Waiblingen

AfD: Holocaust bagatellisiert? Fliegen!

özkara Braun
AfD-Kreissprecher Ralf Özkara (rechts) und Kreisvorstandskollege Jürgen Braun. © Jamuna Siehler

Waiblingen.
Die AfD Rems-Murr distanziert sich harsch vom Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon aus Singen: Wer den Holocaust bagatellisiere, habe auf der politischen Bühne nichts verloren. Die Abgrenzung kommt allerdings spät: Gedeon fällt parteiintern seit Jahren mit kruden Sprüchen auf.

Wenn die AfD-Landtagsfraktion Gedeon nicht rauswirft, „werde ich den Fraktionsvorsitz niederlegen und die Fraktion verlassen“: Mit diesen Worten ist Jörg Meuthen dieser Tage vorgeprescht – der Kreisvorsitzende Ralf Özkara hält das für richtig: „Sein Amt an diese Entscheidung zu knüpfen“, sei für Meuthen eine „Frage der persönlichen Integrität“. Gedeon hatte in Schriften unter anderem behauptet, das Judentum arbeite an der „Versklavung der Menschheit“, berief sich zum Beweis auf die „Protokolle der Weisen von Zion“ (siehe Infobox), nannte die Massenvergasungen in den Vernichtungslagern nur vage „gewisse Schandtaten“ und den Holocaust-Leugner Ernst Zündel einen „Dissidenten“. Unter diesem Begriff versteht man unbequeme Andersdenkende, die in totalitären Systemen mutig die Meinungsfreiheit verteidigen. Im Vergleich eher albern ist, was Gedeon über die Jüdin Hannah Arendt schrieb: „Philosophische Abstraktion fällt dem weiblichen Hirn offensichtlich noch schwerer als mathematische.“

Özkaras „persönliche Meinung“: Wer „das ultimative Verbrechen des 20. Jahrhunderts“, den Holocaust, „auch nur im Ansatz bagatellisiert, mit dem möchte ich sowohl auf der politischen Bühne, als auch im Privaten nichts mehr zu tun haben“. Kreisvorstandskollege Jürgen Braun: Wer seine Verschwörungstheorien auf die „Protokolle der Weisen“ gründe, „stellt sich außerhalb jedes ernsthaften Diskurses“.

So weit die durchaus schroffe Distanzierung – Kritiker merken an, dass sie spät komme. Noch am 1. Juni zitierte die Bildzeitung Jörg Meuthen: „Ich habe von den Vorwürfen gegen Herrn Gedeon gerade erst erfahren.“ Laut Recherchen der Frankfurter Allgemeinen seien Gedeons Ansichten aber bereits beim AfD-Landesparteitag 2014 diskutiert worden – Meuthen war damals Mitglied des Landesvorstands. Und schon im November 2013 habe Meuthen via Mail ein Diskussionspapier Gedeons gelesen und abgelehnt mit der Begründung: Sollte dieser Text „in die Hände von Journalisten gelangen“, drohe eine „erwartbare mediale Ausschlachtung“.

Braun räumt ein: Gedeon sei „seit Jahren aufgefallen durch viele abstruse Anträge, seltsame Formulierungen und komische Äußerungen. Wir haben ihn nie unterstützt, er war aber auch nicht relevant.“ Die mittlerweile ausgetretenen Ex-AfD-Granden Bernd Kölmel und Bernd Lucke hätten ebenfalls „vieles über Herrn Gedeon gewusst“, sich aber „immer weggeduckt“. Gedeon, der „ehemals Maoist war, Typ linker Guru“, sei „nie so richtig ernst genommen“ worden, habe „immer gleich die Welt erklärt“, sei nie mit „drei Sätzen“ ausgekommen, unter „30 Seiten, Minimum“, habe er’s selten gemacht und beim Stuttgarter Parteitag der Bundes-AfD dieses Frühjahr gar ein „eigenes Grundsatzprogramm vorgelegt“ – es sei ohne Federlesen vom Tisch gewischt worden, „das war weder diskussions- noch satisfaktionsfähig“.

Dass jahrelang niemand einschritt, mag bei wohlwollender Deutung erklärbar sein aus der Partei-Historie: Die AfD, sagt Braun, verstehe sich als „breite Bürgerbewegung, wir können viele verschiedene Typen ertragen“, Streitkultur statt Uniformität sei erwünscht. Nur führte das offenbar zu einer Beißhemmung gegenüber Leuten, die Braun als „skurrile Randerscheinungen“ bezeichnet; der längst aus der AfD ausgetretene Ex-Kreissprecher Andreas Zimmer aus Fellbach sprach mal von „Verschwörungstheoretikern, Exzentrikern aller Art“ und „Quartals-Irren“. Mittlerweile, erklärt Özkara, handhabe die Rems-Murr-AfD Mitgliedsanträge „sehr restriktiv“ – wer in Vorgesprächen „rechts- oder linksextreme“ Meinungen anklingen lasse, werde nicht aufgenommen.

Um Gedeon auszuschließen, braucht Meuthen in der Fraktionsitzung am 21. Juni eine Zwei-Drittel-Mehrheit – dem Vernehmen nach wackelt sie momentan noch. Es gebe eine „Wagenburgmentalität bei manchen“, sagt Braun. Die AfD habe sich in der Vergangenheit „oft unfairen Angriffen“ ausgesetzt gesehen, deshalb hätten einige den Hang entwickelt, sich „abzuschotten“. Dafür habe er ja „Verständnis“. Nur: Es sei doch immer die Frage, „für welche Inhalte man zusammenhält“. Wird Gedeon fliegen? „Ich gehe davon aus“, sagt Kreissprecher Özkara. „Ansonsten ist die Konsequenz klar. Mit hundertprozentiger Sicherheit.“ Meuthens Kurs steht: Er oder ich.
 

Weise von Zion

Die „Protokolle der Weisen von Zion“ sind ein antisemitisches Pamphlet, das um 1900 entstand. Es liest sich wie Aufzeichnungen eines Geheimtreffens jüdischer Weltverschwörer. In Wahrheit plagiierten die unbekannten Autoren das Machwerk aus fiktionalen Vorlagen zusammen. Die Fälschung wurde um 1920 entlarvt.