Waiblingen

Alien-Kontakt schon seit 1971

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Beim Zeichnen kann er entspannen: Christoph Anczykowski. Die Inspiration kommt von selbst oder aus Sammelbänden mit technischen Risszeichnungen von Flugzeugen, Raketen oder Autos. © Palmizi
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Illustriertes Datenblatt einer „Space-Jet“ – dem 30-Meter-Beiboot der Perry-Rhodan-Serie. Es ist ein diskusförmiges, überlichtschnelles Raumschiff der Terraner. © Nils Graefe
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Risszeichnung eines terranischen Schlachtschiffes der „NOVA-Klasse“ – Durchmesser: 800 Meter. © Nils Graefe
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Beim Zeichnen kann er entspannen: Christoph Anczykowski. Die Inspiration kommt von selbst oder aus Sammelbänden mit technischen Risszeichnungen von Flugzeugen, Raketen oder Autos. © Mathias Ellwanger
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"Alvarez": Raumschiff der terranischen Nation Alashan. Durchmesser der Kugelzelle: 280 Meter. © Nils Graefe
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Der dienstälteste Perry-Rhodan-Risszeichner ist Waiblinger. 1976 erschien die erste Zeichnung. © Mathias Ellwanger
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Der dienstälteste Perry-Rhodan-Risszeichner ist Waiblinger. 1976 erschien die erste Zeichnung. © Mathias Ellwanger
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"Altlemurer"-Datenblatt. © Nils Graefe
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Der dienstälteste Perry-Rhodan-Risszeichner ist Waiblinger. 1976 erschien die erste Zeichnung. © Mathias Ellwanger
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Extraterrestrisches Raumschiff der Linguiden. Risszeichnung im Perry-Rhodan-Heft Nr. 1555. Dort heißt es: "Das Volk der Linguiden stammt aus dem Teshaar-System in der galktischen Eastside, von wo aus sie eine Anzahl von Kolonialplaneten besiedelt haben." © Nils Graefe
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Gravitraf-Betankungssonden. © Nils Graefe
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"Abflug!" © i

Waiblingen. Sei es ein Raumfort der Arkoniden, ein Walzenraumschiff der Überschweren oder ein Flottentender der Cameliopardus-Klasse – jeweils 50 bis 100 Stunden zeichnet Christoph Anczykowski daran, hört dabei gerne Barockmusik und entspannt sich. Der Waiblinger ist Schöpfer von Raumschiff-Detail-Aufrissen und Datenblättern für die Science-Fiction-Reihe Perry Rhodan. Seine erste Risszeichnung erschien 1976.

Die Menschheit steht vor dem Dritten Weltkrieg. Machtblöcke wetteifern miteinander – auch in Sachen Waffentechnik und Raumfahrt. Diese Beschreibung trifft nur nach Meinung mancher Zeitgenossen auf das Jahr 2016 zu. Sie passt unstrittiger auf die Zeit des Kalten Krieges in den 1960ern, 1970ern und 1980ern. Zudem ist der Handlungshintergrund des Beginns der „längsten fortlaufenden Erzählung der Literaturgeschichte“, wie es der Autor Andreas Eschbach ausdrückte, mit der Eingangsbeschreibung grob wiedergegeben.

Im russisch-amerikanischen Wettlauf ins All gelingt die erste bemannte Mondlandung erst im Jahr 1969, doch schon 1961 erscheint die Nr. 1 der bis heute wöchentlich vom Rastatter Pabel-Moewig-Verlag herausgegeben Romanheftreihe „Perry Rhodan“. Der Held dieses Namens ist 1971 – damals zehn Jahre in der Zukunft – Risikopilot der US-amerikanischen „Space Force“. Bei einer Landung auf dem Mond stoßen die Pioniere auf ein gestrandetes Raumschiff der außerirdischen Arkoniden – was der Menschheit buchstäblich galaktische Technologiesprünge ermöglicht.

Technische Superzivilisationen und überlichtschnelle Raumschiffe

„Die Arkoniden in der Romanhandlung von Band 1 sind eine technische Superzivilisation, die schon seit Jahrtausenden über die überlichtschnelle Raumfahrt verfügten und ein großes Sternenreich gegründet haben“, erinnert sich Christoph Anczykowski. „Dank ihrer technischen Möglichkeiten befinden sie sich jedoch in einer Art spätrömischer Dekadenz und können sich nicht dazu aufraffen, die an ihrem notgelandeten Raumschiff notwendigen Reparaturen durchzuführen. Den ganzen Tag lassen sie sich lieber von ihren Robotern bedienen und widmen sich Holospielen. Jahre vor Erfindung der Computerspiele ein prophetischer Genie-Streich des Autors.“

Christoph Anczykowski (58) sitzt zu Hause in seinem Arbeitszimmer in Waiblingen in einem altgedienten Schreibtischstuhl. Ringsum sind die Bücherregale teilweise mehrreihig gefüllt mit den legendär-frühen Science-Fiction-Reihen bekannter Verlage wie Heyne, Goldmann, Ullstein und Bastei-Lübbe. Ein bibliophiler Kenner vermag sie schon von weitem an ihren Buchrücken zu erkennen. In andächtiger Höhe an den Wänden hängen zudem gerahmte Original-Titelbilder bekannter SF-Heftreihen aus den 60ern und 70ern: aus heutiger Sicht retrofuturistischer Rock’n’Roll – wie Plattencover oder Konzertplakate jener Zeit eben, nur halt mit Motiven wie Raketen, Flugscheiben und Sternenkriegsszenen.

Titelbild des Hefts Nr. 1 von 1961.
Bild: Johnny Bruck/Pabel-Moewig-Verlag

Die Expansion ins All beginnt mit Völkerverständigung

Aber die Expansion ins All beginnt in den fiktiven 1970ern zunächst mit Freundschaft und Völkerverständigung. „Ein Arkoniden-Wissenschaftler hat Leukämie, Perry Rhodan bringt ihn auf die Erde, wo ihm geholfen werden kann, und er gibt aus Dankbarkeit Einblicke in fortschrittliche Raumfahrttechnologien“, sagt Anczykowski. Als sich diese Technologien dann die irdischen Konfliktparteien unter den Nagel reißen wollen, bauen Perry Rhodan und sein Team mit Hilfe der Argoniden einen Stützpunkt in der Wüste Gobi, der mit Energiekuppel vor Zu- und Angriffen geschützt ist. „Perry Rhodan reißt sich das Emblem der Space Force von der Uniform und gibt die Richtung für die Zukunft vor: Ab jetzt sind wir alle nur noch eines, nämlich Terraner!“ Die sich von da an ergebenden Handlungsstränge sind zu komplex, um sie hier mit begrenzter Buchstabenzahl auch nur skizzieren zu können. „Später werden Perry Rhodan und seine engsten Helfer dank sogenannter Zellaktivatoren relativ unsterblich und können daher die Serie bis in aktuelle Handlungen in tragender Rolle begleiten.“

Bisher sind mehr als 2850 Hefte erschienen

Mittlerweile sind über 2850 Perry-Rhodan-Hefte und mehr als 450 Taschenbücher erschienen, zusätzlich auch noch Comics. Die Menschheit ist tief ins All vorgedrungen, hat in ungezählten Galaxien Kolonien gegründet, interagiert friedlich und kriegerisch mit anderen Siedlern und Völkern des Weltraums. Die Abenteuer sind mannigfaltig.

Technisch war und ist dabei immer so einiges zu beachten. Wie sieht zum Beispiel ein im Durchmesser 800 Meter großes, kugelrundes Schlachtschiff der „NOVA-Klasse“ aus? Und wie kann es funktionieren, da man es mit mehrfacher Lichtgeschwindigkeit zu bewegen vermag? Was die erste Frage angeht, dazu lieferten Risszeichnungen seit dem Heft Nr. 196 und später auch Datenblätter Details. Zeitweilig gab’s sogar ein eigenes Risszeichnungsjournal (www.rz-journal.de).

Mit 16 Jahren angefangen zu zeichnen

„Im Alter von 16, damals in Lüneburg, habe ich angefangen, zu zeichnen. Ein Freund hatte mir eine abgepauste Risszeichnung aus einem Perry-Rhodan-Heft mitgebracht – es gab ja noch keine Fotokopierer – und ich war sofort begeistert“, sagt Anczykowski. Auf einem Flohmarkt kaufte er sich erste Perry-Rhodan-Hefte, wählte freilich nur solche mit Zeichnungen aus. Dass er dann selbst anfangen durfte, für Perry Rhodan zu zeichnen, war ein Zufall. „Einer der Risszeichner war offenbar krankheitsbedingt ausgefallen, ich bekam zufällig Kontakt mit einem Redakteur und so hat alles begonnen.“

1976, im Heft Nr. 791, war Anczykowskis erste Risszeichnung zu sehen. Heute ist er der Dienstälteste im rund dutzendköpfigen Perry-Rhodan-Risszeichner-Team, veröffentlicht aus Zeitgründen aber nur noch so ein, zwei Zeichnungen pro Jahr. Sein Geld verdient Anczykowski aber als niedergelassener Arzt. „Man könnte es gelebten Eskapismus nennen oder einfach nur ein Hobby, wie jedes andere Hobby auch.“ Beim Zeichnen könne er entspannen. Das Erleben und das Haptische sind ihm dabei immer noch sehr wichtig. Anczykowski benutzt wie technische Zeichner früher noch Tuschestifte und Schablonen. Nachschub ist selbst im Fachhandel kaum noch zu bekommen. Aber er habe stets einen guten eigenen Lagerbestand vorrätig. „Am Computer gemachte Zeichnungen gefallen mir nicht so. Hand-Zeichnungen atmen mehr Leben, sprechen einen mehr an. Aber das ist nur meine persönliche Meinung.“

Und die zweite Frage? Wie kann so eine riesige Raumschiffkugel überhaupt mehrfache Lichtgeschwindigkeit fliegen? „Wie bei allen SF-Serien mit überlichtschneller Raumfahrt-Technologie ist auch Perry Rhodan handlungstechnisch gezwungen, Einstein und die bekannte Physik größtenteils zu ignorieren. Ansonsten müsste alleine für die Beschleunigung eines Raumschiffes auf die halbe Lichtgeschwindigkeit die Hälfte seiner Masse in Energie umgewandelt werden, zum Abbremsen dann die andere Hälfte.“ Im Perry-Rhodan-Universum existiert daher eine elaborierte Pseudotechnologie, die für die Autoren und Risszeichner derartige Probleme elegant aus dem Wege schafft. Details dazu finden sich in den Zeichnungs-Legenden.

Einiges aus der Serie wurde später echter technischer Fortschritt

„Einiges, was später in Star Trek und Star Wars behandelt wurde, ist bei Perry Rhodan viel früher schon beschrieben worden“, sagt Anczykowski. „Und einiges, was später wegen des technischen Fortschritts in der menschlichen Echtzeit reell geworden ist, hatte das Science-Fiction-Genre insgesamt längst vorgedacht.“

Jules Verne (1828–1905) schrieb als Erster von einer Landung auf dem Mond. Man hielt ihn für einen Fantasten. Captain Kirks aufklappbarer Kommunikator von 1966 inspirierte schließlich Mitte der 1990er Mobilfunkgerätehersteller zum freilich längst vom Smartphone wieder überholten Klapp-Handy. Auch die im Science-Fiction-Genre beschriebenen Touchscreens und Memory-Sticks sind Wirklichkeit geworden. Und das Beamen hat mittlerweile zumindest mit Teilchen geklappt.

Im Universum Perry Rhodans, dem Perryversum, befinden wir uns mittlerweile im 36. Jahrhundert n. Chr. beziehungsweise im 16. Jahrhundert NGZ (Neue Galaktische Zeitrechnung). Quantensprünge allenthalben. Von Ausfalltrichtern zwischen dem Roten Universum und dem Standarduniversum bis hin zu Zellaktivatoren, die biologisch relativ unsterblich machen: Wer sich für physikalische und technologische Entwürfe im Perryversum interessiert, erfährt hier mehr: www.perrypedia.proc.org.

Das Versprechen

„Perry Rhodan führt hinein in die vor uns liegenden Jahrtausende und über Abgründe zu Sternenreichen, die seit Millionen von Jahren auf uns warten. Er führt in eine Zeit, in der die Nachkommen der Menschen von der Erde nur noch wie von einem Mythos reden und ein vereinsamter Planet um eine längst erloschene Sonne kreist, die einst Mittelpunkt des Universums war.“ Zitiert nach: Vorspann des Perry-Rhodan-Hefts Nr. 1 von 1961.

Dieses Versprechen wurde im Sinne der Perry-Rhodan-Fans erfüllt, nur mit einer Ausnahme. „Die Erde im Perryversum existiert noch, sie ist mittlerweile aber nur noch ein idyllischer Wohnplanet. Industrie gibt’s allenfalls unterirdisch, aber vor allem auf dem Mond“, sagt Anczykowski.