Urbach

Urbach: Hölderlin-Rezitator Bernd Brosig an neuem Buch über den Dichter beteiligt

Bernd Brosig
Bernd Brosig mit dem Sammelband „Hölderlins frag-würdige Aktualität“. © Gabriel Habermann

„Er spielt noch richtig Klavier, aber höchst sonderbar. Wenn er drankommt, so bleibt er tagelang sitzen. Alsdann verfolgt er einen Gedanken, der kindisch simpel ist, und kann ihn viele Hundert Mal hindurchdrehen und dermaßen abspielen, dass man es nicht mehr aushalten kann.“

Die Rede ist hier nicht vom inspirierten Free-Jazz-Pianisten Cecil Taylor um 1990. Beschrieben wird so 1830 von Wilhelm Waiblinger der alte, im Wahn verfangene Dichter, Friedrich Hölderlin im Tübinger „Hölderlin-Turm“: Wild improvisierend, „mit unangenehmem Klappern seiner langen Fingernägel“. Im Alter von zehn Jahren hatte das hochmusikalische Kind einst gesitteten Klavier- und Flötenunterricht erhalten.

„Die Taliban in der Hölderlin-Gesellschaft!“

Musik also. Rhythmik, Sound, Groove. Das ist der zündende Funkenschlag zwischen dem 1770 geborenen Hölderlin (†1843) und dem gerade 75 gewordenen, seit langem in Urbach lebenden Bernd Brosig. Eine brennende, lebensbegleitende Passion. Und das nicht unproduktiv. Obwohl sich Brosig in Sachen Hölderlin als „Laie“ bezeichnet. Das aber durchaus provozierend in Richtung des „Klerus“, also der akademischen Gralshüter des Dichters, den, wie es schnaubend aus ihm herausfährt, „Taliban in der Hölderlin-Gesellschaft, die gar nicht wissen, was Groove ist!“

Brosig weiß es. 1962 (also vor 60 Jahren!) gründete er – gerade mal 15 – mit Freunden die „CS-beat-band“, eine Amateur-Combo in der er E-Bass spielte, und die sogar als Vorgruppe damaliger deutscher Star-Bands wie der „Lords“ und „Rattles“ im süddeutschen Raum auftrat.

Seltsam genug auch, dass ausgerechnet ein im NS volkstümelnd verstrickter Autor wie Otto Heuschele ihn als einer seiner ersten Deutschlehrer am Waiblinger Staufer-Gymnasium mit Hölderlin bekannt machte; was ihn damals zu eigenen Jugendgedichten inspirierte.

Nach einer Buchhändlerlehre bei Kohlhammer in Stuttgart und anschließender Tätigkeit in einer Werbeagentur und dann als selbstständiger Unternehmensberater schloss er nach dem Abendgymnasium ein Studium von VWL, Politik und Philosophie an. Dabei begann er sich besonders für Hirnforschung und die Leistungen des Gedächtnisses zu interessieren. Und begann Hölderlin-Gedichte auswendig zu lernen und laut zu rezitieren.

Nach dem Anhören von seinen in einem Tonstudio aufgenommenen Rezitationen stellte er fest: „Ich spürte die rhythmisierte Musikalität meines Sprechens, die eine instrumentale Begleitung emotional geradezu herbeisehnte.“ Und so fand er im Stuttgarter Jazz-Pianisten Joerg Reiter einen kongenialen Begleiter. 2012 entstand dann die als Lyric-Concert mit dem Titel „Hölderlin heute hören“ betitelte CD mit insgesamt 14 Gedichten Hölderlins.

Mit seinem brokaten Bariton zieht hier Brosig den Hörer durchaus verführerisch groovend, bisschen zwischen Homer und Rapper Hendrick Lamarr, in Bann. Unterlegt mit den lyrisch-perlenden, stimmungsvollen Echo-Piano-Sprengseln von Joerg Reiter, der schon 2015 tödlich verunglückte.

Wunsch: Vorträge an Gymnasien

Anfang des Jahres nun wurde Bernd Brosig angefragt, ob er zu einem Buch über „Hölderlins frag-würdige Aktualität“ beitragen wolle. Hat er gemacht. Und gerade erschienen, ist er dort nun mit einem Text über seine Hölderlinfaszination beteiligt. Und mehr noch, die Herausgeber haben sich entschieden, sogar seine Rezitations-CD dem Sammelband beizulegen.

„Mein Ziel ist es“, erklärt Brosig, „neue Schichten für Hölderlin zu interessieren. Eigentlich sollte ich mit Deutschlehrern im Gymnasium zusammenarbeiten, die mich zum Unterricht einladen.“

Aber ist Hölderlin denn noch aktuell? 1970, zur Jubiläumsfeier des 200. Geburtstages, war er eine Identifikationsfigur des Scheiterns der revolutionären Hoffnungen der 68er. Eine Wunde. Hölderlin und Lenz. Die an der Gesellschaft krank Gewordenen. Diskutiert mit neuen Texten von Peter Weiss, Peter Schneider oder des Franzosen Pierre Bertaux. Heute? Eher nix! Die üppig geplanten Gedenkfeierlichkeiten zum 250. Geburtstag im Jahr 2020 fielen so fast symbolisch ins Vergessen des Corona-Wassers.

Gibt’s doch noch einen Nachhall? Zwölf Tage vor seinem Tod schreibt Hölderlin sein vorletztes – sagen wir, automatisches – Gedicht über „Freundschaft“: „Der hohe Geist ist nicht der Freundschaft ferne / Die Menschen sind den Harmonien gerne / Und der Vertrautheit hold.“

Hölderlins Aktualität? Groove? Hässliches Fingernägelklappern? Harmonien?

„Er spielt noch richtig Klavier, aber höchst sonderbar. Wenn er drankommt, so bleibt er tagelang sitzen. Alsdann verfolgt er einen Gedanken, der kindisch simpel ist, und kann ihn viele Hundert Mal hindurchdrehen und dermaßen abspielen, dass man es nicht mehr aushalten kann.“

Die Rede ist hier nicht vom inspirierten Free-Jazz-Pianisten Cecil Taylor um 1990. Beschrieben wird so 1830 von Wilhelm Waiblinger der alte, im Wahn verfangene Dichter, Friedrich Hölderlin im Tübinger

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