Waiblingen

Abzocke mit einem Defibrillator

Abzocke mit einem Defibrillator_0
Elternsprecher Andreas Reichenauer hält das Geschäft mit dem Defibrillator für Abzocke. © Büttner / ZVW

Waiblingen. Im Salier-Gymnasium hängt ein Defibrillator, der im Falle eines Herzinfarkts lebensrettend sein soll. Derzeit sorgt er indes eher für Bauchweh: Die Firma Defimed wirbt bei Waiblinger Unternehmern dafür, das Gerät an der Schule zu sponsern - sponsert damit in erster Linie aber sich selbst: Die Sponsoreneinnahmen übersteigen bei weitem die Kosten fürs Gerät.

Im Salier-Gymnasium hängt schon seit neun Jahren ein Defibrillator an der Wand. So lange ist es her, dass der über zwölf Jahre laufende Vertrag abgeschlossen wurde. Das Gerät wurde kostenlos angebracht, im Gegenzug sollte Defimed dafür Sponsoren suchen dürfen, so die bestrickend einfach klingende Idee.

Alle drei Jahre wird das Gerät seitdem ausgetauscht, dann werden wieder neue Sponsoren gesucht, die den Notfall-Apparat finanzieren sollen und dafür auf einer danebenstehenden Tafel veröffentlicht werden.

Neun Jahre lang scheint dies geräuschlos vonstattengegangen zu sein, doch in letzter Zeit haben sich die Beschwerden über die Berliner Firma bei deren Sponsorensuche gehäuft. Salier-Schulleiter Peter Schey weiß allein von drei Anrufern, die sich bei der Schule beschwert haben.

Bei mehreren Sponsoren kommt viel Geld zusammen

Eine von denen, bei denen Defimed um Fördergelder geworben hat, ist Doris Wallner. Von einer Dame sei sie gefragt worden, ob sie sich an einem Defibrillator für die Schule beteiligen wolle. Weil Wallner selbst zwei Kinder an der Schule hat, vereinbarte sie einem Termin. Ein wenig seltsam war ihr der Anruf aber schon vorgekommen. Deshalb wandte sie sich an Elternsprecher Andreas Reichenauer, der dann auch bei dem Treffen mit dem Defimed-Vertreter dabei war.

1000 Euro sollte sie zahlen für den guten Zweck und dafür eine kleine Anzeige auf der Tafel in der Schule bekommen. Mit dem Geld werde der Defibrillator gekauft. Als Wallner und Reichenauer darauf hinwiesen, dass das Gerät nur einen Bruchteil der bei mehreren Sponsoren zu erwartenden Sponsorengelder koste, habe das Gespräch schnell geendet. „Ich finde es heftig“, sagt Doris Wallner. „Keiner denkt sich was dabei. Man glaubt, das Geld ist für die Schule, meint, das ist sinnvoll.“

Genervt vom Auftreten des Defimed-Vertreters

„Abzocke“ nennt Elternsprecher Andreas Reichenauer das Geschäftsmodell der Firma. Ein Defibrillator koste 1500 bis 2000 Euro. „Die nehmen ein Vielfaches ihrer Kosten ein.“ Den Vertrag hat Schulleiter Peter Schey gekündigt. Übernommen hatte er ihn von seinem Vorgänger und im Prinzip auch für eine gute Sache gehalten. Mittlerweile habe er aber erfahren, wie und welche Gelder akquiriert werden: „Da geht ein kleiner Teil an die Schule und ein großer an die Firma“, hat er gemerkt.

Zudem habe ihn das Auftreten des Defimed-Vertreters genervt, der ihm am letzten Schultag vor den Sommerferien einen neuen Vertragsteil kurz unterschieben wollte. „Es sollte wieder ein neues Gerät geliefert werden“, sagt Schey. „Damit verbunden war, dass ich plötzlich auch eine Werbebox erstellen, auf der Homepage der Schule werben und zu einem Pressetermin einladen sollte.“ Auch ein neues Schreiben der Schule, dass der Mann fürs Salier-Gymnasium unterwegs ist, wurde kurzfristig verlangt. All das hatte der Schulleiter verweigert, weil er sich nicht unter Druck setzen lassen wollte.

Wie viel Geld wird eigentlich gesammelt?

Nach den Elternbeschwerden fragt sich Peter Schey inzwischen auch, wie Defimed im Namen der Schule auf die Gewerbetreibenden zugeht. „Und wie viel Geld wird eigentlich gesammelt?“ Darüber gebe es keinerlei Auskunft.

Die Geschäftsidee ist jedenfalls lukrativ. Auch in anderen Schulen und Sportvereinszentren hat Defimed deutschlandweit seine Defibrillatoren an den Mann gebracht – und dabei mit der Hilfsbereitschaft der Gewerbetreibenden gute Geschäfte gemacht. Als Elternvertreter Andreas Reichenauer den Firmennamen googelte, stellte sich schnell raus, dass sein Unbehagen berechtigt war. Zahlreiche Unternehmer fühlen sich über den Tisch gezogen. „Das Salier-Gymnasium soll wegen dieser Firma aber nicht in ein schlechtes Licht geraten“, sagt Andreas Reichenauer, der sich dafür einsetzen will, dass die Schule auch in Zukunft einen Defibrillator haben wird. Die Waiblinger Unternehmer müssten aber davor geschützt werden, unter unklaren beziehungsweise falschen Voraussetzungen einen Vertrag abzuschließen.

Von Defimed selbst war zu den Vorwürfen telefonisch keine Auskunft zu bekommen. Stattdessen schickte die Firma auf Anfrage per Mail eine Stellungnahme (siehe Infobox). „Lebensrettung durch Sponsoring“ steht ganz oben auf dem Briefkopf der Firma. Davon will die Firma weiter unten im Brief dann aber nichts mehr wissen: Bei den Verträgen handle es sich um keine Spendenaktion, sondern eine PR-Maßnahme, schreibt ein Firmenvertreter. Welcher Vertreter das ist, bleibt übrigens unklar. Die Unterschrift ist unleserlich.


Das sagt Defimed zu den Vorwürfen

Telefonisch war ein Defimed-Sprecher nicht zu erreichen. Per Mail erklärt die Berliner Firma dann, dass es sich bei den Verträgen nicht um eine Spendenaktion zur reinen Refinanzierung eines Defibrillators handle, sondern um eine PR-Maßnahme.

Zu den reinen Produktkosten für das Gerät der Firma Philipps kommen laut Defimed unter anderem noch Kosten für den Mitarbeiter, die Grafiken, Auslieferung und Montage der Werbetafel und Verwaltungskosten. Zudem sei der Hersteller des Geräts zu einer permanenten Wartung verpflichtet, das Gymnasium habe deshalb keine Gewährleistungspflichten oder Haftungsrisiken.

Die Vertragslaufzeit von viermal drei Jahren begründet Defimed mit einer langfristigen Planungssicherheit für beide Seiten.

Den Vorwurf, die Geschäftsleute unzureichend über die automatische Vertragsverlängerung aufzuklären, weist Defimed zurück: Branchenüblich beinhalteten die Verträge eine Prolongation, also eine Verlängerung der ursprünglichen Geltungsdauer des Vertrags. Darauf würden die Geschäftskunden im Verkaufsgespräch aber klar hingewiesen.