Urbach

Regen und Hochwasser: Wann es an der Rems kritisch wird

Rems leichte Überschwemmung
So sah die Rems bei Urbach am Freitagvormittag (09.07.) aus: Noch etwas Luft unter der Brücke, aber auch nicht mehr so viel. © privat

Es sah schon spektakulär aus, wie am vergangenen Freitag (09.07.) die Rems mächtig angeschwollen durch ihr Bett rauschte, teilweise recht knapp unter der Deichkrone, und um Brückenpfeiler und durch Wehre gischtete. Die Lage war aus Sicht des Wasserverbands zwar noch relativ unbedenklich, aber doch auch nicht mehr ganz entspannt. An einer Brücke bei Waldhausen wurde es kritisch, ein Rückhaltebecken wurde aktiviert. Und: Eine Gefahr waren viele große Bäume, die in den Fluten mitschwammen und teilweise liegen und hängen blieben. Was bringen die Regenfälle in dieser Woche?

„Es war spannend“, sagt der Geschäftsführer des Wasserverbands

Es war eine relativ kurze Hochwasser-Spitze, die am vergangenen Freitag nach anhaltenden, starken Regenfällen von Schwäbisch Gmünd aus durchs Remstal rauschte – und das durchaus bedrohlich für die Fluss-Anwohner. Viele haben die Lage in vielen Fotos und Videos dokumentiert, die dramatische Wasserstände und reißende Fluten am Vormittag zeigen. Für Hans-Peter Sieg gab das Ganze keinen Anlass zu großer Alarmstimmung. Aber für den Technischen Geschäftsführer des Wasserverbands Rems war es schon ein arbeitsreicher Tag.

„Es war spannend“, sagt er. Es sei im Bereich unterhalb von Schwäbisch Gmünd ein HQ 10 gewesen, ein zehnjährliches Hochwasser, das heißt, statistisch gesehen eines, wie es alle zehn Jahre vorkommt. Zwischen Schorndorf und Neustadt habe es sich aber nur um ein HQ 5 gehandelt, so Sieg, also ein Hochwasser, wie es alle fünf Jahre vorkommt.

Hans-Peter Sieg war am vergangenen Freitag unter anderem in Waldhausen gefordert. Dort war bei einer Brückenbaustelle gerade eine Verschalung aufgebaut, die in Gefahr geriet. Zwischen Wasser und Schalung seien nur noch etwa zehn Zentimeter Platz gewesen, sagt Sieg. „Deswegen haben wir das Waldhäuser Rückhaltebecken eingestaut und geguckt, dass der Pegel konstant bleibt.“ Das heißt, die Schleusen am Durchlassbauwerk wurden geschlossen. Man habe aber erst mal in der Rems selbst gestaut, dann das Becken selber. Lediglich 30 bis 40 Zentimeter seien auf den Wiesen letztlich gestanden, und auch nicht lange.

Flutung der Rückhaltebecken "nur im Notfall"

So eine Flutung eines Hochwasser-Rückhaltebeckens ist nichts, das leichtfertig passiert. „Das versuchen wir zu vermeiden, das machen wir nur im Notfall“, sagt Hans-Peter Sieg. Denn: Die Flächen innerhalb der Beckendeiche werden im Normalfall landwirtschaftlich genutzt. „Die Wiesen stehen gerade mit Weizen und Mais voll im Saft“, sagt der Wasserverbands-Geschäftsführer. Fließt da Rems-Wasser drüber, ist die Ernte hin. Das gelte auch für Gras, das als Viehfutter geerntet werde, so Sieg.

Denn: Bei großen Regenmassen können die Kläranlagen nicht mehr alles verarbeiten, das heißt, Abwässer aus Häusern und Gewerbebetrieben gelangen ungeklärt direkt in den Fluss. „Das setzt sich dann auch auf Getreide und Gras, das ist nachher mit Schlamm bedeckt.“ Landwirte mit Feldern und Wiesen im Rückhaltebecken bekommen in so einem Fall eine finanzielle Entschädigung.

Beim Hochwasser am vergangenen Freitag führten verschiedene Defekte in der Elektrotechnik des neuesten Rückhaltebeckens an der Rems zwischen Urbach und Plüderhausen dazu, dass die Wiesen dort um ein Haar ungewollt geflutet wurden. „Wir haben von dort keine Alarmmeldungen bekommen, und die Schütze sind viel zu früh runtergegangen“, sagt Hans-Peter Sieg. Das heißt: Das Rems-Wasser staute sich, obwohl das vom Pegel her noch gar nicht nötig war. Man sei dann auf Handbetrieb gegangen, so Sieg.

Geflutet war in Urbach mal wieder die Unterführung unter der Bahn am Rems-Radweg. „Die läuft regelmäßig voll“, sagt Achim Grockenberger von der Gemeindeverwaltung. Das sei Rems-Wasser, das wahrscheinlich durch die Kanäle drücke. Es sei dieses Mal aber nicht dramatisch gewesen, so Grockenberger.

Große Bäume schwammen mit, eine Weide blieb bei Urbach am Wehr liegen

Eine schwer zu berechnende Gefahr waren zahlreiche, teils sehr große Bäume oder Baumstämme, die mit dem Hochwasser die Rems herunterschwammen. Hans-Peter Sieg vermutet, dass es sich um Bäume handelte, die schon geschwächt oder schon vorher halb umgefallen waren, und die dann durch den starken Regen oder das Hochwasser vollends weggespült wurden. Man könne in solchen Fällen versuchen, durch geschickte Steuerung an den Wehren die Bäume so durchzuleiten, dass sie nicht hängen blieben, sagt er. Das gelingt aber nicht immer: Eine riesige Weide blieb quer über den Fluss beim Urbacher Rems-Wehr liegen.

Davon abgesehen war das Hochwasser vom Freitag für Hans-Peter Sieg in keinem Bereich wirklich kritisch. Am Beispiel der Messstelle „Schorndorf Bauhof“ erklärt er, wie die Hochwasser-Routinen funktionieren. Bei der Kläranlage gehe es schon ab einem Pegel von 1,50 Meter los, dort würden ab da die Hochwasserpumpen laufen. Wird ein Pegel von 2,62 Meter erreicht, ist dies das erste konkrete Alarmzeichen für den Wasserverband. Dann überlege man: Wie schlimm wird es noch? Regnet es weiter? Müssen wir schon einschreiten?

Könne man dann da bereits absehen, dass ein HQ 100, ein hundertjährliches Hochwasser, erwartet wird, dann werde gleich der Krisenstab einberufen, in dem Vertreter von Feuerwehr, Polizei und die Bürgermeister zusammenkommen. Der Pegel liegt bei Schorndorf dann bei einem HQ 100 bei 5,20 Meter. Dem nahe kam die Rems zuletzt im Jahr 2002 mit 5,12 Meter, es gab große Überschwemmungen – damals existierte aber noch kein einziges Rückhaltebecken.

Blick auf die Prognosen der Hochwasservorhersagezentrale

Ab HQ 10 (in Schorndorf ist das ein Pegel von 4,16 Meter) geht der konkrete Alarm raus, der die nötigen Schritte in Bewegung setzt, bei Bedarf Rückhaltebecken zu fluten. Ab einem Pegel von 4,60 Meter, das ist ein zwanzigjährliches Hochwasser, würden die Becken definitiv geflutet, sagt Hans-Peter Sieg. Das funktioniert auch automatisch durch die Technik der Stauwehre, falls mal kein Mensch rechtzeitig vor Ort sein sollte.

Vor oder an einem Tag wie dem vergangenen Freitag richten die Verantwortlichen beim Wasserverband und in den Rathäusern immer auch den Blick auf die Prognosen der Hochwasservorhersagezentrale (HVZ). Damit werde es aber immer schwieriger, sagt Hans-Peter Sieg, was wohl mit dem Klimawandel zusammenhänge. „Es ändern sich laufend die Voraussagen“, sagt er.

Die Kurve des Schorndorfer Pegelstands hatte bei der HVZ an diesem Dienstag, 13. Juli, einen kleineren Höhepunkt und fiel dann schnell wieder. Deutlich höher könnte laut Prognose durch die kommenden Regenfälle der Rems-Pegel bis Freitag, 16. Juli, in die Nähe der Drei-Meter-Marke, über die Schwelle eines zweijährlichen Hochwassers steigen (Stand HVZ Pegel-Info von Dienstagabend, 13. Juli).*

Für Probleme in verschiedenen Gemeinden sorgten in diesem Sommer bisher vor allem die ungewöhnlich starken und häufigen Starkregenereignisse, die lokal niederprasselten und dabei Kanäle und kleinere Bäche über ihre Grenzen brachten und überlaufen ließen. Für die Rems hat so ein relativ kurzer Starkregen weniger Bedeutung.

* In einer früheren Version des Artikels war als Prognosewert für Freitag noch ein Pegel von an die 2,40 aufgeführt, wir haben die Angabe entsprechend der Veränderung der Prognose des HVZ aktualisiert.

Es sah schon spektakulär aus, wie am vergangenen Freitag (09.07.) die Rems mächtig angeschwollen durch ihr Bett rauschte, teilweise recht knapp unter der Deichkrone, und um Brückenpfeiler und durch Wehre gischtete. Die Lage war aus Sicht des Wasserverbands zwar noch relativ unbedenklich, aber doch auch nicht mehr ganz entspannt. An einer Brücke bei Waldhausen wurde es kritisch, ein Rückhaltebecken wurde aktiviert. Und: Eine Gefahr waren viele große Bäume, die in den Fluten mitschwammen und

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