Urbach

Wird es Flüchtlingsunterkunft? Warum das Hotel zur Mühle in Urbach verkauft wird

Hotel zur Mühle
Ljuba Wagner vor dem Hotel zur Mühle: „Es gibt keine andere Möglichkeit.“ © Gabriel Habermann

„Es tut schon weh“, sagt Ljuba Wagner. „Das Hotel läuft bombastisch.“ Trotzdem will die 57-Jährige das Hotel zur Mühle in Urbach, das ihr Mann Joachim 1999 übernommen und in seiner heutigen Form aufgebaut hat, unbedingt verkaufen. Interessenten gab es immer, aber nie wurde etwas daraus. Jetzt ist der Landkreis stark interessiert und prüft die Möglichkeit, eine Unterkunft für geflüchtete Menschen daraus zu machen. Es ist noch nichts entschieden. Ein schwieriger Schwebezustand für Ljuba Wagner und die Hotelangestellten.

Hotelgäste sind vor allem Geschäftsreisende

„Das Hotel ist voll“ sagt Ljuba Wagner. Sie sitzt an einem Nachmittag im Frühstücksraum, um ihre Geschichte zu erzählen und über die Gründe zu sprechen, warum sie verkaufen will. Nach der Pandemie mit den Lockdowns und Reiseeinschränkungen läuft das Geschäft im Hotel zur Mühle seit einiger Zeit eigentlich wieder richtig gut. 41 Zimmer hat es. Vor allem Geschäftsreisende mieten sich hier ein, sagt Wagner. Dass sie sich davon trennen will, hat andere Gründe. „Ich muss an mich denken“, sagt sie. Seit dem Tod ihres Mannes vor vier Jahren trägt sie alleine die Verantwortung.

Sie sei praktisch 24 Stunden jeden Tag hier, packe als Hotelchefin auch im Alltag überall mal mit an. „Ich habe heute Morgen die Bettwäsche abgezogen“, sagt sie. „Irgendwann will ich auch Luft haben. Es macht mir Spaß hier. Aber es ist auf Dauer kein Leben.“

Ljuba Wagner ist in Russland geboren, in einem kleinen Dorf auf dem Land. Sie wollte dort raus und ging mit 15 Jahren nach Estland. 21 Jahre blieb sie dort. Sie baute eine Firma auf, einen Obst- und Gemüsehandel mit elf Mitarbeitern. Doch irgendwann wurde das Geschäft immer schwieriger, es kamen Supermärkte, die günstigere Preise hatten. Im Jahr 2000 ging Ljuba Wagner nach Deutschland und ließ erneut alles hinter sich.

Wie sich die Wagners kennenlernten

In Deutschland lernte sie Joachim Wagner kennen. Sie arbeitete in einem Restaurant, er war immer wieder als Gast dort. Irgendwann lud er sie zum Kaffee ein. Als er sie zum ersten Mal mit zu sich nach Hause nahm, leichte Irritation: ein Hotel?

Joachim Wagner wohnte damals im Hotel zur Mühle, das er 1999 gekauft hatte. „Er war, als er es kaufte, 50 Jahre alt“, sagt Ljuba Wagner. Er habe zu der Zeit als Makler gearbeitet und das Hotel als Objekt zum Verkaufen bekommen. Erfahrungen in der Gastronomie habe er gehabt. „Er ist mit 22 Jahren nach Italien gegangen und hat dort sieben Jahre ein Restaurant geführt.“ Später habe er eine Gaststätte bei Heumaden gehabt, woher er stammt.

Der Vorbesitzer des Hotels zur Mühle sei bankrott gewesen, sag Ljuba Wagner, das Haus völlig heruntergewirtschaftet. Ihr Mann habe zu Beginn nur acht Zimmer vermieten können. Die anderen hätten sie dann über die Jahre nach und nach wieder herrichten müssen.

Das Hotel steht genau an der Stelle am Urbach, an der sich früher die Neumühle befand, daher der Name. Gebaut wurde es Ende der 80er Jahre. Schwierig war in dem Objekt für die Wagners, dass es eine große Eigentümergemeinschaft gibt: Jedes Zimmer gehört praktisch jemand anderem. Die Wagners haben über die Jahre fast alle Zimmer gekauft. Drei seien jedoch nach wie vor im Besitz anderer Leute, sagt Ljuba Wagner, und durch das Hotel nur gepachtet. Das direkt ans Hotel angebaute Mehrfamilienhaus gehört nicht zur Immobilie.

Mehrere Verkaufsgespräche sind gescheitert

Als ihr Mann 2018 starb, war für Ljuba Wagner schnell klar, dass sie das Hotel verkaufen muss. Neben ihr – und den drei Einzelzimmer-Besitzern – sind die beiden Töchter von Joachim Wagner aus erster Ehe als Erbinnen Mitbesitzerinnen. Es habe seither immer wieder Interessenten gegeben, sagt Ljuba Wagner. Aber mal scheiterte bei den Käufern die Finanzierung, mal sei unklar gewesen, was sie daraus machen wollen, deswegen hätten sie sich auf der Verkäuferseite dagegen entschieden.

So kämpfte sich Ljuba Wagner durch, überstand auch die Pandemie und hat jetzt wieder ein volles Haus – aber eigentlich zu wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sieben sind es derzeit, alle kommen stundenweise in Teilzeit oder auf Minijob-Basis. Neue Leute zu finden, sei schwer, vor allem weil sie ja auch nicht sagen könne, wie lange es das Hotel noch gebe.

Das ist auch für die bisherigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter keine einfache Lage. Manche sind schon lange dabei, teilweise schon von Anfang an, seit Joachim Wagner das Hotel übernommen hat. Auch deswegen, sagt Ljuba Wagner, tue es weh, es abzugeben, vielleicht mit dem Wissen, dass es nie wieder ein Hotel sein wird. „Aber es gibt keine andere Möglichkeit“, sagt sie.

Deswegen akzeptiert sie jetzt nach vier Jahren mit mehreren erfolglosen Verkaufsversuchen wohl oder übel auch die Aussicht, dass das Hotel aufhört zu existieren und vom Landkreis für die Unterbringung von geflüchteten Menschen umfunktioniert werden könnte. Ljuba Wagner sagt, sie warte jetzt, wie der Landkreis sich entscheide. Noch sei gar nichts sicher. Neuigkeiten gibt es dazu aktuell nicht. Die Pressestelle des Landratsamts schreibt auf Nachfrage: „Wir sind weiterhin in Gesprächen und prüfen die Nutzung als Unterkunft für Geflüchtete.“

„Es tut schon weh“, sagt Ljuba Wagner. „Das Hotel läuft bombastisch.“ Trotzdem will die 57-Jährige das Hotel zur Mühle in Urbach, das ihr Mann Joachim 1999 übernommen und in seiner heutigen Form aufgebaut hat, unbedingt verkaufen. Interessenten gab es immer, aber nie wurde etwas daraus. Jetzt ist der Landkreis stark interessiert und prüft die Möglichkeit, eine Unterkunft für geflüchtete Menschen daraus zu machen. Es ist noch nichts entschieden. Ein schwieriger Schwebezustand für Ljuba Wagner

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