Urbach

Diese Frauen haben Sozialarbeit im Blut

Judith Schmidt
Frauen-Power in Urbach: Jugendhausleiterin Judith Schmidt (links) und Carolin Wieler, die im Juze ein Freiwilliges Soziales Jahr macht. © Habermann / ZVW

Urbach. Sie habe „Sozialarbeit im Blut“, sagt die neue Leiterin des Jugendhauses. Judith Schmidt aus Backnang ist seit wenigen Wochen das neue Gesicht des Jugendzentrums. In den Schulen hat sie sich mit Unterstützung von Carolin Wieler, sie macht im Juze ihr Freiwilliges Soziales Jahr, bereits vorgestellt. Nun sprechen die beiden darüber, was sie mit dem Juze vorhaben, welche Ideen sie haben, und vor welchen Herausforderungen sie beide stehen.

Video: Die neue Jugendhausleiterin Judith Schmidt stellt sich vor.

„Je früher die Kinder und Jugendlichen herkommen, unsere Regeln kennenlernen, wir Beziehungen aufbauen, desto einfacher wird es“, sagt Judith Schmidt über ihre Arbeit. Die 24-Jährige hat den Zungenbrecher „Theologie und Soziale Arbeit im interkulturellen Kontext“ studiert. Sie ist die Nachfolgerin von Claudia Weber und Sandra Johnston, die in Urbach nur ein kurzes Gastspiel geben durfte. Von Judith Schmidt erwartet sich die Gemeinde wieder Kontinuität und einen guten Draht zu Kindern und Jugendlichen. Dass diese zu ihr und Caro Wieler im Spaß sagten, die würden ihr „Geld ja mit Kickern und Billardspielen verdienen“, diesem Vorurteil widersprechen die beiden vehement. Im Juze zu arbeiten, dazu gehöre mehr.

Anlaufstelle für junge Menschen

Ihr Haus und sie als Personen wollen Anlaufstelle sein, für junge Menschen, die Probleme haben, vor Herausforderungen stehen, ihre Freude teilen oder einfach mal mit jemandem reden wollen. Ihnen beibringen, im Leben zu stehen, so bezeichnet Caro Wieler, gebürtige Urbacherin, ihre Arbeit. Dabei müssen beide einen „ständigen Spagat“ liefern: Freundin, Helferin, Thekenkraft, große Schwester und mitunter auch mal jemand sein, der Kontra gibt und das Hausrecht durchsetzt. „Du musst verstehen, dich in die Welt der Jugendlichen zu versetzen“, sagt Judith Schmidt. Dann würde man erkennen, welche Angebote nötig seien. Das Juze müsse ein Haus sein, wo man sich austobt und Spaß hat, wo man aber auch persönlich reifen könne.

Verstehen, was los ist

Judith Schmidt findet es spannend, hinter die Masken der Kinder zu blicken. Wenn jemand auf Krawall gebürstet sei, helfe es nichts, ihn vor die Tür zu setzen. Sie müsste rausfinden, was los ist, verstehen, warum jemand so drauf ist. Das Juze sei daher ein „Ort ohne Druck“. Ein Ort, wo man sich selbst und andere entdecken könne.

„Du beobachtest und denkst, was kannst du ihnen mitgeben?“

Der Reiz an ihrem Job sei es, mit den Leuten in Kontakt zu kommen, sie zu fördern, schildert Judith Schmidt. „Du guckst die Kinder an, beobachtest und denkst, was kannst du ihnen mitgeben?“, sagt sie. Man müsse den Kindern, vor allem denen mit Problemen, „durch den Dschungel“ helfen. Sie müssten spielerisch ihre Stärken und Träume entdecken. Ihr hätte damals ein Schulsozialarbeiter geholfen, „Hoffnungen gepflanzt und sie begründet. Das will ich weitergeben!“ Sie will Potenzial erkennen, Talente fördern, investieren und dranbleiben, den Horizont erweitern. „Das wäre der Hammer. Es gibt nichts Schöneres, als jemanden zu sehen, der seinen Weg macht!“

Nicht nur Problemfälle kommen ins Juze

Sie würden den Kindern helfen, zu sich selbst zu finden, beschreibt die 19-jährige Caro. Wobei ja nicht nur Problemfälle ins Juze kommen. Im Gegenteil. Die Gemeinde habe den Wunsch geäußert, das Publikum des Juzes mehr zu durchmischen. Hauptsächlich kämen Kinder von der Wittumschule, haben die beiden beobachtet. „Wir versuchen, ein Angebot zu finden, wo sich alle wohlfühlen und begegnen können.“ Doch von einem Abstempeln und Einsortieren halten beide wenig. Wichtig sei es, dass das Thema Schule gar kein Thema sei. Sie überlegten, wer kommt – und wer nicht und warum nicht. Doch nicht jeder brauche das Jugendhaus, wissen sie. Es gebe viele Angebote in Urbach. Auf keinen Fall wollten sie Kinder „betüddeln“, sondern sie auch in Ruhe lassen. Wer aber wie gelähmt wirke, den müsse man fordern, sagt Caro.

Von Hausaufgaben- bis Lebenshilfe

Sie versuchen, auf die Jugendlichen zuzugehen. Von wegen Geld beim Kickern verdienen: Beide würden ihre Gäste fortwährend beobachten, schauen, ob es Probleme gibt oder nicht. Ihr Repertoire reicht dabei von Smalltalk bis Hausaufgaben- und Lebenshilfe. Oft beschäftigen sich die Kinder selbst. Wenn nichts geht: Das Kartenspiel Uno gehe immer, weiß Caro Wieler.

Mehr Jüngere kommen

Noch sei es zu früh, um erste Schlüsse zu ziehen. 20 Kinder kämen im Durchschnitt ins Juze. Engere Bindungen müssten noch entstehen. Dazu sind verschiedene Formate da: Kochen, Filmabende und mehr. „Kinder müssen merken, dass man sich wirklich interessiert“, sagt Caro Wieler. Vor allem Jüngere würden nun vermehrt kommen, nachdem sie viel Werbung gemacht hätten. Das, was seit Jahren gut läuft, wollen sie fortführen. Es soll wieder ein Mitternachts-Fußball-Turnier geben und mehr Übernachtungen. Mit Schulen soll zusammengearbeitet werden, auch weiterhin mit dem Juze in Plüderhausen. „Wir sind noch am Rausfinden, was gewünscht ist“, sagen sie und zeigen auf eine Wunschzettel-Box.

Kein Geld für Umbau

Wer erst ein paar Wochen dabei ist, hält sich mit Forderungen zurück. Doch es wäre toll, sagen die beiden Frauen, wenn Geld für den Umbau des Jugendhauses vorhanden wäre. Ein Durchbruch und ein Umbau der Außentoiletten würden das Raumangebot des Juze erweitern, mehr Möglichkeiten für die pädagogische Arbeit bieten, beziehen sich die beiden auf vorliegende Pläne. „Es wäre ein Traum, wenn das irgendwann möglich wäre“, sagt Judith Schmidt mit einem charmanten Lächeln. Die Verwaltung deutet an, dass auch 2017 für diesen Posten, 25 000 Euro, kein Geld vorhanden sein werde. Das passt nicht ganz zu den Verlautbarungen der jüngsten Klausurtagung. Gemeinderat und Verwaltung hatten verkündet, „noch mehr für Kinder, Jugendliche und junge Familien zu tun“. Ebenso hieß es, man wolle „eine für Urbach geeignete Form der Beteiligung von Jugendlichen entwickeln, wenn es um Themen geht, die sie betreffen“. Vielleicht besteht noch Gesprächsbedarf, ob ein Umbau nicht doch zeitnah möglich ist.

Ersatz verspricht die Verwaltung für das Volleyballfeld, das dem Ausbau der Steinbeisstraße wohl im kommenden Jahr zum Opfer fallen wird. Sie könnten nicht einfach ausweichen, Gruppen woanders hinschicken, nicht immer seien genügend Aufsichtspersonen vor Ort, teilen die beiden Frauen mit. Das müsse man beachten.

Führt die Steinbeisstraße bald am Jugendhaus vorbei, sei das vielleicht aber auch mit Chancen verbunden, etwas mehr Licht für die Anlage zu erhalten. Der weitgehend dunkle Weg zum Jugendhaus, der Preis für eine Abgeschiedenheit, die auch Vorteile birgt, würde vor allem Mädchen abschrecken oder dazu führen, dass Eltern sie abholen oder bringen. Vielleicht kommt ja auch eine Bushaltestelle, träumen die beiden Frauen, die sich für ihr Jugendhaus starkmachen.