Waiblingen

Ärzte: Das Image vom Halbgott in Weiß

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Dr. Anke Menikheim ist Ärztin in Bittenfeld. © ZVW/Alexandra Palmizi

Waiblingen. Feste und Einladungen, bei denen sie kurz mal um eine Diagnose gebeten wird, kennt sie aus Erfahrung. Nach einem Abend im Club im Spanienurlaub war ihr der Gesundheitszustand der Mutter des DJs bestens vertraut - ob sie den Abend genossen hat, ist ungewiss. Trotzdem: Dr. Anke Menikheim kann gut damit leben, Krankengeschichten und Gesundheitsprobleme zu erfahren, sobald sie sich als Ärztin geoutet hat. Ebenso wie mit den vielen anderen Klischees, die sich um den Beruf des „Doktors“ ranken. „Ich kann mir nichts Tolleres vorstellen, als Arzt zu sein“, sagt die Bittenfelder Hausärztin.

Wer über Klischees und Bilder nachdenkt, die Menschen mit Berufen verbinden, kommt am Arztberuf nicht vorbei. Extrem positiv sind die Vorstellungen, die sich viele von den Medizinern machen – aber auch extrem verschieden. Früher galt er als Halbgott in Weiß – der Mann, der Kranke gesund macht und auch sonst alles schafft. Die einen sahen ihn als smarten Porsche-Fahrer, die anderen verorteten ihn eher unter älteren kompetenten Professoren. Seine Diagnosen schienen so unfehlbar wie die Glaubenssätze des Papstes.

Ein super Image haben Ärzte noch immer – doch ein bisschen angekratzt ist es schon. Ausgebeutete Klinikärzte mit Hunderten von Überstunden werden bemitleidet, und zu deren niedergelassenen Kollegen bringen viele Patienten gleich die Diagnose aus dem Internet mit. „Das Klischee von der Unfehlbarkeit ist vorbei“, weiß Dr. Anke Menikheim. Für die Bittenfelder Allgemeinärztin und Anästhesistin ist das kein Grund zur Klage: „Das zeigt mir, meine Patienten zeigen Eigeninitiative.“

„Wir sind Ärztinnen“ – „und ich bin der Papst“

Die Klischees von Medizinern, sie haben sich offenbar geändert. Und, wer weiß: Für Frauen haben sie vielleicht nie gegolten. Neulich, erzählt die Ärztin, habe sie mit zwei Kolleginnen an einer Bar gestanden, als einer herkam und fragte, was sie so machen. „Wir sind Ärztinnen“, hätte sie geantwortet. Worauf der Mann sagte, „ja, und ich bin der Papst.“

Wie aber muss jemand aussehen mit zwei abgeschlossenen Facharztausbildungen und einem Doktortitel? Offensichtlich nicht wie die offene und jugendlich wirkende Ärztin aus Bittenfeld, die immer wieder für Verblüffung sorgt, wenn sie auf einer Party nach ihrem Job gefragt wird. „Das Klischee vom Halbgott in Weiß trifft nur auf Männer zu“, sagt Anke Menikheim, die sich schon während des Medizin-Studiums sagen lassen musste, sie studiere wohl „ein bisschen rum“. Viele Menschen, glaubt die 45-Jährige, könnten sich nicht wirklich vorstellen, wie schwer es tatsächlich sei, einen Studienplatz zu bekommen und dann das Medizinstudium zu bestehen.

Mediziner haben noch immer ein besonderes Image

Heute arbeitet die Mutter und Ärztin nach Jahren am Krankenhaus als Hausärztin in Bittenfeld – wobei auch ihre Praxis dort offenbar nicht unbedingt den gängigen Vorstellungen von einer Hausarztpraxis entspricht. Möbel in Buche, Wände in warmen Farbtönen, Bilder an den Wänden und viele Flyer über Vorsorge: So stellten sich viele eine Hausarztpraxis vor, weiß Anke Menikheim. Ihre dagegen ist durchgehend in schwarz-weiß gehalten. „Viele Patienten sagten, das ist jetzt doch was anderes“, erzählt sie lachend.

Noch leben ganze Fernsehserien vom Klischee, dass Ärzte alles können und jeden retten. Tatsächlich haben Mediziner noch immer ein besonderes Image, weiß auch Anke Menikheim. Nicht nur in den Gemeinderäten sind Ärzte landauf, Land ab gerngesehen: In Rudersberg, dem Wohnort von Familie Menikheim, sitzen gleich drei Mediziner im Rat. Sie selbst frage sich ab und zu bei manchen Bekannten, ob sie wohl auch miteinander Kontakt hätten, wenn sie beispielsweise Floristin und nicht Ärztin wäre: „Es ist halt immer geschickt, einen Arzt zu kennen, den man noch abends um zehn anrufen kann.“

"Wir lassen uns nicht regelmäßig untersuchen, wir machen das selbst"

Ein ganz anderes Klischee ist das Bild vom kerngesunden – und vor allem gesundheitsbewussten – Arzt. „Ärzte“, weiß Anke Menikheim, „sollten weder trinken noch rauchen, weil sie ja wissen, was gesund ist.“ Die Realität in eigener Sache sieht nach Anke Menikheims Beobachtungen oft anders aus, und das vor allem bei der Vorsorge: „Wir lassen uns nicht regelmäßig untersuchen, wir machen das selbst....“ Andererseits seien viele Ärzte richtige Hypochonder – vor allem auch, was deren Familien betrifft. Apropos Familien. Die müssten eigentlich alle in Saus und Braus leben – folgt man dem Klischee, dass Ärzte grundsätzlich reich sind. Falsch, sagt Anke Menikheim. Für junge Klinikärzte gilt das ohnehin nicht, bei den niedergelassenen Medizinern komme es auf die Fachrichtung an. Nur Ärzte, die mit vielen Apparaten arbeiten, könnten auch viel abrechnen. Bei Kinder- und Allgemeinmedizinern sehe das im Vergleich anders aus.

Und dann gibt es noch ein Klischee, das Anke Menikheim so richtig verkehrt findet: die Vorstellung, dass Mediziner immer alles leicht verkraften können. Andere Berufsgruppen erhielten im Notfall psychologischen Beistand, nicht aber die Ärzte. „Uns gehen die Schicksale auch nah“, sagt sie. „Ärzte brauchen Empathie. Es stimmt nicht, dass uns die Dinge nichts ausmachen.“


Und noch ein paar Klischees

Medizinstudenten lernen immer, saufen nie (Mitschüler)

Medizinstudenten lernen immer, saufen immer (Kommilitonen anderer Fachbereiche)

Alles super, wird Arzt (Familie über Medizinstudenten)

Goldstücke (Gesundheitsminister Jens Spahn über Medizinstudenten)

Irgendwie aushalten (Medizinstudent)

Niedergelassene Ärzte gibt es nicht auf dem Land (Zeitung)

Niedergelassene Ärzte spielen Golf (Bevölkerung)

Niedergelassene Ärzte behandeln nur Privatpatienten (Politik)

Niedergelassene Ärzte machen alles wieder gut (Patienten)

Niedergelassene Ärzte sind Verbrecher (Jameda und KV)

Irgendwie aushalten (Niedergelassener) Die Ärztin Nini Bela auf Twitter über Medizinstudenten und niedergelassene Ärzte.