Waiblingen

Alt-OB wird 90: Die Ära Ulrich Gauss hat Waiblingen geprägt

Gauss
Ulrich Gauss vor fünf Jahren in seinem Haus am Oberen Rosberg in Waiblingen. © Gabriel Habermann

Seit gut zwei Wochen ist nun sein dritter Nachfolger im Amt – und doch ist Dr. Ulrich Gauss als (Alt-) Oberbürgermeister in Waiblingen unvergessen. Nicht, dass nach seinem Ausscheiden ein reger Wechsel im Amt stattgefunden hätte – keineswegs. Aber so lange wie er wirkte hier tatsächlich keiner als Stadtoberhaupt. Der gebürtige Stuttgarter, dem heute noch die Ehrenbezeichnung „Ulrich, der Vielgeliebte“ anhängt, hat das moderne Waiblingen zutiefst geprägt – man kann mit Fug und Recht von einer „Ära Gauss“ sprechen. Geprägt hat er dabei auch einen Stil. Eine Politik des Zuhörens, der wohlgewogenen Formulierungen – und doch der inhaltlichen, argumentativ gut begründeten Entschiedenheit.

Schweren Herzens verließ er nach einem halben Jahrhundert Waiblingen, weil seine schwerkranke Frau Barbara mit den vielen Treppen im Haus am Oberen Rosberg nicht mehr zurechtkam. Seitdem wohnt er im Augustinum in Stuttgart-Sillenbuch. Im Sommer 2020 ist sie verstorben. „Der Verlust ist natürlich schwerwiegend“, sagt er“, „seitdem ist das Leben einsamer geworden.“ Körperlich geht es ihm derzeit wieder gut, nachdem er zuletzt aus gesundheitlichen Gründen wenig mobil sein konnte. „Ich fühle mich nun wieder unternehmungslustiger und bin ein reger Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs.“

Die Talaue als grüne Lunge der Stadt erhalten

Am Geburtstag ist Ulrich Gauss zum Mittagessen in Waiblingen eingeladen mit Vertretern der Verwaltung, Stadträten und Weggefährten. Natürlich hat er die OB-Wahl verfolgt. Und er freut sich, dabei den neuen OB Sebastian Wolf persönlich kennenzulernen. Kontakt nach Waiblingen hat er auch sonst durchaus, zu Freunden, Weggefährten und Nachbarn. Warum es für das attraktive Amt nur einen Kandidaten gab? „Das Amt des Oberbürgermeisters war damals und ist heute ein für einen selbst und die Familie stark forderndes“, sagt er. Man müsse Lust verspüren, mit der Bürgerschaft zu arbeiten. Diese Lust, so sein Eindruck aus der Ferne, sei bei seinem neuen Nachfolger glücklicherweise gegeben.

Das Dreigestirn Gauss, Wössner und Denk

In die Amtszeit von Ulrich Gauss fiel die Gemeindereform, in deren Zuge die Ortschaften zu Waiblingen kamen. Zu Anfang war die Korber Höhe noch grüne Wiese. Was wurde nicht alles an bleibender Infrastruktur geschaffen: die Rundsporthalle, das Hallenbad, neue Schulen, das Bürgerzentrum. Die Talaue, das war davor noch keineswegs gesichert, wurde als grüne Lunge der Stadt erhalten. Auch gegen das Vorhaben von Breuninger, dort ein großes Einkaufszentrum wie in Sindelfingen zu errichten. „Das wäre der Tod für die Innenstadt gewesen“, ist er sich rückblickend sicher. Wobei die Ära Gauss keine Ein-Mann-Show war. Sie war weitgehend auch eine Ära des Dreigestirns mit den anderen beiden Spitzen im Rathaus: Baubürgermeister Klaus Denk und dem Ersten Bürgermeister Hans Wössner.

Ohne Zweifel: Ulrich Gauss war ein Verfechter der kommunalen Selbstverwaltung als einer der tragenden Pfeiler unserer Demokratie. Seine Verdienste um die Stadt sowie sein Engagement in Gremien des Städtetags Baden-Württemberg und des Deutschen Städtetags wurden mit zahlreichen Ehrungen gewürdigt. Seit 1997 ist er auch Ehrenbürger der Stadt Waiblingen.

OB Wolf: Das Fundament gelegt, auf dem seine Nachfolger aufbauen konnten

Waiblingen habe Gauss viel zu verdanken, sagt OB Sebastian Wolf. Er habe „das Fundament gelegt, auf dem meine Vorgänger aufbauen konnten und das ich nun fortführen darf“. Auf europäischer Ebene habe er sich für die internationalen Städtepartnerschaften engagiert. Für das städtische Miteinander der schnell wachsenden Stadt wurde in seiner Amtszeit nicht zuletzt auch das Altstadtfest ins Leben gerufen.

Ein "idealer Liberaler"

Während seiner OB-Tätigkeit wirkte er zwischen 1971 bis 1994 auch im Kreistag, wo er die FDP-FW-Fraktion einige Jahre als deren Vorsitzender anführte. Dabei schaffte er es laut Landrat Dr. Richard Sigel, der Gauss’ Lebensleistung würdigt, „mit seiner überparteilichen, integren, verlässlichen Art zu überzeugen“. Aus Sicht von Julia Goll, FDP-Landtagsabgeordnete und heute FDP-Fraktionsvorsitzende im Waiblinger Gemeinderat, war der Parteifreund Ulrich Gauss ein Oberbürgermeister „und idealer Liberaler, der Waiblingen prägte“. Es sei „phänomenal, was in seiner Amtszeit in der Stadt alles angestoßen und verwirklicht wurde“.

Seit gut zwei Wochen ist nun sein dritter Nachfolger im Amt – und doch ist Dr. Ulrich Gauss als (Alt-) Oberbürgermeister in Waiblingen unvergessen. Nicht, dass nach seinem Ausscheiden ein reger Wechsel im Amt stattgefunden hätte – keineswegs. Aber so lange wie er wirkte hier tatsächlich keiner als Stadtoberhaupt. Der gebürtige Stuttgarter, dem heute noch die Ehrenbezeichnung „Ulrich, der Vielgeliebte“ anhängt, hat das moderne Waiblingen zutiefst geprägt – man kann mit Fug und Recht von einer

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