Waiblingen

Auch Muslime arbeiten mit Schweinefleisch

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Vier der fünf neuen Azubis, von links: Zubaid Alimi (18 Jahre), Nooraldeen Ojael (22), der Italiener Simone Idile (16) und Ibrahim Kattan (17). © Schneider/ZVW

Waiblingen. Bierschinken, Lyoner, Salami: Die Großmetzgerei Kübler ist für ihre Wurst-Spezialitäten bekannt. Auszubildende fürs Fleischer-Handwerk zu finden wird immer schwerer. Umso glücklicher schätzt sich Chef Philipp Kübler, motivierte Kräfte gefunden zu haben. Drei der fünf Neuen sind Araber – auch sie bearbeiten Schweinefleisch.

Der Fachkräftemangel macht sich auch bei der Waiblinger Großmetzgerei bemerkbar. Geschäftsführer Philipp Kübler trieb dieses Jahr erheblichen Aufwand, um interessierte junge Leute zu finden. Er besuchte Ausbildungsmessen, schaltete Anzeigen und lockte mit übertariflichen Leistungen wie 200 Euro mehr Gehalt monatlich. Ohne Bewerber mit Migrationshintergrund könnte er offene Stellen schon längst nicht mehr besetzen. Unter den rund 200 Mitarbeitern an mehreren Standorten sind 42 verschiedene Nationen vertreten. „Toleranz und Verständnis für andere Kulturen sind bei uns oberstes Gebot“, betont der Chef.

Der beste Azubi war ein Türke, der nie Schweinefleisch aß

Die Ausbildungen zum Fleischer oder Fachverkäufer sind schon lange nicht mehr gefragt. Gäbe es die Flüchtlinge und andere Migranten nicht, hätte die Metzgerei gerade einmal einen Azubi fürs Büro gefunden. Erschwerend hinzu kommen schlechte Erfahrungen mit deutschen Lehrlingen. Darunter war manche „Schlaftablette“, wie es Philipp Kübler auf den Punkt bringt. Die Azubis, die jetzt anfangen, brächten „dreimal so viel Ehrgeiz“ mit. Die Situation mag nicht so recht ins Weltbild selbst ernannter Retter der abendländischen Schweinswurst passen, ist aber so: Bei der Produktion von Koteletts und Co. arbeiten immer mehr Muslime mit.

Bester Lehrling in der jüngeren Geschichte des Betriebs war ein Türke, der die Gesellenprüfung mit 1,3 abschloss. Ohne je einen Bissen Schweinefleisch verzehrt zu haben. Unter den Beschäftigten sind Menschen mit tragischen Schicksalen wie Nooraldeen Ojael aus Aleppo, der seit Anfang des Jahres als ungelernte Hilfskraft bei Kübler arbeitet. In seiner Heimat war er nie mit dem Fleischer-Handwerk in Berührung gekommen. Schon mit sieben Jahren lernte er von seinem Vater, der eine eigene Schneiderei besaß, das Nähen und Zuschneiden. Als die Lage im Bürgerkrieg zu gefährlich wurde, schickte der Vater seinen Sohn nach Istanbul, von wo er weiter nach Deutschland zog, als die Grenzen für die Flüchtlinge geöffnet wurden.

„Früher schnitt ich Stoffe zu, heute eben Fleisch“

Für den Traumjob bei einem schwäbischen Modelabel erhielt er eine Absage, doch dann fand er Arbeit bei Kübler und bewährte sich. Beim Schneiden von Speck und Portionieren von Fleisch hat er schon einen eigenen Verantwortungsbereich. „Es ist ein bisschen wie früher“, sagt Nooraldeen Ojael. „Früher habe ich für Kunden Stoffe zugeschnitten, jetzt schneide ich Fleisch zu.“ Die Schneiderei, die Stadt – alles kaputt. Seinen Bruder verlor er im Krieg. Dass es sich dabei um Schweinefleisch handelt, dessen Verzehr unter Muslimen traditionell als verboten gilt, spielt für Ibrahim Kattan keine besondere Rolle. Er esse es selbst nicht, ebenso seine beiden anderen muslimischen Kollegen. Aber Kattan spricht sich klar für Toleranz aus: „Jeder hat seinen eigenen Glauben, seine eigene Religion.“ Als Ferienjobber kam er in den Betrieb. Philipp Kübler lobt ihn als „feinen Kerl“, der stets bereit ist, Überstunden zu machen, um noch etwas mehr zu verdienen.

Beruf mit Karrierepotential

Ebenso Ibrahim Kattans Kumpel Simone Idile, der Italiener in der Runde. In der Deutsch-Vorbereitungsklasse haben sie sich kennengelernt und angefreundet. Die Familie Idile ist stark vertreten bei Kübler: Simones Bruder, Vater und Mutter arbeiten dort beziehungsweise arbeiteten dort zeitweise. „Wir freuen uns, diesen jungen Menschen eine Zukunftsperspektive in Deutschland geben zu können“, sagt Philipp Kübler. Überzeugt hat er die jungen Männer, die allesamt andere Berufswünsche und andere, negativere Vorstellungen vom Fleischerberuf hatten, vor allem mit dem Karrierepotenzial: „Wer möchte, kann seinen Meister machen und dann sogar noch an der Dualen Hochschule zum Beispiel Foodmanagement studieren.“ Bei einem etwaigen Besuch der Meisterschule will der Ausbildungsbetrieb seine Schützlinge finanziell unterstützen. Die angehenden Azubis loben außerdem das gute Betriebsklima und ausdrücklich auch den Chef. Simone Idile: „Er verhält sich wie ein Freund zu uns.“

Die Metzgerei

1890 wurde die Metzgerei in der Stuttgarter Rotebühlstraße gegründet.

1992 wurde in Waiblingen das „Frisch-Fleisch-Zentrum“ eröffnet. 1999 folgte der Neubau der Produktion im Ameisenbühl. Seit 2003 gibt es den Direktverkauf in Waiblingen.

2018 steht ein Anbau für die Produktion, für Kantine und eine neue Umkleide vor dem Abschluss.