Urbach

Schlechter Baugrund: Potenzielle Käufer kritisieren Gemeinde

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Hier soll auf mehr als 50 Bauplätzen ein neues Quartier für Urbach entstehen. © ZVW/Benjamin Büttner

Urbach. Dass der Baugrund unter der Urbacher Mitte II nicht als der beste gilt, ist unter Fachleuten bekannt. Den meisten potenziellen Bauherren war das aber offensichtlich nicht klar. Auch, weil die Gemeinde das in der Ausschreibung nicht eigens erwähnt hatte. Nun bekommen sie einen Aufschub für den Kaufvertrag. Erst wenn die konkreten Bodenverhältnisse klar sind, müssen sie sich entscheiden.

Der Start in die Urbacher Mitte II ist von Unstimmigkeiten überschattet. In einem Gespräch mit den potenziellen Bauherren hat die Verwaltung diese kürzlich darüber aufgeklärt, dass der Baugrund teils schlecht ist und mit Mehrkosten beim Bau zu rechnen ist – und davon dem alten Gemeinderat in seiner letzten Sitzung berichtet.

Für das neue Quartier gibt es ein geotechnisches Gutachten, das für die Erschließung in Auftrag gegeben wurde, dessen Ergebnisse in der Ausschreibung aber nicht erwähnt wurden (erst potenzielle Bauherren hatten auf die Bodenverhältnisse hingewiesen). Unter dem künftigen Wohngebiet wird ein alter Bachlauf vermutet, der für teils sumpfige Verhältnisse sorgt. Bei Bohrungen in bis zu sechs Metern Tiefe hat das Gutachten sehr unterschiedliche, teils sehr schlechte Bodenverhältnisse festgestellt.

Aufschub für den Kauf bis zum 30. September gewährt

„Allerdings lassen sich daraus keine Aussagen treffen für den Hochbau“, sagte Bürgermeisterin Martina Fehrlen im Gemeinderat. Dafür seien die Bohrungen nicht tief genug und die Verhältnisse zu unterschiedlich. „Das muss für jeden Bauplatz einzeln angeschaut werden.“ Den potenziellen Bauherren habe sie daher empfohlen, eigene Bohrungen in Auftrag zu geben. Allerdings, so betonte Fehrlen, sei es auch allgemein bekannt, dass der Grund in diesem Bereich nicht so gut sei. Den Kaufwilligen habe die Gemeinde daher einen Aufschub bis zum 30. September gewährt. Erst dann müssten sie sich für oder gegen einen Kaufvertrag entscheiden.

Räte: Bauherren hätten sich informieren müssen

Als „bedauerlich“ bezeichnete es Jörg Heckenlaible von den Freien Wählern, der bei dem Gespräch dabei war, dass der Start in die Urbacher Mitte II durch die Geschichte mit dem Baugrund belastet sei. Ein Vermerk in der Grundstücksausschreibung hätte vermutlich genügt, um die Interessenten zu sensibilisieren. „Sehr unglücklich“ sei das verlaufen. Anlass für eine Kostenbeteiligung der Gemeinde sehe er indes nicht. Schließlich seien noch keine Verträge unterzeichnet worden. Teilweise verwunderlich sei es auch, wenn potenzielle Käufer sich bei einem solchen großen Vorhaben zuvor nicht ausreichend informieren würden, während heute vor jedem kleinen Kauf das Internet rauf- und runtergesucht werde.

„Da sind viele sehr blauäugig herangegangen“, meinte SPD-Rat Jürgen Schlotz. Im Übrigen lägen die Grundstücke, selbst wenn Pfahlgründungen notwendig seien, noch immer deutlich unterm Verkehrswert.

„Ein Bauherr muss sich informieren“, sagte auch Patricia Bäuchle (CDU). Außerdem sei der Zustand bekannt, schließlich sei in der Urbacher Mitte I der Baugrund auch schlecht gewesen. „Als Gemeinde würde ich mich daher komplett raushalten.“

„Die Veranstaltung war gut und extrem wichtig“, meinte Detlef Holzwarth (CDU) zum Termin mit den Interessierten. Der Verlauf der Ausschreibung sei „außerordentlich bedauerlich“. Allerdings hätten die Interessenten wissen können, auf welchem Baugrund sich das Gebiet befindet. Und trotz allem handle es sich hierbei um eine „1-A-Wohnlage“, deren Preis mit 390 Euro pro Quadratmeter „mehr als fair“ sei.

Es könnten Mehrkosten in fünfstelliger Höhe anfallen

Holzwarth begrüßte es, dass nun noch ein wenig Zeit bleibe, um den Baugrund zu untersuchen – und die potenziellen Käufer so prüfen, ob sie sich den Bauplatz leisten können. (Für die bei manchen Bauplätzen notwendigen Pfahlgründungen könnten Mehrkosten in fünfstelliger Höhe anfallen. Von bis zu 30 000 Euro ist dabei die Rede.)

Ihr Bedauern über die unglückliche Ausschreibung drückten auch die Gemeinderäte Joachim Habik (SPD) und Burkhard Nagel (Grüne) aus. Ursula Jud (Freie Wähler) sah in den Unstimmigkeiten aber auch etwas Positive: „Vielleicht erspart das ja manche negative Erfahrung beim Bauen“.

Allzu positiv empfanden viele der potenziellen Käufer das Gespräch mit der Verwaltung indes nicht. Sie hätten sich mehr Unterstützung von der Gemeinde gewünscht oder eine Entschuldigung erwartet. Einige von ihnen, die weiterhin kaufen wollen, haben sich nun zusammengetan, um Kosten für die Probebohrungen zu sparen.


Die Sicht potenzieller Käufer

Einige der potenziellen Bauherren äußerten gegenüber unserer Zeitung ihre Kritik an dem Vorgehen der Verwaltung. Sie wollen mit ihren Äußerungen aber nicht namentlich zitiert werden.

Erster Kritikpunkt: dass nicht vorab über die Bodenverhältnisse informiert worden sei. Und dass dies ohne das Einholen von Informationen seitens einiger Bauherren wohl bis heute noch nicht geschehen wäre. „Wir haben uns informiert. Hätten wir das nicht getan, hätten wir eine andere Sachverhaltslage gehabt und die Gemeinde hätte womöglich sogar rechtliche Schritte gegen sie erwarten müssen bis hin zur Rückabwicklung bereits geschlossener Kaufverträge.“ Ortsfremde (und selbst Einheimische) hätten vom schlechten Baugrund zudem nicht automatisch wissen können, auch weil in der Urbacher Mitte I damals keine Pfahlgründungen notwendig gewesen waren. Nachdenklich gemacht habe einen der potenziellen Käufer zudem, dass die Gemeinde offenbar selbst nicht davon gewusst habe, obwohl das Gutachten seit 2017 vorliege und Bauherren sich dieses besorgen konnten. Seltsam finde er in diesem Zusammenhang auch die Äußerung Fehrlens, die Bodenverhältnisse seien allgemein bekannt.

Zweiter Kritikpunkt: der Umgang der der Verwaltung mit den Bauherren. „Man hätte sich hinstellen und deutlich sagen können: Ja, wir haben versäumt zu informieren, ja, wir verstehen Ihre Situation und ja, wir haben uns überlegt, wie wir Sie unterstützen können.“ Was aber nicht geschehen sei. Auch seien bei dem Gespräch Nachfragen nicht möglich gewesen.

So gebe es nun wenige Gewinner (mit weniger schlechtem Boden) und viele Verlierer (mit schlechtem Boden) – und für Letztere werde dies der Startpunkt der Urbacher Mitte II bleiben. „Wir hätten uns gewünscht, dass die Gemeinde etwas mehr Demut zeigt und ihren längeren Hebel nicht direkt betätigt. Hier geht es um viele junge Familien, deren Euphorie deutlich gebremst wurde. Und die fühlen sich jetzt im Stich gelassen.“ Das Gespräch bezeichnet einer der Betroffenen als „Farce unter dem Deckmantel der Transparenz“. Die Gemeinde habe sich damit nur rechtlich absichern wollen. Neben Worten des Bedauerns habe er auch Worte des Dankes vermisst. Schließlich sei auf ein Versäumnis hingewiesen worden und der Gemeinde somit Ärger erspart worden.

Einer, der bei dem Gespräch dabei war und auch die öffentliche Gemeinderatssitzung besucht hat, kann nur den Kopf schütteln: Verwaltung und Gemeinderat würden sich selbst nicht nur für ein angeblich transparentes Vorgehen loben (das erst durch aufmerksame Bauherren in die Wege geleitet wurde), sondern auch für die Nicht-Unterstützung (Bäuchle) der „blauäugigen Bauherren“ (Schlotz) – und sagen, es hätten ja alle die Möglichkeit zurückzutreten, denn es warteten bereits die nächsten 500 Interessenten (Holzwarth). „Hier zeigt sich ganz gut, wie weit weg selbst die Kommunalpolitik von den Bürgern ist und welche Überheblichkeit hier auf emotional und nun auch finanziell belastete Familien trifft.“