Waiblingen

Auf dem Weg zur Zentralkelter

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Manfred Felger tritt als Vorstandsvorsitzender der Remstalkellerei bei der Mitgliederversammlung am Freitag nicht mehr an. © Laura Edenberger
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Claus Mannschreck © Pelzfoto Life
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Heike Schacherl. © Laura Edenberger

Weinstadt. Ein neuer Chef, Erschließung zusätzlicher Märkte, eine Weinqualitätsoffensive – und endlich eine Zentralkelter: Viel vor hat die Remstalkellerei. Notizen zur Pressekonferenz vor der Mitgliederversammlung am Freitag.

Moses kam nicht ins Gelobte Land. Aber er führte sein Volk in die Richtung.

Ein bisschen alttestamentarisch dürfte dieser Tage auch Manfred Felger zumute sein: Seit Jahr und Tag wirbt der scheidende Vorstandsvorsitzende der Remstalkellerei dafür, der Kleinstaaterei mit den Ortskeltern ein Ende zu machen; allein, mal verweigerten die Genossenschaftsmitglieder die Zustimmung, mal gab es Grundstücksprobleme. Jetzt tritt Felger, 60, nicht mehr zur Wiederwahl an; die Zentralkelter aber könnte nächstes Jahr wahr werden.

Remshaldener haben abgesagt 

„Sie wird auf jeden Fall kommen“, sagt Claus Mannschreck, der am Freitag als Felgers Nachfolger kandidiert – es sei nur „die Frage, wie viele mitmachen.“ Neun Ortskeltern gibt es, aus sieben Flecken-Genossenschaften kommt zumindest von der Verwaltungsspitze das Signal: Wir sind dabei. Abgesagt haben nur die Remshaldener, sie wollen fürs Erste ihre eigene Presse behalten. Korb gilt als „Wackelkandidat“.

Ein Bauzeitplan steht auch 

Ein Grundstück ist bereits gekauft, zwischen dem Beutelsbacher Ostrand und dem „Käppele“. Ein Bauzeitplan steht auch: Die Zentralkelter soll „im Herbst 2018 in Betrieb gehen“, hofft Mannschreck. „Ist sportlich. Aber kann funktionieren.“ Kosten: etwa sieben Millionen Euro.

Moses und Josua? Noch ist nichts entschieden

Bis Ende Juni werden die einzelnen Ortsgenossenschaften jeweils getrennt abstimmen – angesichts der knorrigen Wengerter-Mentalität, dem ausgeprägten Talent dieses bodenständigen Menschenschlages zum Selberdenken (im Volksmund auch Eigensinn genannt) sind Wetten auf den Ausgang grundsätzlich riskant. Aber für Mannschreck und Felger sind die Vorteile einfach zu gewichtig: Maische-Gärung „auf dem neusten Stand der Technik“ wird dort möglich sein, vor allem aber hätte die Zentralkelter „fast jeden Tag von morgens bis abends offen“. Sollte es so kommen, wird Manfred „Moses“ Felger als Wegweiser in die Geschichte eingehen – und Claus Mannschreck als Vollender oder, um im alttestamentarischen Bild zu bleiben: als Josua.

Außer, er wird am Freitag nicht gewählt.

"Die psychische Belastung ist extrem"

Ach, lacht Mannschreck, es gebe ja „keine Alternative – den Job tun sich nicht viele an.“ Denn 1200 Wengertern gerecht werden zu wollen, ist eine Aufgabe von tatsächlich biblischem Ausmaß. „Die psychische Belastung ist extrem“, sagt Felger. Manchmal, wenn er eine umstrittene Entscheidung traf, sei er am Wochenende lieber nicht aus dem Haus gegangen.

Einfache Mehrheit reicht

Er rechne „sicher nicht mit 100 Prozent“, sagt Mannschreck. Das leuchtet doppelt ein: Erstens heißt er nicht Martin Schulz. Zweitens ist das Remstäler Wengertervolk gewiss nicht die SPD. „Aber es reicht eine einfache Mehrheit.“

Mannschreck: Hauptaugenmerk auf Vertriebsarbeit

Mannschreck – 47, verheiratet, drei Kinder, Strümpfelbacher „Wengerterbub“ und studierter Diplom-Ingenieur Weinbau – wird sein Hauptaugenmerk auf die Vertriebsarbeit richten. Das ist sein Metier. Früher mal war er bei der Remstalkellerei Gebietsverkaufsleiter und kennt seither den Laden „bis in den letzten Winkel im Keller“, später arbeitete er für Stuttgarter Großhändler, wo er die „internationale Weinwelt“ ergründete, zehn Jahre lang betrieb er als Selbstständiger seine eigene Handelsagentur für Wein.

Es gibt viel zu tun 

Zu tun gibt es viel, denn das ist die Lage, die Felger und Mannschreck beschreiben, indem sie sich dialogisch die Bälle zuspielen: In Württemberg tobt ein „sehr starker Preiswettbewerb“, der „Heimatmarkt“ ist geflutet „mit einem Haufen Billigangeboten“. Das „klassische Litergeschäft“ wird „jedes Jahr weniger“: Der treue Trollingerschlotzer, der traditionsverbunden seine „vier Viertele“ am Tag trinkt, stirbt aus. Neulich war Feuerwehrfest in Endersbach, zum 24. Mal. Die Remstalkellerei verzeichnete „den geringsten Umsatz, seit es das Fest gibt“. Kollegen aus dem Bottwartal berichten Ähnliches.

Kundschaft sucht kulinerotischen Höhepunkt

Wer heute Wein verkaufen will, muss ihn als Erlebnis inszenieren. Veranstaltungsformate wie der „Leuchtende Weinberg“ weisen die Richtung – und zur Weinprobe einen Kanten Brot zu reichen, genügt nicht mehr. Die Kundschaft sucht den kulinerotischen Höhepunkt. Wein und Schokolade. Lukullisches Seminar. Neue Rebsorten. Sinnliche Geschmacksoffenbarungen.

„Wir müssen Absatzwege jenseits unserer Grenzen suchen“, glaubt Mannschreck: die Dreiviertel-Liter-Angebote „im nationalen Bereich“ noch besser platzieren, gar international denken. „Ich habe zum Beispiel Kontakte nach Litauen geknüpft.“

Raus aus der "Billigschiene"

„Langfristig“ will der designierte Vorstandsvorsitzende die Remstalkellerei raus „aus der Billigschiene“ führen. Schritte in diese Richtung sind bereits getan: Unterm Namen „Kerf“ – das schwäbische Wort für Keuper, den nährstoffreichen Untergrund, aus dem die Remstäler Rebe sich reckt – vermarktet die Genossenschaft ein edles Rotwein-Cuvée, beim 2013er Jahrgang zum Beispiel aus Spätburgunder und Acolon. „Wir haben die Böden, wir haben die Rebsorten“, sagt Claus Mannschreck. „Wir wollen beweisen, dass wir es können.“

Vorstand mit Frau

Claus Mannschreck, Vorsitzender (sofern die Mitglieder ihn am Freitag wählen); Werner Schaal, Stellvertreter; dazu Christoph Schwegler und bereits seit dem 1. Mai Heike Schacherl. So könnte das neue Vorstandsteam der Remstalkellerei aussehen. Schacherl, 31, wurde als hauptamtliche Vorständin vom Aufsichtsrat berufen, nachdem sie sich zunächst als Controllerin bewährt hatte. Sie arbeitete früher bei einer Volksbank im Gmünder Raum. Heike Schacherl dürfte, glauben Felger und Mannschreck, in ganz Württemberg das einzige weibliche Vorstandsmitglied einer Weinbaugenossenschaft sein.