Waiblingen

Amerika war so frei und wählte Trump

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Die Freiheitsstatue in New York. © Sarah Utz

Waiblingen/Schorndorf. Trump wird Präsident. Das sei auch ein Sieg der politischen Unkorrektheit, raunt es. Auch im Rems-Murr-Kreis halten viele den Atem an, sie hätten Trumps Wahlsieg nicht für möglich gehalten. Doch neben sorgen- gibt es auch hoffnungsvolle Stimmen.

„Die Abneigung gegen das Establishment ist in den USA besonders groß, weil man dort aus der Geschichte heraus eine begründete Abneigung gegen den Staat hat“, interpretiert der Waiblinger Politikprofessor Dr. Helmut Wasser den Wahlsieg Donald Trumps. Hillary Clinton sei nun mal fester Bestandteil der Elite. Seit über 30 Jahren. Im Wahlkampf habe sie Fehler gemacht. Freilich welche, die auch im System verankert sind. Geld regiert da in besonderem Maße die Welt. Aus dem Wissen heraus, dass es „astronomische Summen“ braucht, hat sich Frau Clinton den Wallstreet-Leuten an die Brust geworfen. Eben, um gegen den Milliardär Trump anzukommen. Die Wähler aber rochen den Braten, sie könnte gekauft sein.

Bei seinen USA-Reisen hat der CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Joachim Pfeiffer bemerkt, dass Hillary Clinton in weiten Teilen der Demokraten ebenso unbeliebt sei, wie Trump bei den Republikanern. Diese tiefe Abneigung gegenüber Clinton sei ein Teil der Erklärung des Wahlausgangs. „Eine andere ist, dass in einer komplizierten, globalisierten Welt die einfachen Lösungen von Trump auf große Resonanz stoßen.“

Die Abwahl des Establishments

Die Interpretation der beiden Waiblinger Bestseller-Autoren Matthias Weik und Marc Friedrich lautet so: „Leider ist Trumps Sieg für uns nicht überraschend, denn es leben nicht nur an der Ost- und Westküste der USA Menschen, sondern auch dazwischen. Dieses Dazwischen, das ist das andere, das abgewirtschaftete Amerika. Amerikas Mittel- und Unterschichten sind zweifellos die Verlierer der Globalisierung.“

Viele Menschen hätten das Amerika der Berufspolitiker, der Lobbyisten, der leeren Versprechen, der einseitigen Berichterstattung, der Wall Street, kurzum das sogenannte Establishment, für das Hillary Clinton steht, absolut satt und folgerichtig abgewählt, so Weik und Friedrich. „Trump ist kein Mann des Systems.“

Nach dem Brexit erlebe die Welt nun den zweiten Dominostein des globalen politischen Wandels. „Da auch dieser Weckruf leider ungehört bleiben wird, wird dies erst der Anfang eines historischen Wandels sein. Doch auch jetzt wird die Welt nicht untergehen. Die Finanzmärkte werden sich erholen und wir werden auch weiterhin Handel mit den USA betreiben. Trump versteht offensichtlich mehr von Wirtschaft als viele seiner Vorgänger. Es kann eine Chance sein.“

Hoffnung auf die Verfassung und die Vernunft

Der Schock über das Wahlergebnis sitzt tief. Bei Jutta Künzel aus Waiblingen zum Beispiel. Sie lebt zurzeit in den USA und hat kürzlich ihre Eindrücke einer Trump-Wahlveranstaltung geschildert (wir berichteten). „Mein Mann und ich haben den Wahlabend im Kreise von Freunden verbracht. Wir alle hatten gehofft. Die Amerikaner versuchten noch mehr als wir, die immer gleichen kleinen Vorsprünge Trumps wegzudiskutieren. Wir müssen Florida nicht gewinnen, North Carolina auch nicht, … doch irgendwann wird es ruhiger. Jemand geht weinen. Ich sehe fassungslose, stammelnde Moderatoren. Als ein neues Ergebnis angesagt wird, höre ich einen stöhnen. Wirklich. Ein Fernsehmoderator, der stöhnt. Wir alle sind geschockt.“

Sie könne nur hoffen dass das „checks and balances“ des US-politischen Systems, die gegenseitigen Kontrollen der unabhängigen Staatsgewalten, funktioniert, sagt Jutta Künzel. Die Amerikaner jedenfalls glaubten daran.

Was wird aus den USA? Da gibt es ja noch die geschriebene Konstitution. „Ich gehe davon aus, dass die Weisheit der Verfassungsväter ein allzu falsches Agieren der Trump-Regierung blockiert“, hofft auch der Waiblinger Experte Prof. Wasser für das amerikanische Demokratiewesen.

„Antrittsrede von Trump war ja sehr versöhnlich."

„Was im Wahlkampf vor sich ging, hat mir zwar schon Sorgen gemacht, dennoch muss es unser aller Interesse sein, dass keine Barrieren zwischen Europa und Amerika aufgebaut werden“, sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Claus Paal, der auch Präsident der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr ist. „Und die Antrittsrede von Trump war ja sehr versöhnlich. Sie macht Hoffnung darauf, dass sich die Polarisierungen des Wahlkampfs jetzt wieder überwinden lassen.“ Der ganze Populismus und die Aggressivität des Wahlkampfs sollten nun fallengelassen werden, findet Paal. „Hoffentlich wirken sein Beraterstab, das gesamte Verwaltungspersonal, die Ministerien, das Diplomatenkorps mäßigend auf Trump ein.“ Er werde schon den Kurs der USA nicht grundlegend umwerfen können, ist Paal optimistisch.

Protektionismus jedenfalls sei in der sich stetig weiter globalisierenden Welt noch nie eine Lösung gewesen. „Wer sich abschottet, wird auf Dauer nicht erfolgreich sein können.“ Als Mann aus der Wirtschaft ist der IHK-Bezirkskammerpräsident für freien Handel. „Ceta mit Kanada finde ich sehr gut. Bei TTIP gibt es noch Nachbesserungsbedarf. Wenn Trump TTIP fallenlässt, so können wir vielleicht gleich zu TTIP 2 übergehen.“

Für Stihl sind die USA der wichtigste Markt weltweit

Ähnlich sieht dies Stihl-Vorstandsvorsitzender Dr. Bertram Kandziora: „Die Politik der USA muss sich nach einem sehr intensiven und aggressiv geführten Wahlkampf nun auf die Lösung der anstehenden Probleme konzentrieren. Wir hoffen, dass die USA sich ihrer weltpolitischen Verantwortung bewusst sind und nun keine Politik der Abschottung betreiben.“ – „Wir brauchen nun erst recht eine Stärkung der transatlantischen Beziehungen. Dabei muss der Freihandel weiter gefördert werden. Auch TTIP muss auf der politischen Agenda bleiben. Denn von offenen Märkten profitiert sowohl die amerikanische als auch die europäische Wirtschaft erheblich.“

Für Stihl sind die USA der wichtigste Markt weltweit. Außerdem befindet sich in Virginia Beach, Virginia, einer unserer größten Produktionsstandorte im Ausland. Hier werden Stihl-Produkte nicht nur für den amerikanischen Markt produziert, sondern auch in rund 100 Länder weltweit exportiert. „Wir wachsen in den USA kräftig und sehen auch für die Zukunft vielversprechende Perspektiven. Stihl wird daher auch weiterhin in die eigene Fertigung und das landesweite Vertriebssystem investieren“, so Kandziora.

„Die USA sind eine stabile Demokratie“

„Wir hoffen, dass es nicht so schlimm kommt, wie Trump im Wahlkampf getönt hat“, sagt auch Thomas Röder, seit 32 Jahren Vorsitzender des Schorndorfer Partnerschaftsvereins mit der Stadt Tuscaloosa in Alabama und Vertriebsmanager bei der Daimler AG, die in Tuscaloosa ein Produktionswerk betreibt. „Trump möchte eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen, diese von den Mexikanern noch bezahlen lassen, während wir in Europa dabei sind, das Trennende einzureißen.“ Er könne nur bangen, dass nach der Wahl nun die Vernunft Einzug halte. „Welche Auswirkungen Trumps Wahlsieg auf die Beziehungen der USA mit Europa und Deutschland haben wird, ist noch nicht ganz klar. Ich halte Trump für unberechenbar.“

Außenpolitisch rechnet der CDU-Abgeordnete Joachim Pfeiffer mit pragmatischen Lösungen einer Trump-Administration. „Die USA sind eine stabile Demokratie“, sagt das Mitglied der Atlantik-Brücke und zieht einen Vergleich mit der Wahl vor acht Jahren, als Obama eine Euphorie in Deutschland auslöste, die er damals nicht teilen konnte.

Pfeiffer rechnet jedoch damit, dass der Beitrag Deutschlands in der Nato nicht nur finanziell steigen wird. Manch Kritiker der USA werde sich noch nach der Rolle des Weltpolizisten USA zurücksehnen.

Gegen die politische Korrektheit: Blaupause für Deutschland 2017?

Für Joachim Pfeiffer stellt Trumps Wahl auch einen Aufstand gegen „Gendergaga“ und die vermeintliche Political Correctness dar, weist er auf die aufgeregten Reaktionen hin, die Günther Oettingers Bemerkungen über Chinesen als Schlitzaugen und ähnliche verbale Spitzen auslösten. In Trumps Wahl drücke sich auch Angst aus, „dass alles anders wird“. Ein Phänomen, das sich in Deutschland in der Flüchtlingsproblematik zeige.

„Große Sorge“ empfindet der Schorndorfer Oberbürgermeister Matthias Klopfer (SPD) darüber, dass Trumps Sieg Wasser auf die Mühlen von Populisten sein könnte. Ausdrücklich bezieht Klopfer Populisten der rechten wie auch der linken Ecke ein. Jetzt gelte es wahrzunehmen, „dass die Menschen unzufrieden sind“. Nicht nur in Amerika, auch in Europa. Wer hätte vor einigen Jahren in Deutschland gedacht, dass die großen Volksparteien derart einbrechen könnten? Ziel müsse es jetzt sein, mahnt Klopfer, „den gesellschaftlichen Zusammenhalt besser zu organisieren“. Matthias Klopfer erwartet mit Sorge, welche Auswirkungen Trumps Sieg nun auf die deutsche Gesellschaft, auf die Bundestagswahl haben wird.

„Wir unterschätzen die AfD nicht."

IHK-Bezirkskammerpräsident Paal sieht den Sieg der politischen Unkorrektheit in den USA nicht als mögliche Blaupause für die Bundestagswahlen 2017. „Wir unterschätzen die AfD nicht. Wir müssen den Menschen einfach nur noch mehr klarmachen, dass es in dieser komplizierten Welt keine einfachen Antworten gibt, auch wenn sich manche nach einfachen Antworten sehnen.“

Jörg Meuthen, AfD-Landtagsabgeordneter des Wahlkreises Backnang, hingegen sieht Parallelen zu Deutschland: „Genauso wie die AfD in Deutschland hat Trump es im US-Wahlkampf verstanden, die Sorgen und Nöte der Menschen aufzugreifen und klar und mutig die Missstände im Establishment anzuprangern.“

Die Wahl Trumps habe bewiesen, „wie sehr sich die etablierten Parteien, Mainstream-Medien und kraft- und visionslose Politiker von den Menschen entfernt haben. Es ist eine letzte Warnung für all die arroganten, abgehobenen Politiker, die sich selbst genug sind und deren einziges Ziel lediglich der Machterhalt ist“, so Meuthen in einer Mitteilung.