Urbach

Bei geplanter Unterkunft im Urbacher Neumühleweg bleibt vieles offen - jetzt sollen die Bürger gefragt werden

Obdachlosenunterkunft
Hier soll ein dreigeschossiger Neubau entstehen. © Gabriel Habermann

Proppenvoll war die Auerbachhalle am Dienstagabend. Viele Anwohner des Neumühlewegs waren zur jüngsten Gemeinderatssitzung gekommen. Selbst auf der Empore fanden sich Bürger ein. Der Grund: Die Gemeinde plant gemeinsam mit der Kreisbau-Gruppe einen Neubau in der Straße. Dieser Neubau soll eine bestehende, baufällige Baracke ersetzen, die als Obdachlosen- und Flüchtlingsunterkunft genutzt wird.

Im Gremium hatten die Pläne zuletzt für Kritik gesorgt. Als zu groß wurde der geplante Bau von vielen Gemeinderäten empfunden. Auch wurde Kritik aus der Nachbarschaft laut, die von Polizeieinsätzen und schlechten Erfahrungen mit den Bewohnern des bestehenden Heims berichteten.

Steffen Krahn, Geschäftsführer der Kreisbaugesellschaft Waiblingen, präsentierte nun die aktuellen Pläne für das geplante Wohnhaus. Demnach sollen in dem dreigeschossigen Gebäude insgesamt 17 Wohnungen entstehen, die zwischen ein und vier Zimmer groß sein sollen und zum Teil aus Wohngemeinschaften bestehen. 40 bis 50 Personen sollen dort unterkommen (In den bestehenden Baracken leben gut ein Dutzend Menschen.) Ursprünglich geplant waren 21 Wohnungen. Dies stieß auf Kritik im Gremium. Denn je größer das Gebäude, desto höher sei auch das Konfliktpotenzial, so die Befürchtung. Deshalb wurde die Anzahl der Wohnungen jetzt reduziert.

„Wir sprechen hier von einem Wohngebäude“, betonte Bürgermeisterin Martina Fehrlen, die Sorgen der Anwohner ansprechend. „Die Menschen können so in einer ganz anderen Engmaschigkeit betreut werden.“ Omid Waselzad, der Integrationsbeauftragte von Urbach, hat dazu passend auch ein Konzept für die Gemeinde vorgelegt. Begleitet werde das Projekt zudem von einem großen ehrenamtlichen Engagement des Arbeitskreises Flüchtlinge. Den Anwohnern soll die Möglichkeit gegeben werden, sich zu beteiligen. Konkret ist ein Termin am 13. April in der Auerbachhalle angesetzt – sofern die Pandemie dies zulasse. Dann werde auch das Integrationskonzept präsentiert.

Gemeinderäte kritisieren, dass es noch keine Bürgerbeteiligung gab

Doch offensichtlich hat es zwischen Verwaltung und Gemeinderat zu dem Thema Missverständnisse gegeben. Denn mehrere Räte kritisierten, dass die Planung ein dreigeschossiges Gebäude vorsehe. Dabei habe das Gremium gefordert, das Gebäude um ein Geschoss zu reduzieren. Das sei auch im Protokoll der Sitzung so gestanden, betonte Ursula Jud (Freie Wähler).

Detlef Holzwarth (CDU) sagte, er könne den Frust und Ärger der Anwohner gut verstehen, denn „mit den Bürgern wurde noch nicht gesprochen.“ Ulrike Brax-Landwehr (Grüne) sagte, prinzipiell sei eine Zustimmung in der Nachbarschaft vorhanden. „Die Bürger wollen aber beteiligt und gehört werden im Realisierungsprozess.“ Und Ursula Jud meinte: „Ich glaube, sehr viel Unmut kam deshalb auf, weil es einfach die falsche Reihenfolge ist.“ Zuallererst hätten die Anwohner angehört – und dann ein Konzept im Gemeinderat präsentiert werden sollen. Das hätte viel Druck aus der Angelegenheit nehmen können.

Bei dem Thema sei „sehr schnell sehr viel Emotion im Spiel“, sagte Jörg Heckenlaible (Freie Wähler). Das liege vor allem an der fehlenden Bürgerinformation. „Die Emotionen hätte man einfangen können, wenn man eine Planung vorgelegt hätte, die dem entgegengekommen wäre, was wir gefordert haben.“ Ein Projekt in der Größe für diese Nutzung sei ein Novum in der Gemeinde Urbach. Klar sei aber auch: „Wir werden wohl noch mehr solche Projekte machen müssen.“ Daher sei es „sehr schade, dass beim ersten Projekt das Vertrauen der Bürger so strapaziert wird, das hätte besser laufen können“.

„Selbstverständlich werden wir in ein Bürgergespräch einsteigen“, entgegnete Martina Fehrlen. Und was die Anzahl der Geschosse anbelange, habe es wohl unterschiedliche Wahrnehmungen gegeben. „Wir haben das so verstanden, dass die Höhe zu reduzieren ist – und nicht ein Geschoss.“

Gibt es genügend Stellplätze für das geplante Wohnhaus?

Mehrere Gemeinderäte sprachen außerdem das Thema Stellplätze an. 13 sind angesetzt, das Landratsamt und die Verwaltung sehen darin kein Problem, da einige der künftigen Bewohner wohl ohnehin kein Fahrzeug besitzen werden. Auch die Verwaltung sieht das so. SPD-Rat Jürgen Schlotz (SPD) hingegen plädierte für 17 Stellplätze als Mindestanforderung. Auch CDU-Rat Detlef Holzwarth befürchtete ein Parkchaos. Dass Autos künftig womöglich auf der Straße oder an der Auerbachhalle geparkt werden, „das geht gar nicht.“

Es gab im Gremium aber auch Stimmen, die die vorliegende Konzeption begrüßten. Siegrun Burkhardt (SPD) etwa sagte: „Wenn wir das Obergeschoss streichen, reduzieren wir die Zahl der Vier-Zimmer-Wohnungen.“ Hier wolle sie keine Abstriche machen. Denn genau an solchen größeren Wohnungen für Familien herrsche in Urbach ein Mangel.

Auch Ingolf Spannaus (BLU) plädierte dafür, das Projekt in dieser Form jetzt „schnellstmöglich“ zu realisieren. Schließlich handle es sich dabei um eine Pflichtaufgabe der Kommune.

Dem konnte Fehrlen nur beipflichten. „Wir stehen grundsätzlich zum Ansatz der dezentralen Unterbringung, brauchen jetzt aber mehr Platz am Neumühleweg“, sagte die Bürgermeisterin. „Wenn wir die bestehenden Standorte sanieren, müssen wir die Leute auch irgendwo unterbringen.“ Ganz klar sei: „Wir wollen weg von dieser Wohnform mit Baracken, sondern die Menschen integrieren.“ Bürgermeisterin Fehrlen erwähnte außerdem, dass sie selbst in der Nachbarschaft von Flüchtlingen wohne und diese andere Lebens- und Essgewohnheiten hätten. „Aber ist das so schlimm?“, fragte sie dann rhetorisch. Sie glaube auch nicht, dass der Strom der Flüchtlinge abreißen werde, und wiederholte daher ihren bekannten Appell an die Bevölkerung: „Vermieten Sie an Flüchtlinge! Das ist die beste Form der Integration.“

„Wir platzen aus allen Nähten, wir brauchen diese Plätze“, sagt Fehrlen

Weitere Wohnprojekte dieser Art seien künftig notwendig, betonte die Bürgermeisterin, denn „wir platzen aus allen Nähten, brauchen diese Plätze“. Die Wohnform ist im Gremium auch grundsätzlich unstrittig. „Integration geht nur in einem solchen Wohnumfeld“, sagte etwa CDU-Rat Holzwarth. Und „wir wollen doch alle, dass dort gebaut wird, und das ziemlich schnell“.

Thomas Mihalek (Freie Wähler) indes merkte kritisch an, dass ja (auf den Erfolg der Grünen bei den Landtagswahlen anspielend) zuletzt 33 Prozent dafür gestimmt hätten, „dass es noch mehr Flüchtlinge werden. Das wird uns noch viel Geld kosten und viel Ärger geben.“

Dirk Braune, Geschäftsführer der Kreisbau, antwortete in der Sitzung kurz auf die Kritik an dem Vorhaben. Er glaube nicht, dass hier die Architektur „das ganz große Problem“ sei, „sondern es ist schlicht und ergreifend die Belegung“. Bei drei Geschossen sei die Gemeinde in der Belegungspolitik jedoch viel freier. „Da gibt es mehr Möglichkeiten der Durchmischung.“ Außerdem fragte er sich mit Blick auf den Klimaschutz; „Können wir es uns leisten, Flächen suboptimal zu nutzen? Da habe ich eine klare Meinung: Das können wir nicht.“

Bei weniger Geschossen würde die Miete höher ausfallen

Steffen Krahn von der Kreisbaugruppe äußerte sich noch zur Höhe des Baus. Er sagte, dass auch ein zweigeschossiger Bau vorstellbar sei, dann würden aber später die Betriebskosten und damit die Mieten für die Bewohner auch etwas höher liegen. Ordnungsamtsleiter Achim Grockenberger betonte in diesem Zusammenhang, dass die künftigen Bewohner alle berufstätig seien und die Wohnungen selbst finanzieren müssten.

Auch müsse man sich bei dem Thema vom gängigen Klischee-Bild der Obdachlosigkeit verabschieden. Aktuell sei die Gemeinde etwa auf der Suche nach einer Wohnung für eine berufstätige, alleinerziehende Mutter, die dringend eine Bleibe sucht. Er gab deshalb dem Gremium zu bedenken: „Wenn die Mieten so hoch sind, dass die Bewohner es sich nicht mehr leisten können, dann ist nichts gewonnen.“

Trotz aller Bedenken entschloss sich das Gremium schließlich einstimmig dazu, zunächst mit der dreigeschossigen Planung in die Bürgerbeteiligung zu gehen – und bei dem Termin zu schauen, wie die Anwohner darauf reagieren. Im Anschluss sollen dann der Bebauungsplan geändert und die Details festgelegt werden.

Proppenvoll war die Auerbachhalle am Dienstagabend. Viele Anwohner des Neumühlewegs waren zur jüngsten Gemeinderatssitzung gekommen. Selbst auf der Empore fanden sich Bürger ein. Der Grund: Die Gemeinde plant gemeinsam mit der Kreisbau-Gruppe einen Neubau in der Straße. Dieser Neubau soll eine bestehende, baufällige Baracke ersetzen, die als Obdachlosen- und Flüchtlingsunterkunft genutzt wird.

Im Gremium hatten die Pläne zuletzt für Kritik gesorgt. Als zu groß wurde der geplante Bau

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