Waiblingen

90 Jahre Stihl

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Dr. Nikolas Stihl. © ZVW
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Kriegs- und Nachkriegszeit, Seite 66: Mia Stihl mit ihren vier Kindern Eva, Ruediger, Gerhild und Hans Peter sowie dem Kindermaedchen./War and post-war period, page 46: Mia Stihl with her four children, Eva, Ruediger, Gerhild and Hans Peter, and nanny. Foto: STIHL Bildarchiv, Waiblingen © privat
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Kriegs- und Nachkriegszeit, Seite 62: Frueh uebt sich: Hans Peter Stihl als Schlepper-Fahrer./War and post-war period, page 42: Starting young: Hans Peter Stihl as tractor driver. Fotograf STIHL Bildarchiv, Waiblingen © privat
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Gemeinsame Jahre des Aufbaus, Seite 84: Eva und Hans Peter Stihl stehen dem Vater im Unternehmen zur Seite./A joint effort, page 62: Eva and Hans Peter Stihl stand by their father in the company. Fotograf STIHL Bildarchiv, Waiblingen © privat
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© Sarah Utz
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Stihl Bilder von früher Hier Mann an der Kettensäge © privat
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© Sarah Utz

Waiblingen-Neustadt. 90 Jahre Stihl: Das ist nicht nur die lange Erfolgsstory eines Unternehmens, sondern auch eine besondere Familiengeschichte. Bereits zweimal haben Stihls geschafft, woran andere Unternehmerfamilien scheiterten: einen problemlosen Generationenwechsel. Das gute Verhältnis der Familienmitglieder ist indes kein Zufall: „In einer Familie muss man aktiv dran arbeiten und sich häufig treffen“, sagt Beirats- und Aufsichtsratsvorsitzender Nikolas Stihl.

Video: Interview mit Niklas Stihl, Vorsitzender von Beirat und Aufsichtsrat

1926 wird die Daimler-Benz AG gegründet. Die amerikanische Schwimmsportlerin Gertrude Ederle geht als erste Frau in die Sportgeschichte ein, weil sie den Ärmelkanal durchschwimmt. Und in der Rotebühlstraße 43 in Stuttgart eröffnet der Maschinenbauer Andreas Stihl ein kleines Ingenieurbüro. Seine Vision: Den Menschen die Arbeit mit und in der Natur zu erleichtern. Der junge Stihl entwickelt seine erste Motorsäge, die damals noch stolze 53 Kilo schwer ist und legt damit den Grundstein für das spätere Sägenimperium.

„Stihls Waschmaschine, die Freundin der Hausfrau“

Viel Mut und Einfallsreichtum braucht er in den Folgejahren. Um die Beschäftigung seiner Mitarbeiter zu sichern, startet der Jungunternehmer in den 30er Jahren mit Waschmaschinen eine zweite Produktlinie. Mit „Stihls Waschmaschine, die Freundin der Hausfrau“, wirbt Waschmaschinenfabrikant Andreas Stihl elegant um die Verbraucherin: „Groß in der Leistung – klein im Verbrauch. Heiß das Wasser - Weiß die Wäsche und trotzdem billig“, steht auf den Reklamezetteln: „Der Waschtag wird zum Freudentag.“

Wir wissen nicht, ob der Waschtag dank Stihl eine reine Freude wurde: Andreas Stihl jedenfalls schaffte es, aus dem kleinen Ingenieurbüro ein bedeutendes Unternehmen zu machen. Und das auch mit Hilfe seiner vier Kinder, Hans Peter, Eva, Gerhild und Rüdiger. 1959 und 1960 treten Tochter Eva und Sohn Hans Peter und in die Firma ein. Ein Jahr später wandelt Andreas Stihl das Unternehmen in eine KG um und beteiligt seine vier Kinder zu gleichen Teilen als Kommanditisten. Zu diesem Zeitpunkt zählt Stihl knapp 640 Mitarbeiter und erwirtschaftet rund 25 Millionen DM.

Bruder und Schwester in einem Büro

Als Andreas Stihl mit 76 Jahren nach langer schwerer Krankheit stirbt, übernehmen seine Kinder Hans Peter und Eva das Steuer. Dass sie das überaus erfolgreich tun, führen sie später auch auf ihr gemeinsames Büro zurück. Ausgesprochen vertrauensbildend empfanden es Bruder und Schwester, von Schreibtisch zu Schreibtisch zu reden und nicht übers Telefon oder Mail kommunzieren zu müssen. 1978 tritt ihr Bruder Rüdiger Stihl ins Unternehmen ein, Gerhild Schetter, geborene Stihl, ist weitere Kommanditistin. 1992 steht die dritte Generation in den Startlöchern: Nikolas Stihl, Hans Peter Stihls ältester Sohn, tritt ins Unternehmen ein. Große Veränderungen stehen an: 2002 zieht sich die Familie aus dem operativen Geschäft zurück – ein familienfremder Vorstand lenkt jetzt die Geschicke. 2012 übernimmt Nikolas Stihl, der bis dahin Geschäftsführer des von Stihl übernommenen Gartengerätrehersteller Viking war, den Vorsitz von Beirat und Aufsichtsrat. Sein Vater wird Ehrenvorsitzender, seine Tante Eva Mayr-Stihl bleibt stellvertretende Beiratsvorsitzende.

Dass er einmal ins Unternehmen einsteigen würde, war für den technikbegeisterten Nikolas immer klar. Schon in den 60er Jahren spielte er am liebsten mitten in der Firma. War es nie auch mal eine Last, Sohn und Enkel so erfolgreicher Männer zu sein? Nein, sagt Nikolas Stihl spontan. Seine Kindheit sei sehr glücklich gewesen. „Es war für mich nie eine Frage, dass ich in die Firma gehe.“ Anfangs sei sein Vater noch etwas weniger eingespannt gewesen. Das habe sich geändert, als Hans Peter Stihl neben der Unternehmensführung auch politische Ämter übernahm. „Die Firma war immer präsent“, erzählt der 56-Jährige.

Nach seinem Maschinenbau-Studium arbeitete er in der Motorenkonstruktion bei Mercedes-Benz und später als Berater mit den Schwerpunkten Technik und Logistik bei der Unternehmensberatung Arthur D. Little. Dort habe er ungeheuer viel gelernt, sagt der 56-Jährige. „Zum Beispiel, mit unvollständigen Informationen etwas anfangen zu können“, erklärt er und lacht. „Bei einer Unternehmensberatung müssen Sie zügig analysieren und Thesen aufstellen.“ Dies sei dann aber erst der Einstieg in die Diskussion. „Wenn man das nicht versteht, glaubt man, da kommen ein paar Besserwisser.“ Unglaublich spannend sei es gewesen, unterschiedliche Blickwinkel einzunehmen, und davon profitiere er noch heute. Noch immer treffe die Familie die maßgeblichen strategischen Entscheidungen, seine Aufgabe sei es, die Entscheidungsfindung zu moderieren. „Um sinnvoll entscheiden zu können, muss ich mich vor Ort informieren, mit Mitarbeitern und Händlern sprechen und Infos bei der dortigen Presse holen.“ Bei allen Entscheidungen müssten die Rahmenbedingungen in den Ländern beachtet werden.

Mit 36 eigenen Vertriebs- und Marketinggesellschaften sowie Produktionsstätten in sieben Ländern ist Stihl auf dem ganzen Erdball präsent. Eine knappe Milliarde Euro sollen bis 2019 investiert werden, ein Drittel davon in Waiblingen. Bei all dem, sagt Nikolas Stihl, trägt die Vision seines Großvaters noch heute. Menschen die Arbeit mit und in der Natur zu erleichtern und ihnen mit Stihl-Produkten Kraft zu geben, um zu wachsen, das gelte heute wie vor 90 Jahren. Auch angesichts der künftigen Herausforderungen. Der technologische Wandel, etwa die rasante Entwicklung der Akku-Technik und beim Internet of Things, brächten zahllose Veränderungen, auch bei den Produktionsbedingungen. „Die Arbeitswelt wird sich verändern“, ist er überzeugt. „Das wollen wir mitgestalten.“

Der Zusammenhalt der Familie

Dass seine ganze Familie hinter ihm steht, darauf kann er sich verlassen. Noch immer ist es guter Brauch bei Stihls, so oft wie möglich, in der Kantine des Werks I zusammen zu essen. Dabei, sagte seine Tante Gerhild Schetter einmal, erfahren alle Familienmitglieder alles auf dem kleinen Dienstweg. Auch in Zukunft soll Stihl zu 100 Prozent ein Familienunternehmen bleiben – dafür sorgt auch ein Gesellschaftsvertrag. Gesellschafter sind neben den vier Kindern des Firmengründers Andreas Stihl deren Söhne und Töchter. Zuversichtlich für die Zukunft ist die Familie aber auch angesichts der kommenden Generation: Nikolas Stihl, seine Geschwister, seine Cousins und Cousinen haben zusammen zehn Söhne und Töchter.

Natürlich, räumt Nikolas Stihl ein, gebe es wie in jeder guten Familie auch mal Konflikte. Das gelte für die Firma, die sich durch ein besonders gutes Mitarbeiterklima auszeichnet, und für die Familie selbst. „Aber bei uns“, sagt Stihl, „werden die Auseinandersetzungen so geführt, dass man sich hinterher noch in die Augen sehen kann.“

15000 Mitarbeiter

Die Firma Stihl beschäftigt heute rund 15 000 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz von 3,25 Milliarden Euro. Stihl sorgt mit 36 eigenen Vertriebs- und Marketingsgesellschaften sowie einem dichten Netz von 120 Importeuren für eine Marktpräsenz rund um den Erdball.

Die weltweiten Investitionen erreichten mit 235 Millionen Euro im Jahr 2015 den höchsten Stand der Unternehmensgeschichte. In den kommenden Jahren investiert Stihl weltweit eine Milliarde Euro. In Waiblingen weihte Stihl im März dieses Jahres eine neue Produktionslogistik und einen 12 600 Quadratmeter großen Erweiterungsbau für das Entwicklungszentrum ein.