Waiblingen

Auf dem Fahrrad von Sizilien zum Nordkap

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Zwischenstopp in Waiblingen: Johannes Böcker (24) mit seinem Fahrrad, mit dem er noch bis ans Nordkap fahren will. © ZVW/Danny Galm
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„Der Außenspiegel ist super, hätte ich nicht gedacht. Ich fand ihn anfangs lächerlich.“

Waiblingen. Ein Zelt, eine Isoliermatte und ein Schlafsack sind für Johannes Böcker auf seiner Reise die drei wichtigsten Dinge. Der junge Physiotherapeut hat seine Fahrradtour von Sizilien zum Nordkap gestartet: 7000 bis 8000 Kilometer möchte der 24-Jährige zurücklegen. Sein Ziel ist es, so wenig wie möglich andere Fortbewegungsmittel zu nutzen und seine Grenzen zu testen.

„Ich versuche, Großstädte zu umgehen. Das ist nichts, was man mit dem Fahrrad braucht“, sagt Johannes Böcker, der am 31. März in Sizilien gestartet ist. Vor allem in Italien ist er auf achtspurigen Fahrbahnen gelandet, die ihm sehr viele Nerven geraubt haben. „Man muss sich extrem auf die Straße und den Verkehr konzentrieren.“ Nach solchen Fahrten habe er eine Stunde gebraucht, um wieder herunterzukommen.

Keine Entspannung zwischen Rom und Siena

Die Strecke zwischen Rom und Siena war auch keineswegs entspannt gewesen, sagt der 24-Jährige. „Das Problem war, dass es keine Seitenstreifen gibt – man hat keine Chance auszuweichen.“ Dazu zählen auch unbeleuchtete Tunnels, die teilweise bergauf gehen. „Dort von Lkw oder Omnibussen überholt zu werden, ist nicht toll.“

Gerade aus diesem Grund findet Johannes Böcker die Fahne an seinem Fahrrad, die er von seinen Arbeitskollegen geschenkt bekommen hat, unfassbar wichtig: „Sie schafft Aufmerksamkeit und ist über die Autos zu sehen“, sagt er. Auch Reflektoren an der Kleidung und Schuhe sind nicht wegzudenken.

„Das ist der Punkt, wo man sich fragt: Wieso macht man das?“

Aber nicht nur der Verkehr, sondern auch das Wetter bringt Johannes Böcker an manchen Tagen an seine Grenzen. „Es waren die schönsten vier Tage durch Baden-Württemberg“, sagt der Physiotherapeut ironisch – das Wetter war nämlich extrem schlecht. In Freiburg, Donaueschingen, Friedrichshafen, Mehrstetten und Waiblingen wurde er vom starken Regen begrüßt. „Das ist der Punkt, wo man sich fragt: Wieso macht man das?“, sagt Johannes Böcker. Und an solchen Tagen überlege er an jedem Bahnhof, ob er doch nicht mit dem Zug fahren solle. Aber nach wie vor ist das Ziel des 24-Jährigen, auf andere Fortbewegungsmittel zu verzichten. Nur Bus und Bahn kommen für Johannes Böcker infrage, sondern nur dann, wenn es anders nicht vorangeht. „Ich liebe es, auf diesem Gaul zu hocken. Weil mir das so sehr Spaß macht, komme ich auch gut voran.“

Obwohl das Wetter und der Verkehr ihm an einigen Tagen zu schaffen machen, ist er von seiner Radtour stets begeistert. „Jeden Tag feiere ich diese Idee, dass ich mich dazu entschieden habe“, betont Böcker.

„Der eigentliche Plan war, von Kiel nach Shanghai zu radeln“

Die Idee einer Radtour entstand im September 2017. „Der eigentliche Plan war, von Kiel nach Shanghai zu radeln“, erzählt Johannes Böcker im Gespräch. Er ist in Bad Hersfeld geboren und lebt seit vier Jahren in Kiel, wo er als Physiotherapeut bei der Kieler Holstein Reha arbeitet.

Anderthalb Jahre lang bereitete er sich auf die Radtour vor. Die Route, der Zeitraum, die Ausrüstung – das gesamte Konzept musste gut durchdacht und geplant werden. Politische Unruhen in Usbekistan haben ihn vom ursprünglichen Plan, nach Shanghai zu fahren, abgehalten. „Da zeigt sich nicht jede Mutter begeistert, wenn man dort durchfährt“, sagt der 24-Jährige.

Also entschied er sich für die Route von Sizilien ans Nordkap. Und startete seine Tour am 31. März in Catania. Dazu flog er von Frankfurt nach Catania – natürlich kam auch sein Fahrrad mit: als Sperrgepäck. Vom Flughafen ging es direkt in Richtung Siracusa. Die Stationen sind im Groben in der Grafik aufgelistet. Über seine einzelnen Stopps und Fahrten schreibt Johannes Böcker auf seinem Blog.

Austausch und Kontakt mit unterschiedlichen Menschen machen ihm sehr viel Spaß.„Dieses Fahrrad zieht viel Aufmerksamkeit auf sich. Mit Händen, mit Füßen und mit Taschenrechnern schafft man es, sich zu unterhalten.“ Aber auch um sich zu erholen und neue Leute kennenzulernen, nutzt er das Portal „Warm Showers“. Sprich kostenlos bei jemandem unterzukommen und die Möglichkeit zu haben, sich zu duschen. „Es sind immer wieder kleine Highlights, Leute mit ähnlichen Interessen kennenzulernen, die entweder selbst eine Fahrradtour gemacht haben oder es vorhaben.“ Sein Ziel ist es, es später auch anderen Fahrradtouristen anzubieten.

Viel Zeit zum Nachdenken

Der Kontakt mit Menschen ist auch deshalb sehr wichtig, weil er alleine unterwegs ist. Zwar habe er anfangs überlegt, mit einer weiteren Person gemeinsam zu radeln, aber sich doch dagegen entschieden. Rückblickend sagt er, dass er sich an einigen Tagen einen Gesprächspartner gewünscht hätte, um über Höhepunkte sprechen zu können, die im Moment passiert sind. „Ich telefoniere sehr viel, aber das ersetzt es nicht“, sagt Böcker.

Auch habe man sehr viel Zeit zum Nachdenken – manchmal zu viel, findet er. Während der Tour hat er sich auch besser kennengelernt: Ihm sei aufgefallen, dass er viel leistungsfähiger sei, als er es gedacht hätte. So stoße er oft sehr an seine Grenzen. „Ich finde das lustig, mir macht das Spaß, mich so lange zu quälen.“

Seine Tour würde er nur dann abbrechen, wenn Krankheit oder ein Unfall dazwischenkommen oder es zeitlich sehr knapp zu werden droht. Schlimm findet er es nicht. Dann hebt er sich die Strecke für ein anderes Mal auf. So oder so freut er sich über jede neue Herausforderung.


Hier geht's zum Blog

Auf seinem Blog johannes-durch-europa.blogspot.com berichtet Johannes Böcker über einzelne Stationen seiner Fahrradtour. Dort hält er auch seine Erlebnisse und Eindrücke fest. Die Blogeinträge sind sowohl auf Deutsch als auch in Englisch verfasst.

Die Fahrradwelt Bebra, die Holstein Reha in Kiel-Wik und das Druckhaus Waiblingen unterstützen den 24-jährigen Radler finanziell bei seiner Fahrradtour von Sizilien bis ans Nordkap.