis ein Ereignis eintrat, das in den nächsten Jahrzehnten das Gesicht des Dorfes tiefgreifend verändern sollte“. Er sprach von der Industrialisierung.

Anfang des 20. Jahrhunderts entstand in Unterurbach ein Fabrikbetrieb, was laut Sandbiller dazu führte, dass einige Dorfbürger fortan nicht mehr nur in der Landwirtschaft oder im Handwerk ihr Brot verdienten, sondern als „Fabrikler“. „Dank der Steuerkraft der Baumwollindustrie ist Unterurbach heute eine Gemeinde, die sich sehen lassen kann, die, finanziell wohlfundiert, an die Lösung der auf sie harrenden Aufgaben gehen kann“, schreibt Unterurbachs Bürgermeister 1961. In seinem Beitrag geht er unter anderem auf die Zusammenarbeit mit den umliegenden Orten ein.

„Es gibt auch gemeinsame Vereine beider Urbacher Gemeinden, was bestätigt, dass trotz der Trennung noch vielfältige gutnachbarliche Bindungen bestehen“, so der Unterurbacher Bürgermeister 1961. Im selben Jahr wurde eine Wasserversorgungsgruppe gegründet, in der die Gemeinden Plüderhausen, Unter- und Oberurbach sich zusammenschlossen. Auch beim Bau der Kläranlage taten sich die Urbacher Gemeinden zusammen.

Wie kam es zum Zusammenschluss der beiden Gemeinden?

Diese interkommunale Zusammenarbeit erwähnte ebenso der Oberurbacher Bürgermeister Walter Beutel im selben Sonderheft von 1961 und widmete sich anschließend gleich der Frage eines neuen Freibads: „Könnte das schwierige und teure Problem nicht ebenfalls durch Zusammenfassung der Mittel von drei Gemeinden viel zweckmäßiger und besser, vor allem aber auch schneller gelöst werden, als wenn jede Gemeinde für sich operiert?“

Schon 1961 fällt auf, dass die Bürgermeister beider Urbacher Gemeinden, statt Unterschiede zu betonen, eher auf Zusammenarbeit setzen. Neun Jahre später schließen sich die Gemeinden freiwillig zusammen. Davon war 1961 aber noch keine Rede. Wie kam es also im Januar 1970 dazu? Schließlich war es kein einfaches Unterfangen, die zwei Gemeindeverwaltungen und die Einwohner der beiden Orte in einer Gemeinde zusammenzuführen.

Im Jahr 1933 wurde eine Zusammenführung abgelehnt

Die Erklärung liefert Walter Wannenwetsch vom Urbacher Geschichtsverein in einem Beitrag in der Zeitschrift „Rems und Murr“ anlässlich von 800 Jahren Urbacher Geschichte: Im Jahre 1969 stellte der damalige Unterurbacher Bürgermeister Rolf Sandbiller sein Amt zur Verfügung. Daraufhin wurde der Regierungsrat Lehle als Amtsverweser eingesetzt, und die Diskussionen über einen Zusammenschluss von Ober- und Unterurbach begannen. Der Gedanke war schon vorher einmal aufgekommen, als 1933 nach der Machtergreifung durch die Nazis der damalige Unterurbacher Bürgermeister seines Amtes enthoben wurde. In den 30er Jahren lehnte der Gemeinderat einen Zusammenschluss laut Wannenwetsch unter der Begründung, dass die Einwohner der beiden Gemeinden nicht zusammenpassen, aber noch ab.

Bürger stimmen für Zusammenschluss

Im Herbst 1969 nahmen die Diskussionen eine andere Richtung. Wie zu erwarten, gab es Befürworter und Gegner der Idee, die Gemeinden zu vereinen. „Eine wesentliche Rolle spielten dabei die unterschiedlichen Finanzverhältnisse der beiden Kommunen“, schreibt Wannenwetsch dazu. „Während die größere Gemeinde eine gesunde Finanzlage vorweisen konnte, hatte die kleinere Gemeinde Unterurbach erhebliche Schulden.“

An einer Bürgeranhörung im November 1969 beteiligten sich in Unterurbach 74,5 Prozent der wahlberechtigten Bürger, von denen lediglich 16 Prozent gegen die Zusammenführung stimmten. In Oberurbach lag die Wahlbeteiligung bei 67 Prozent, von denen 30 Prozent gegen einen Zusammenschluss mit Unterurbach stimmten. Nach diesem klaren Ausspruch für eine Zusammenführung beschlossen die jeweiligen Gemeinderäte am 1. Dezember desselben Jahres den Entwurf der Vereinbarung über die Neubildung der Gemeinde Urbach. Am 14. Juni 1970 wurde erste gemeinsame Gemeinderat der Gemeinde Urbach gewählt.

Zeitzeugen erinnern sich, junge Leute necken sich

Die jetzige Bürgermeisterin Martina Fehrlen ist erst seit ein paar Jahren in Urbach. Die Geschichte des Ortes macht sich ab und an auch heute noch in ihrer Arbeit bemerkbar. „Bei Jubilarsbesuchen fällt mir immer auf, dass betont wird, wenn der Ehepartner aus dem anderen Ort stammte“, sagt sie. „Man merkt, das war früher doch eine Sache.“ Besonders bei Goldenen oder Diamantenen Hochzeiten bemerke sie das Phänomen. „Bei jüngeren Menschen ist das eher ein Necken“, findet Fehrlen.

Der Bürgermeisterin sind auch noch andere Überbleibsel der getrennten Gemeinden bekannt. So gibt es zum Beispiel noch Straßennamen wie den „Grenzweg“, die auf die Geschichte des Ortes hinweisen. Außerdem orientierten sich die Einzugsgebiete der zwei Urbacher Schulen an der ehemaligen Trennung, und die Hausnummern, die normalerweise von einem Ortskern ausgehen, sind in Urbach noch an zwei ehemaligen Ortszentren ausgerichtet.

Ist Urbach-Nord bei der Nahversorgung benachteiligt?

„Das ist ein emotionales Thema“, sagt die Bürgermeisterin, angesprochen auf die Stadtentwicklung in Urbach-Nord und -Süd und die immer wieder einmal vertretene Auffassung, dass Urbach-Nord bei der Nahversorgung benachteiligt ist. „Wenn man sich die Einzugsgebiete in anderen Orten ansieht, ist ganz klar, dass so große Supermärkte wie der Rewe oder der Lidl nicht nur für Urbach-Süd gebaut worden sind“, sagt die Verwaltungschefin.

Kein 50-Jahre-Jubiläums-Fest 

„Ich sehe es nicht so, dass Urbach-Nord benachteiligt ist“, sagt sie deshalb. „Ganz Urbach kann froh sein über die Entscheidung, diese großen Flächen für Einkaufszentren in der Ortsmitte anzusiedeln.“ Zudem berechnen Unternehmen laut Fehrlen ihre Einzugsgebiete heute anders als früher, was dazu führe, dass eine Bank dann zum Beispiel in einem Ort nur eine Filiale aufrechterhält, wo sie früher vielleicht noch zwei gehabt hätte.

Eine Feier für das 50-Jahre-Jubiläum des Zusammenschlusses von Ober- und Unterurbach plant die Gemeindeverwaltung momentan nicht. Als die Gemeinde im vergangenen Jahr zu einem Treffen einlud, bei dem gemeinsam mit der Bevölkerung Ideen für eine Veranstaltung gefunden werden sollten, erschien laut Fehrlen nur eine Person. Die Verwaltung wollte das Thema zwar beim diesjährigen Marktplatzfest noch einmal aufgreifen, das fiel nun aber der Corona-Pandemie zum Opfer.

Es ist die Weihnachtszeit 1923. Ein Mann aus Oberurbach begleitet seine Partnerin aus Unterurbach nach Hause. Ein paar Jungs aus Unterurbach bewerfen die beiden mit Schneebällen und rufen der Frau zu: „Schäm dich, du als deutsche Turnerin läufst mit einem Arbeitersportler herum!“ Vierzehn Jahre später wird der Sohn der beiden, Herbert Bertsche, in Oberurbach geboren und kann die Geschichte seiner Eltern heute erzählen.

„Das war damals halt so“, sagt der inzwischen 83-Jährige, der

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