Urbach

Sind Waschbären im Rems-Murr-Kreis schon eine Plage oder völlig harmlos?

Waschbär
In Urbach haben Feuerwehrleute einen Waschbär in luftiger Höhe aus einer Astgabel befreit, in einen Sack gesteckt und wieder freigelassen. © Beytekin

Waschbären gelten als possierliche Tiere, sie sind schlau und ungemein geschickt. Vor ihrer Neugier und ihrem Hunger sind kein Gartenhaus, kein Dachstock und auch keine Mülltonne sicher. Doch mit ihrem Übermut bringen sie sich gern selbst in Gefahr. Am Mittwochabend steckte in Urbach ein Waschbär in einer Astgabel einer Tanne fest. Sein Gejammer rief die Anwohner in der Augustenstraße auf den Plan, die um ihren Schlaf fürchteten. Sie alarmierten die Feuerwehr, die das Tier aus seiner misslichen Lage in sechs, sieben Meter Höhe befreiten.

Mit festen Handschuhen packten die Feuerwehrmänner den Schupp, wie der Waschbär einst genannt wurde, am Schlafittchen und steckten ihn in einen Sack, berichtet Feuerwehrkommandant Hurlebaus von dem ungewöhnlichen Einsatz. Dem Vernehmen nach war der eingeklemmte Waschbär nicht allein. Sein Kollege suchte jedoch das Weite, als die Feuerwehr mit ihrer Leiter anrückte. Die Urbacher Feuerwehr entließ den eingefangenen Waschbär später unweit der Kläranlage in seine Freiheit.

Sich selbst in Gefahr zu bringen, scheint offenbar ein Charakterzug der aus Nordamerika stammenden Tiere zu sein, die sich hier freilich inzwischen heimisch fühlen. Im November 2019 hatte ein Waschbär in Waiblingen-Neustadt seinen Versuch nicht überlebt, unter einem Hoftor durchzuschlüpfen. Eingeklemmt, es ging weder vor- noch rückwärts. Die Feuerwehr wurde alarmiert, am Ende musste der Jagdpächter ran. Gnadenschuss, der Waschbär hatte sich das Rückgrat gebrochen.

Besser ist es im Januar dem Schupp in Esslingen ergangen, der sich in sechs Metern Höhe zwischen Hauswand und Fallrohr unterhalb der Regenrinne eingeklemmt hatte und festsaß. Als Polizei und Feuerwehr anrückten, wurde dem Räuber die Sache wohl zu heiß. Er befreite sich, kletterte noch um die Ecke, verlor dann aber den Halt und stürzte ab. Nach kurzer Benommenheit flüchtete er.



Streitfall Waschbär

An den Waschbären scheiden sich die Geister. Für Jäger handelt es sich beim Procyon lotor, wie der wissenschaftliche Namen lautet, um einen invasiven Räuber, der hier nichts zu suchen hat. „Ein Riesenproblem“, sagt Hartmut Unger, Pressewart der Kreisjägervereinigung Waiblingen, über den Schädling. Unger selbst hat eine Jagdbeteiligung in Schwaikheim und weiß, welche Schäden Waschbären in den Gartenhäusern anrichten. Vor ihren geschickten Krallen sei kein Fisch im Teich und kein Vogelnest in luftiger Höhe sicher. Waschbären sind hervorragende Kletterer – von Pannen wie in Urbach einmal abgesehen.

Wie sich der Waschbär in Europa ausbreiten konnte, darüber gibt es unterschiedliche Versionen. Sei es die Geschichte von zwei Waschbärpaaren, die ein Jäger in den 1930er Jahren zur Jagd im Sauerland ausgesetzt haben soll. Oder die, dass sich Waschbären am Ende des Zweiten Weltkrieges aus einer Pelztierzucht befreien konnten, die bei einem Bombenangriff beschädigt wurde. Oder auch die der „Nazi Racoons“. Der Nazi Hermann Göring, ein begeisterter Jäger, soll die Ansiedlung von Waschbären am nordhessischen Edersee angeordnet haben. Was dem Tier in England den Namen „Nazi Racoon“ eintrug.

Wie auch immer. Die Waschbären breiten sich mangels Feinden seither in Deutschland und Europa aus – und werden bejagt. Derzeit herrscht jedoch Schonzeit. Waschbären dürfen erst wieder ab August bis Ende Februar gejagt werden, sagt Hartmut Unger, der aber selbst ungern auf Waschbären oder auch auf Füchse anlegt.

Im Jagdjahr 2018/2019 sind im Rems-Murr-Kreis 485 Waschbären geschossen worden, im Jagdjahr 2019/2020 waren es bereits 556. Beim Kreisjagdamt rufen regelmäßig Bürgerinnen und Bürger des Rems-Murr-Kreises an, die sich in ihren Gärten durch Waschbären gestört fühlen, teilt das Landratsamt auf Anfrage mit. „Wir beraten sie, ihren Garten für Waschbären unattraktiv zu halten. Wir empfehlen, die Katzen im Haus zu füttern, damit die Waschbären nicht mehr an deren Futter herankommen, und keine Essensreste auf den Kompost zu werfen, und die Mülltonnen für Waschbären unzugänglich aufzubewahren.“

Keine Abschusspläne für den Schupp

Hätten sich Waschbären jedoch in einer Gartenhütte bereits gemütlich eingerichtet, sollten die Besitzer es ihnen durch Lärm ungemütlich machen und anschließend den Zugang verschließen. Als letzte Möglichkeit könne ab August nach Ende der Setzzeit eine Fallenfanggenehmigung beantragt werden. Ein Abschuss von Waschbären sei im städtischen Bereich im befriedeten Bezirk nicht möglich. Das Jagd- und Wildtiermanagementgesetz sehe auch für Wald und Feld keine Abschusspläne für Waschbären vor. Das Kreisjagdamt habe deshalb keine gesetzliche Grundlage, um den Abschuss von Waschbären einzufordern.

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hält hingegen die Gefahren für übertrieben, die der Waschbär angeblich für Tierwelt und Natur bedeutet. Die Naturschützer setzen deshalb ein Fragezeichen hinter die Forderungen, Waschbären stärker zu bejagen oder als invasive Tierart gar gänzlich auszurotten. Längst müsse der Waschbär als heimische Tierart gelten, zumal populationsökologisch sich gezeigt habe, dass Bejagung oder Fang mit dem Ziel, die Populationsdichte zu reduzieren, zumeist ohne Erfolg bleibt: Waschbären könnten Populationsverluste durch eine vermehrte Fortpflanzungsrate ausgleichen. „Durch umsichtiges Verhalten ist ein friedliches Neben- und Miteinander von Mensch und Waschbär möglich“, lautet das Fazit des Nabus.

Waschbär auf Baum,Augustenstr., Urbach, 27.05.2020.
Feuerwehreinsatz für einen Waschbären in Urbach. © Benjamin Beytekin

Zahlreiche Wildunfälle

Am Mittwochabend war aber nicht nur in Urbach tierisch was los. Es hat zahlreiche Wildunfälle gegeben, was in dieser Jahreszeit nicht unüblich ist. In Fellbach wurde ein Fuchs angefahren, der über die Landesstraße 1197 gerannt ist. Wenig später wurde zwischen Schorndorf und Welzheim auf der L1150 ein Reh getötet, das einem Ford in die Quere gekommen war. Kurz nach Mitternacht kollidierte auf der Bundesstraße 14 ein Toyota mit drei Rehen, die sich bei der Ausfahrt Korb auf der Fahrbahn herumgetrieben hatten. Den Blechschaden am Auto schätzt die Polizei auf etwa 10 000 Euro. Die drei Tiere waren tot. Und im Morgengrauen passierte in Weinstadt-Endersbach ein weiterer Wildunfall, dem ein Reh zum Opfer fiel.