Waiblingen

100 Millionen für schnelles Internet

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Die Zukunft des Internets ist Glasfaser. © Deutsche Telekom
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Hans-Jürgen Bahde ist Breitbandbeauftragter der Region Stuttgart.

Waiblingen/Stuttgart. Hans-Jürgen Bahde hat sich schwer gewundert, als er vor gut einem halben Jahr seinen Job als Breitbandbeauftragter angetreten hat. Die boomende Wirtschaftsregion Stuttgart hinkt bei Glasfaseranschlüssen hinterher. Fast nirgends gibt es wirklich schnelles Internet. Sein Auftrag lautet, dem lahmen Netz Beine zu machen. Im Rems-Murr-Kreis müssen mehr als 100 Millionen Euro investiert werden.

In Sachen Gesprächstempo nimmt es Hans-Jürgen Bahde locker mit dem Hochgeschwindigkeitsnetz auf. Breitband, Glasfaser, Open Access, Backbone. . . „Ich kann nichts anderes als TK und IT“, sagt er auf die Frage, was er beruflich gemacht hat, bevor er zum Breitbandbeauftragten wurde, und spult eine lange Liste an Jobs in der Telekommunikation und Informationstechnik herunter. Zuletzt war der 58-Jährige Vorstandsvorsitzender der Transtec AG, einem Spezialisten für Hochleistungscomputer aus Reutlingen.

Als Breitbandbeauftragter bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Region Stuttgart (WRS) ist er in der Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Die Digitalisierung, Industrie 4.0 und mithin ein schnelles Internet sind entscheidende Themen für die Region schlechthin. Nachdem er rund die Hälfte der 179 Rathäuser in der Region abgeklappert hat, ist sein Eindruck, dass die Breitbandinitiative nach wie vor in den Kinderschuhen steckt. Nicht nur im Rems-Murr-Kreis sind viele Bürgermeister skeptisch, auf was sie sich einlassen sollen. Sie wissen bloß, dass die Glasfaserversorgung ihrer Bürger einen Haufen Geld kostet, und sie hoffen inständig, dass es die Privatwirtschaft irgendwie richtet.

„Vectoring ist nicht die Zukunft, absolut nicht!“

Hat sie nicht und wird sie nicht, sagt Bahde. Das zeigt die aktuell miserable Versorgung mit schnellem Internet. Schnell bedeutet für Bahde nämlich wirklich schnell und nicht bloß auf 100 MBits/s gedopte Kupferkabel, wie sie die Deutsche Telekom mit ihrer Vectoring-Initiative propagiert und gern publikumswirksam in Szene setzt. „Vectoring ist nicht die Zukunft“, sagt Bahde, „absolut nicht!“ Die Zukunft ist Glasfaser. Doch er ist Realist und weiß: Ohne die Telekom und die anderen TK-Anbieter ist ein flächendeckender Ausbau des Glasfasernetzes weder möglich noch sinnvoll. „Alle schimpfen auf die Telekom“, verteidigt er den einstigen Monopolisten. Er hat Verständnis, dass sie ihr gut ausgebautes Kupferkabelnetz möglichst lang ausmosten möchte und die Investitionen in Glasfaser auf die lange Bank schiebt.

Die Gespräche mit der Privatwirtschaft, die er seit einem halben Jahr führt, haben ihn ermutigt, dass der Ausbau des Glasfasernetzes zusammen mit Telekom & Co. hinzubekommen ist. Voraussetzung seien Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit bei der Frage, wo die Telekoms selbst bauen und wo „Weiße Flecken“ bleiben und die öffentliche Hand am Zug ist. Von diesen gibt es vor allem im ländlich geprägten Norden und Nordosten des Kreises eine ganze Menge.

312 Kilometer Datenautobahn zwischen Rems und Murr

Zwischen Rems und Murr hat der Aufbau des 312 Kilometer langen Backbone-Netz begonnen. Von den Datenautobahnen wird es in jede der 31 Städte und Gemeinden Abfahrten ins örtliche Glasfasernetz geben. Kostet das Backbone rund 13 Millionen Euro, so müsse man für die kommunalen Netze mit der sechs- bis siebenfache Investitionssumme rechnen, schätzt Bahde.

Ein entscheidendes Kriterium für den Ausbau ist „Open Access“. Das Glasfasernetz müsse für jeden offen sein. Der Charme einer kommunalen Trägerschaft des Netzes ist nicht nur der offene Zugang, sondern dass sich die Investition für die Städte und Gemeinden durch die Pachteinahmen über die Jahre hinweg lohnt. Deshalb sei es unabdingbar, schon heute bei jeder Tiefbaumaßnahmen Leerrohre mitverlegt werden. Das kostet verhältnismäßig wenig und rentiere sich immer, wirbt Bahde für dieses kleine Detail.

"Wer sich zuerst bewegt, hat verloren"

Er hat Verständnis für die Angst einiger Rathauschefs, dass ihre Investitionen in das Glasfasernetz floppen könnten. In der Branche gelte der Grundsatz: „Wer sich zuerst bewegt, hat verloren.“ Der Erste bezahlt den teuren Tiefbau – aber alle anderen dürfen ihre Leitungen mitverlegen. „Das ist eine große Gefahr.“ Umso wichtiger sei es deshalb, die Telekommunikationsunternehmen von Anfang an einzubinden und abzuklären, wo Telekom & Co selbst Glasfaser verlegen wollen und was die Kommunen selbst ausbauen müssen. Der Breitbandbeauftragte hat eine Marktabfrage gestartet. Bahde erkennt bei den TK-Firmen einen Strategiewechsel von der Konfrontation zur Kooperation mit der öffentlichen Hand.

Keinesfalls dürfe ein Glasfasernetz entstehen, dass nicht wirklich zukunftsfähig ist, nennt er als ein Negativbeispiel das Stromnetz. Es ist nicht für die Anforderungen der E-Mobility mit Schnellladestationen gerüstet. Beim Glasfasernetz heißt dies, dass beispielsweise Straßenlaternen zu „smarten Stationen“ werden, künftig als Wlan- und Ladestation für E-Autos dienen sowie als Funkmast für den 5G-Mobilfunk. Diese Anforderungen beim Netzausbau zu berücksichtigen, sei nur mit einer guten Koordination möglich. Die Komplexität des Breitbauausbaus sei ausgesprochen hoch. Zuständig soll die das Regionale Breitband Kompetenz-Center in der Region sein. In den Landkreisen gebe es Zweckverbände, deren Standortmanager die innerörtlichen Initiativen abstimmen.

"Das ist das Minimum für diese Wirtschaftsregion!“

Bis 2025 sollen sämtliche Gewerbegebiete am Glasfasernetz angeschlossen und sein und 50 Prozent der Privathaushalte, lautet das ambitionierte Ziel der regionalen Breitbandinitiative. Bis 2030 sollen 90 Prozent aller Haushalte schnelles Internet haben. Umsonst ist der Anschluss nicht. Je Gebäude kostet ein neuer Glasfaseranschluss zwischen 1000 und 2000 Euro. Erfahrungsgemäß lässt sich einer von drei Haushalten anschließend, wenn in der Straße Glasfaser verlegt wird. Bis 2020 wird die Glasfaserversorgung von heute kläglichen 1,7 Prozent auf 20 Prozent steigen. „Das ist das Minimum für diese Wirtschaftsregion!“

Schnelles Internet für alle - vor allem im Norden und Nordosten

Im April 2017 hat die Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Region Stuttgart (WRS) Hans-Jürgen Bahde als Breitbandbeauftragten bestellt. Zu seinen Aufgaben gehört die Planung eines Backbone-Netzes, also von Glasfaser-Zubringerleitungen, an die sich kommunale Netze anschließen können. Zudem soll Bahde den Ausbau regional koordinieren und eng mit den Breitbandbeauftragten der Kreise und der Stadt Stuttgart zusammenarbeiten und sie beraten. Bei Glasfaseranschlüssen gehört Deutschland mit einer Quote von 6,7 Prozent zu den schlecht versorgtesten Ländern in Europa.

Im Rems-Murr-Kreis startete der Ausbau des insgesamt 312 Kilometer langen Backbones Ende Februar, als der Kreistag die ersten Teilstücke des Netzes im Weissacher Tal und im Raum Welzheim ausschrieb. Vorrang beim zehnstufigen Ausbau des Breitbandnetzes im Kreis haben die Notstandsgebiete im Norden und Nordosten.

Für Bahde ist es nur eine Frage der Zeit, bis jedes Haus am Glasfasernetz hängt: „Der Druck der Bürger und des Gewerbes wird dafür sorgen, dass es überall schnelles Internet geben wird.“ An Glasfasernetzen führt kein Weg vorbei, weil der Datenhunger unermesslich ist. Der Breitbandbeauftragte sieht im Rems-Murr-Kreis gute Chancen, dass das schnelle Internet dank der Fördermittel des Bundes und des Landes speziell für den Ländlichen Raum schnell vorankommt.