Waiblingen

Amtsgericht: Diabetiker muss Führerschein abgeben

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Justitia in Waiblingen: Was ist gerecht? Symbolfoto. © Joachim Mogck

Waiblingen/Korb. Kurz vor Weihnachten ist ein 80-jähriger Diabetiker in Unterzucker geraten – während er am Steuer saß. Er geriet von der Fahrbahn ab, streifte ein Auto und stieß mit einem weiteren zusammen. Glücklicherweise blieb es beim Blechschaden. Doch das Amtsgericht Waiblingen hat ihm nun die Fahrerlaubnis entzogen.

Keine leichte Entscheidung war es, die Richter Dustin Dautel zu treffen hatte: Darf ein 80-Jähriger – geistig wie körperlich augenscheinlich fit und wegen seiner schwer kranken Ehefrau angewiesen auf seinen Führerschein – seine Fahrerlaubnis behalten oder nicht?

Zwei Tage vor Weihnachten war der Weinstädter in Korb von der Waiblinger Straße abgekommen. Er geriet in Unterzucker, rumpelte erst nach rechts über den Bordstein, dann auf die Gegenfahrbahn. Dort streifte er ein Auto, bevor er gegen dessen Hintermann stieß und zum Stillstand kam. Einer der beiden Fahrer, ein junger Medizin-Student, stieg aus und eilte dem desorientierten Mann zu Hilfe. Ein Krankenwagen kam, dann die Polizei – und Wochen später ein Strafbescheid. Gegen diesen erhob der Senior Einspruch. So fand er sich denn am Mittwoch vor Gericht wieder. Dort legte ihm der Staatsanwalt zur Last, fahrlässig gehandelt und in der Folge den Unfall mit je 3000 Euro Schaden an den beiden Fahrzeugen verursacht zu haben. Der Weinstädter hatte nämlich ein Messgerät zu Hause vergessen, das er wenige Wochen zuvor gekauft hatte. Außerdem hatte er vor der Fahrt seinen Blutzuckerwert nicht kontrolliert. „Nur aufgrund Zufalls“ sei nichts Schlimmeres passiert.

Staatsanwalt wirft dem Senior Fahrlässigkeit vor

Der Staatsanwalt forderte eine Geldstrafe zu 50 Tagessätzen, berechnet anhand des Einkommens des Rentners. Darüber hinaus stellte er den Antrag, dem Angeklagten die Fahrerlaubnis mit einer Sperrfrist von zehn Monaten zu entziehen.

Der Mann und sein Verteidiger hielten dagegen: Er habe Insulin nach ärztlicher Anweisung gespritzt und grundsätzlich Traubenzucker, Bananen und süße Getränke ins Auto mitgenommen, um auf Unterzucker reagieren zu können. Das Gerät habe er nicht gebraucht – es sei lediglich eine komfortablere Möglichkeit, den Blutzuckerspiegel zu messen, als „alle eineinhalb Stunden mich stupfen zu müssen“. Das Gerät ist mit einem Sensor verbunden, der zum Beispiel am Oberarm aufgesetzt wird und dort bis zu zwei Wochen lang getragen werden kann.

Lücke zum anhalten gesucht

Der Unterzucker sei für ihn vollkommen unerwartet gekommen. Topfit habe er sich gefühlt, als er sich auf den Weg nach Korb gemacht hat. Tannenzweige für den Weihnachtsbaum wollte er kaufen. Auf dem Rückweg sei ihm nicht ganz wohl gewesen. Er habe im zähfließenden Verkehr eine Lücke gesucht, um anzuhalten. Er habe noch gemerkt, dass er nach rechts gezogen habe, dann nach links, dann habe er schon das Geräusch von Blech auf Blech gehört. „Gott sei Dank, dass es keinen Personenschaden gab“, betonte der Weinstädter. Wieder und wieder sagte er, wie leid ihm der Vorfall tue.

Er hat Konsequenzen aus dem Unfall gezogen: Dreimal täglich lässt er nun von der Weinstädter Sozial- und Diakoniestation die Zuckerwerte messen und lässt die Mitarbeiter angepasste Insulindosen spritzen. „Dass er die Hilfe annimmt, spricht ja für seine Kritikfähigkeit. Ich seh’s als sehr einsichtig und vernünftig an“, sprang ihm sein Rechtsanwalt bei, der auf Einstellung des Verfahrens oder Freispruch abzielte.

Führerscheinstelle entscheidet, ob er wieder ans Steuer darf

Mit seiner Unterstützung reagierte der Verteidiger vor allem auf die Stellungnahme eines Sachverständigen für Rechtsmedizin, der den 80-Jährigen allzu bereitwillig in die Schublade „alt, ergo fahruntüchtig und uneinsichtig“ stecken zu wollen schien.

Trotz seiner befremdlich harschen Ausführungen gestand dieser dem Angeklagten zwar schließlich zu, dass dieser vom Unterzucker hätte überrascht werden können – wenngleich er es für unwahrscheinlich hielt. Unbeugsam blieb er jedoch in seiner Einschätzung, dass der Weinstädter erst seine Fahrtauglichkeit nachweisen muss, bevor er wieder hinters Steuer darf. Was er, das machte der Sachverständige deutlich, seiner Ansicht nach nicht sollte. Die persönliche Situation des Mannes und seiner Ehefrau sei dafür unerheblich.

Sieben Monate Führerscheinentzug

Richter Dautel folgte der Einschätzung des Sachverständigen. Er sprach den 80-Jährigen zwar in Bezug auf den Unfall selbst frei. Es sei nicht auszuschließen, dass sein Bewusstsein sich unvermittelt getrübt hätte und er deshalb schuldunfähig sei. Er hielt es auch für übertrieben, eine Blutzuckermessung vor Fahrtantritt zu fordern.

Doch er entzog dem Weinstädter die Fahrerlaubnis. Nach sieben Monaten Sperrfrist darf dieser eine neue Erlaubnis beantragen. Ob er dann wieder fahren darf, liegt im Ermessen der Führerscheinbehörde beim Landratsamt Rems-Murr-Kreis.

Einzelfallprüfungen bei Krankheit

Der Fall des Weinstädters ist nicht der einzige bekannte Unterzucker-Vorfall im Umkreis von Waiblingen. Wie berichtet, ist erst Anfang März eine 53-Jährige am Steuer bewusstlos geworden – glücklicherweise nicht in voller Fahrt, sondern als ihr Wagen an einer roten Ampel stand. Eine Zeugin rief den Rettungsdienst.

Bei Krankheiten wie Diabetes entscheidet die Führerscheinstelle, wer ans Steuer darf und wer nicht. Das geschieht, wenn ein Betroffener eine Fahrerlaubnis beantragt, eine Krankheit neu bekannt wird oder etwas vorgefallen ist.

In individuellen Verfahren schätzen die Zuständigen Zustand und Risiken ab. Was geprüft und verlangt wird, hängt laut Landratsamts ganz vom Einzelfall ab.

Zum Beispiel wird abgefragt, wie und mit welchen Medikamenten eine Krankheit behandelt wird. Relevant ist speziell bei Diabetikern unter anderem, wie häufig sie wegen Unterzuckerung Hilfe gebraucht haben, ob sie solche Hypoglykämien selbst erkennen und adäquat reagieren können und ob sie regelmäßig ihre Blutzuckerwerte kontrollieren.

Auch ein Attest oder ärztliches Gutachten kann angefordert werden, zum Beispiel von verkehrsmedizinisch qualifizierten Diabetologen oder Internisten.

Denkbar sind auch eine Fahrprobe oder eine erneute Fahrprüfung.

Je nach Befund wird die Fahrerlaubnis erteilt, eingeschränkt oder verweigert beziehungsweise entzogen.