Waiblingen

Abfallbilanz 2016: Mehr Einwohner, mehr Geld, mehr Müll

Biogasanlage
AWG-Geschäftsführer Gerald Balthasar. © Habermann / ZVW

Waiblingen/Stuttgart. Der Rems-Murr-Bürger hat 2016 etwa neun Kilogramm mehr Müll in seine Graue und Braune Tonne geworfen als ein Jahr zuvor. Gegen den Trend in Baden-Württemberg, wo das Haus- und Sperrmüllaufkommen pro Kopf gesunken ist. AWG-Geschäftsführer Gerald Balthasar tut sich schwer mit Erklärungen. Es könnte zwei Gründe geben: mehr Einwohner und mehr Geld. Eine Grafik zur Abfallbilanz finden Sie hier und den Gebührenvergleich hier.

Dass mehr Menschen auch mehr Abfall wegwerfen, liegt auf der Hand. Die Einwohnerzahl im Rems-Murr-Kreis ist in den beiden vergangenen Jahren gestiegen. Stichwort: Flüchtlinge. Seit Herbst 2015 hat der Landkreis rund 5000 Geflüchtete aufgenommen. Die gute Konjunktur in der Region Stuttgart lockt aber darüber hinaus viele Menschen auf der Suche nach Jobs in die Region und sorgt für einen regen Zuzug – und damit höhere Abfallmengen.

Sperrmüllaufkommen im Rems-Murr-Kreis stark erhöht

Bei der Abfallbilanz 2016 sticht eine Zahl für den Rems-Murr-Kreis ins Auge: die drastische Steigerung beim Sperrmüll. Um satte 2000 Tonnen auf 9400 Tonnen hat sich im vergangenen Jahr das Sperrmüllaufkommen im Rems-Murr-Kreis erhöht. Dies erklärt, weshalb das Aufkommen beim Haus- und Sperrmüll stieg. Gerald Balthasar kann sich diese Steigerung nur so erklären: Die Bürger haben sich im vergangenen Jahr größere Anschaffungen geleistet und im Gegenzug viel altes Zeug auf den Müll geworfen. Dass viele Möbel auf dem Müll landen, zeigt der hohe Anteil an Holz im Sperrmüll, nämlich rund die Hälfte. An der Abfallbilanz des Landes, die am Montag in Stuttgart vorgestellt wurde, ärgert Balthasar ein wenig, dass dieses Holz aus den Sperrmüllsammlungen nicht als Wertstoff gezählt wird, obwohl es selbstverständlich verwertet wird.

Der Sperrmüll-Boom im Kreis: 22 Kilogramm pro Einwohner

Der Rems-Murr-Kreis steht mit seinem Sperrmüll-Boom auf verlorenem Posten. 2016 flogen im Kreis 22 statt 18 Kilogramm im Jahr zuvor auf den Müll. In den ebenfalls prosperierenden Nachbarkreisen sind die Sperrmüllmengen aber nicht in dem Ausmaß gestiegen wie im Rems-Murr-Kreis, sondern stagnierten oder gingen in der Landeshauptstadt sogar von 30 auf 25 Kilo je Stuttgarter zurück. Einzig im Landkreis Göppingen erhöhten sich ebenfalls die Pro-Kopf-Mengen, nämlich von 17 auf 23 Kilogramm.

Unterstelller: "Haus- und Sperrmüllaufkommen ist erneut gesunken"

Am Montag hat das Umweltministerium die Abfallbilanz 2016 vorgestellt. Minister Franz Untersteller: „Das Haus- und Sperrmüllaufkommen ist erneut gesunken - auf einen Rekordwert von 141 Kilogramm pro Kopf.“ Die Bilanz weist insgesamt 50 Millionen Tonnen an Abfällen aus, die im Land im Jahr 2016 zusammengekommen sind. Das sind drei Millionen Tonnen mehr als im Jahr zuvor. Bei rund 38 Millionen Tonnen handelt es sich um Abfälle, die Industrie- und Gewerbebetriebe direkt entsorgt haben. Die weiteren knapp zwölf Millionen Tonnen sind Abfälle aus privaten Haushalten und der Bauwirtschaft sowie haushaltsähnliche Abfälle der Industrie, die den öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgern in den Stadt- und Landkreisen überlassen wurden.

Das Aufkommen an Haus- und Sperrmüll einschließlich Geschäftsmüll aus öffentlicher Sammlung ist im Vergleich zum Vorjahr 2015 um rund 6000 Tonnen auf nun 1,53 Millionen Tonnen gesunken. Zu verdanken sei das dem Biomüll, der mit wenigen Ausnahmen inzwischen getrennt gesammelt und erfasst werde, also in der Summe der häuslichen Abfälle nicht mehr zu Buche schlägt, heißt es in einer Pressemitteilung zur Abfallbilanz. Dass das Gesamtaufkommen an häuslichen Abfällen, einschließlich getrennt erfasster Wertstoffe aus Haushalten sowie Abfällen aus der Biotonne, sich dagegen um 1,6 Prozent auf 3,87 Millionen Tonnen erhöht habe, sei wegen der erneut gestiegenen Bevölkerungszahl im Land nicht anders zu erwarten gewesen, so Untersteller. „100 000 Einwohner mehr produzieren auch mehr Müll.“


Viel aussagekräftiger sei, wie sich das Pro-Kopf-Aufkommen verändert hat. „Im Vergleich zum Vorjahr“, so der Minister, „ist das durchschnittliche Haus- und Sperrmüllaufkommen in Baden-Württemberg auf einen neuen Rekordwert von nur noch 141 Kilogramm pro Kopf gesunken. Damit haben wir einmal mehr unsere bundesweite Spitzenstellung behauptet.“

Der Rems-Murr-Kreis liegt mit 126 Kilogramm pro Einwohner in etwa im Mittelfeld. Die Müllmengen pro Kopf haben ein enormes Stadt-Land-Gefälle: je städtischer, desto mülllastiger. Mannheim ist mit 246 Kilogramm je Einwohner die Müllhauptstadt in Baden-Württemberg. Die Kategorie „Städtische Kreise“ führt der Kreis Calw an. Dort ist das Aufkommen an Haus- und Sperrmüll pro Kopf um zwei Kilogramm auf 66 Kilogramm gesunken.

Direkte Vergleiche zu ziehen ist schwer

Im Hinblick auf die großen Differenzen in den einzelnen Stadt- und Landkreisen erläuterte Untersteller: „Wir haben in jedem Kreis besondere regionale Rahmenbedingungen, eine unterschiedliche Wirtschafts- und Besiedlungsstruktur und sehr unterschiedliche Dienstleistungsangebote der öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger.“ Das mache es schwer, direkte Vergleiche zu ziehen. „In der Regel fallen in ländlichen Gebieten weniger Restabfälle an als in Kreisen mit großen Städten und einer hohen Bevölkerungsdichte.“

Vier-Personen-Haushalt kommt hier billiger weg als im Durchschnitt

Im Jahr 2017 beträgt die durchschnittliche Jahresabfallgebühr für einen Vier-Personen-Haushalt 151,06 Euro. Dies bedeutet zwar gegenüber dem Vorjahr einen An-stieg um 65 Cent. Die Gebühr liege jedoch noch immer auf einem sehr niedrigen Niveau. „Dass wir trotz erheblicher Investitionen in unsere Entsorgungs- und Verwertungsanlagen Abfälle noch immer zu derart günstigen Preisen entsorgen können, belegt einmal mehr die Spitzenstellung der baden-württembergischen Abfallwirtschaft“, sagte der Umweltminister.

Im Rems-Murr-Kreis muss ein Vier-Personen-Haushalt inklusive Biotonne mit 109 bis 128 Euro pro Jahr für seinen Müll kalkulieren. Immerhin sind die Gebühren seit dem Jahr 2000 stabil geblieben. Dass die Zeiten stabiler Gebühren zu Ende gehen könnten, hat AWG-Geschäftsführer Balthasar vor Monaten im Kreistag angedeutet. In der Abfallwirtschaft würden sich eine Reihe von Rahmenbedingungen ändern und Wertstoffe müssten neu ausgeschrieben werden, bereitete Balthasar damals die Kreisräte auf Gebührenerhöhungen vor. Auf Anfrage wollte sich der AWG-Geschäftsführer nun aber nicht zu einer möglichen Erhöhung äußern. „Wir sind gerade in der Kalkulationsphase.“


Gebührenvergleich

Der Rems-Murr-Kreis steht mit seinen Gebühren im Vergleich zu den Nachbarn gut da. In Ludwigsburg sind für einen Vier-Personen-Haushalt inklusive Biotonne 157 Euro fällig, in Stuttgart 141 Euro und in Göppingen, einem der Spitzenreiter im Land, sogar zwischen 175 und 212 Euro. Billiger wird der Abfall nur in Esslingen entsorgt. Dort zahlt der Vier-Personen-Haushalt nur 90 Euro.

Zu beachten ist aber bei dem reinen Preisvergleich, dass sich die Dienste der Müllmänner von Kreis zu Kreis unterscheiden. Um nur ein Beispiel zu nennen: Während sich der Stuttgarter seine Mülltonnen aus den Höfen und Gärten auf die Straße holen lässt, muss der Bürger zwischen Rems und Murr selbst Hand an die Tonnen legen und diese vor die Tür stellen, damit sie auch geleert werden. Mancherorts werden die Mülleimer sogar gereinigt! Und auch beim Abholrhythmus gibt es Unterschiede.