Waiblingen

Amt empfiehlt Waiblinger neues Auto zu kaufen

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Der tägliche Wahnsinn im Berufsverkehr: B 14 in der Nähe des Neckartors. © Palmizi/ZVW

Waiblingen. Tausende von Pendlern in der Region Stuttgart sind seit dem 1. Januar vom Fahrverbot für alte Diesel-Fahrzeuge betroffen. Einer von ihnen ist der Waiblinger Oliver Peschke, der mit seinem Audi A 6 nicht mehr in die Umweltzone darf. Dass der Diplom-Kaufmann sich kein neues Auto leisten kann, liegt wiederum am Dieselskandal.

Nie hatte Oliver Peschke ein Problem mit seinem zuverlässigen Familienauto, das ihn täglich von Beinstein zur Arbeit in die Stuttgarter Mitte brachte. Durch den von Stau verstopften Kappelbergtunnel, in Schlangenlinien vorbei an den S-21-Baustellen und an der bekanntesten Feinstaub-Messstation Deutschlands, an der Neckarstraße. Der ganz normale Wahnsinn im Stuttgarter Berufsverkehr. Doch seit Anfang des Jahres fällt der Audi mit Euro 4 unter das neue Fahrverbot.

Zu Unrecht, wie der 47-jährige Familienvater kritisiert. Für ihn scheint klar: Eine ratlose Politik habe sich die Diesel-Fahrer zu Sündenböcken auserkoren. Dabei sei in Wirklichkeit gar nicht der Feinstaub das Hauptproblem im Talkessel, sondern Stickoxid. Und an dessen Ausstoß hätten Fahrzeuge, die weiter ungehindert in die Stadt fahren dürfen, einen viel höheren Anteil.

Firma ging durch Diesel-Skandal in Insolvenz

Als Diplom-Kaufmann und IT-Projektleiter bei einer großen Versicherung gehört Oliver Peschke nicht zu den einkommensschwachen Berufsgruppen, die im Ruf stehen, von den Fahrverboten am schwersten betroffen zu sein. Dennoch: „Ein neues Auto ist für mich in den nächsten ein oder zwei Jahren nicht drin.“ Seine finanzielle Situation hat ebenfalls mit Diesel-Autos zu tun. Seit Generationen war er stiller Teilhaber eines mittelständischen Betriebs bei Ulm, der Präzisionsteile an die Autoindustrie lieferte. Erfolgreich schien das Unternehmen, das der Urgroßvater gegründet, eine Sanierung durchlaufen hatte, doch steigende Stahlpreise und der Diesel-Skandal versetzten ihm den Todesstoß. Um es zu retten, pumpten die Teilhaber ein Vermögen hinein, er nahm privat einen Kredit auf – vergeblich. Die Insolvenz ließ sich nicht mehr abwenden. Aber das Geld war futsch.

Bei der Stadt Stuttgart hat Oliver Peschke nun beantragt, als Härtefall doch noch freie Fahrt zu bekommen. Viel Hoffnung macht er sich nicht, denn das Amt für öffentliche Ordnung erfragt zuerst das Einkommen des Autobesitzers – und da steht der Beinsteiner mit seinem Job gut da. Freundlich und ausführlich sei er beraten worden. Jetzt heißt es abwarten und hoffen. Derweil erhielt er vom Kraftfahrt-Bundesamt ein Schreiben mit der Empfehlung, Umtauschprämien, Leasingangebote oder Rabatte in Anspruch zu nehmen. Kurz, bitte schön ein neues Auto zu kaufen. „Das ist schon fast zynisch.“

Er braucht das Auto, um seine kranke Mutter zu besuchen

Wie gesagt, der Geldbeutel gibt einen Neuwagen derzeit nicht her. Auch keinen gebrauchten Benziner, der über ausreichend PS verfügt, den Wohnwagen zu ziehen, mit dem die Familie am liebsten in den Urlaub fährt. Naheliegende Alternative fürs Pendeln wäre die S-Bahn, kommt für Oliver Peschke allerdings nur unter Einschränkungen in Frage. Ein Haken ist nicht nur die Entfernung zur nächsten Haltestelle – die Familie wohnt von der Station Stetten-Beinstein aus betrachtet am anderen Ortsende. Schwerer fällt ins Gewicht, dass er regelmäßig zu seiner gesundheitlich angeschlagenen Mutter muss, die bei Ulm lebt – und dafür braucht er unbedingt das Auto.

Zumindest für schönes Wetter und für die Tage, an denen er nicht nach Ulm muss, hat Oliver Peschke schon vor Diesel-Skandal und Luftreinhalteplan seine persönliche Alternative gefunden: Wenn die Sonne lacht, steigt er um aufs Fahrrad. Dann hat er seinen Feierabendsport schon absolviert – und die Fahrverbote in Stuttgart können ihm egal sein.


Ausnahmen vom Diesel-Fahrverbot

Ausnahmen vom Diesel-Fahrverbot gibt es allgemein für den geschäftsmäßigen Lieferverkehr, für Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Menschen mit bestimmten Behinderungen und medizinische Notfälle. Wer darunter fällt, braucht keine persönliche Ausnahmegenehmigung mehr.

Weitere Ausnahmen erteilt – aber nur „in berechtigten Fällen“ – das Amt für öffentliche Ordnung der Stadt Stuttgart und stellt klar: „Die Tatsache allein, in Stuttgart zu arbeiten, reicht für eine Ausnahmegenehmigung nicht aus.“

Ausnahmen sind möglich zum Beispiel für Fahrten mit dem Wohnmobil in den Urlaub, für Pflegedienste und für Fahrten von Schichtdienstlern, die nicht auf den ÖPNV ausweichen können.