Waiblingen

Auto geborgt, Unfall gebaut – was dann?

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Au weia! Ein Unfall mit einem geliehenen Fahrzeug kann teure Folgen haben, wenn der Fahrer oder die Fahrerin nicht in der Versicherungspolice eingetragen wurde. © Habermann / ZVW

Waiblingen. „Kannst Du mir kurz Dein Auto leihen?“ Wer kann einem netten Nachbarn, dem Kollegen oder einem Verwandten den Freundschaftsdienst schon abschlagen! Allenfalls mit dem Hinweis auf die einschlägigen Versicherungsklauseln: „Würd’ ich gern, aber leider zahlt die Versicherung nicht ...“ Das ist zwar falsch. Die Kfz-Haftpflicht zahlt immer. Aber der Ärger könnte hinterher beginnen.

Wer heute einen Versicherungsvertrag für sein Auto abschließt, wird ausgequetscht wie eine Zitrone. Abgefragt werden jede Menge Details zu den persönlichen Lebens- und Berufsverhältnissen, auf dass die Algorithmen der Versicherungsmathematiker eine dem Unfallrisiko entsprechende Prämie berechnen können. Unter anderem gilt der Grundsatz: je mehr und desto jünger die Fahrer, desto höher das Risiko. Weshalb die Versicherungen sich bestätigen lassen, dass nur der Halter selbst und in der Regel die Partnerin oder Partner mit dem unterwegs sind.

Was passiert, wenn ich mein Auto an einen Freund oder Kollegen verleihe und der einen Unfall baut? Zahlt die Versicherung dann etwa nicht?

Die Kfz-Haftpflichtversicherung zahlt auch dann berechtigte Schadensersatzforderungen, wenn der Freund den Unfall verursacht, beantwortet der Bund der Versicherten unsere Anfrage. Das hieße, die Kfz-Haftpflicht kommt für die Schäden auf, die der Fahrer mit dem Auto bei Dritten verursacht. „Allerdings leistet sie nur eingeschränkt, wenn der Fahrer zum Beispiel unter Alkohol- oder Drogeneinfluss gefahren ist, oder ohne Fahrerlaubnis oder wenn er Unfallflucht begangen hat“, schränken die Verbraucherschützer ein. Bei der Kaskoversicherung könne es sein, dass die Versicherung bei Schäden, die der Fahrer grob fahrlässig verursacht hat, Leistungen kürzt.

„In der Vollkaskoversicherung kann bei einer Pflichtverletzung, wenn also zum Beispiel der Fahrzeughalter die geänderte Verwendung nicht mitgeteilt hat, der Versicherungsschutz vollständig erlöschen oder die Leistung gekürzt werden“, erklärt Dr. Tibor Pataki, Leiter des Bereichs Kraftfahrtversicherung, Kfz-Technik und Statistik beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), die Rechtslage. Kann, nicht muss!

Finanzielle Folgen mit Vertrag klären

Klar ist: Bei einem Unfall geht der Schadensfreiheitsrabatt des Versicherungsnehmers – und nicht des Unfallverursachers! – flöten. In den Folgejahren steigen dessen Prämien. Das kann ein erkleckliches Sümmchen werden. Diese finanziellen Folgen gilt es vorab entweder mit einem Vertrag zu klären, was wohl keiner tut bei einem guten Nachbarn, netten Kollegen oder engen Verwandten. Oder man muss sich darauf verlassen, dass der Unfallverursacher für die Folgen gerade steht und sich nicht nur beim Nehmen als Freund zeigt.

„Sie können ihr Auto unentgeltlich verleihen“, versichert Gerald Epple, Schadensleiter der WGV-Versicherung in Stuttgart. Die Betonung liegt auf „unentgeltlich“. Wer regelmäßig sein Auto verleihe und so eine Art privates Car-Sharing in der Nachbarschaft betreibe, verstößt freilich gegen seinen Vertrag, in dem aus Kostengründen nur einen eingeschränkten Personenkreis als Fahrer eingetragen hat.

Kann die Kfz-Haftpflicht den Versicherungsnehmer in Regress nehmen und Schadensersatz fordern?

Die Kfz-Haftpflichtversicherung kann den Fahrzeughalter grundsätzlich bis zu einer Grenze von 5000 Euro in Regress nehmen, teilt der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft mit. Der Automobilclub (ACE) empfiehlt, sich einen Versicherungsvertrag genau anzusehen, ob beispielsweise die günstige Prämie mit der Klausel verknüpft ist, dass das Auto nur vom Halter und dessen Partner benutzt wird. „Also vor Abschluss der Versicherung überdenken, für welchen Zweck das Auto eingesetzt werden soll“, so der ACE. In den Verträgen werde darüber hinaus unterschieden, ob ein Fahranfänger ans Steuer darf oder ein Fahrer über 25. Das Risiko bei jungen Fahrer ist höher, also sind die Beiträge entsprechend höher.

Was sind die Folgen, wenn doch ein Unfall geschieht?

Ist in der Versicherungspolice festgehalten, dass keine Dritten mit dem Fahrzeug fahren dürfen und es wird doch gemacht und ein Unfall geschieht, dann sind Vertragsstrafen möglich, so der ACE. Im Übrigen sei dies auch ein wichtiger Punkt beim Mietwagen im Urlaub. Auch wenn der Ausschluss nicht in der Versicherungspolice vermerkt ist, empfiehlt es sich, die Fahrtberechtigung eines Dritten, wenn dies regelmäßig geplant ist, im Vertrag protokollieren zu lassen. Auch die Höhe einer möglichen Vertragsstrafe müsse in der Police geregelt sein.

Verbraucher sollten wissen: Die Vertragsstrafe, also wenn ein Dritter ohne Berechtigung fährt und einen Unfall baut, kann unter Umständen so hoch wie eine ganze Jahresprämie sein. Da der Versicherungsnehmer im Vertrag falsche Angaben gemacht hat, muss er eventuell zudem alle bisherigen Rabatte zurückzahlen, so der ACE: „Möglicherweise kann ihn sogar die Schadensregulierung bei Kaskoschäden verweigert werden.“

Führt eine Vertragsverletzungen zur Kündigung des Vertrages?

Nicht unbedingt, teilt der Automobilclub mit. Grundsätzlich kann ein Vertrag nur zum Ende des Versicherungsjahres oder außerordentlich nach einem Schadensfall gekündigt werden, ergänzt der Bund der Versicherten. Und zwar seitens der Versicherung wie auch des Versicherungsnehmers. Habe die Versicherung die Kündigung ausgesprochen, gebe es kein Zurück. Der Versicherte müsse sich um einen neuen Vertrag bemühen, was im Falle einer Kündigung oft zu Schwierigkeiten führt. „Die Tatsache, dass der Vorversicherer den Vertrag gekündigt hat, kann den neuen Versicherer bereits dazu bewegen, einen Kasko-Antrag abzulehnen oder einen Haftpflichtantrag nur zu den Mindestversicherungssummen anzunehmen“, schreiben die Verbraucherschützer (siehe auch: 30. November).

Wie kann ich risikolos mein Fahrzeug verleihen?

Indem man den Fahrer bei der Versicherung anmeldet. „Gehört der Verwandte oder der Freund, der das Auto nutzen will, nicht zum versicherten Personenkreis, ist es kein Problem, diesen nachträglich – aber vor der Nutzung – anzumelden“, empfiehlt die ADAC-Versicherung. Entweder indem der Personenkreis insgesamt erweitert oder eine Ausnahmegenehmigung erteilt wird, nennt die ADAC-Versicherung das Beispiel der Cousine, 28 aus Amerika, die für vier Wochen zu Besuch ist und das Auto nutzen möchte. „Es geht hauptsächlich darum, dass die Person gemeldet ist.“

Kann es sich lohnen, es „darauf ankommen zu lassen“, dass kein Unfall passiert?

„Nein, auf keinen Fall“, rät der ACE davon ab, das Risiko einzugehen, einen Dritten fahren zu lassen, ohne dies der Versicherung gemeldet zu haben. Das schließt das eigene Kind als Führerscheinneuling ein, das das Familienauto ab und zu mitbenutzt. „Die Folgekosten sind zu hoch, sollte etwas passieren.“


Hoppla! Das ist ja ein ganz schön teueres Vergnügen, dieser Führerschein. Plötzlich ist das Kind erwachsen, hat den Führerschein und setzt sich selbst ans Steuer. Die Versicherungen lassen sich das erhöhte Unfallrisiko für die Familienkutsche teuer bezahlen.

Unter 300 Euro im Jahr hat der Kleinwagen bisher in der Versicherung gekostet. Inklusive Vollkasko mit 150 Euro Selbstbeteiligung und Teilkasko ohne. Schauen wir mal, was die 60-PS-Karre künftig kostet, wenn der bald 18-jährige Sohn als Fahrer eingetragen wird. Die neue Beitragsberechnung weist eine Prämie von rund 475 Euro beim begleitenden Fahren aus und von 575 Euro, wenn er in wenigen Monaten als 18-Jähriger allein fahren wird. Der Beitrag hat sich beinahe verdoppelt. Die Frage, ob so eine Verdoppelung der Prämien berechtigt ist, beantworten der Bund der Versicherten kurz und knapp: „Ja, denn mit diesem Fahrerkreis steigt auch das Risiko, mit dem Auto einen Unfall zu verursachen.“ Sehr junge Fahrer und vor allem Fahranfänger haben ein statistisch erhöhtes Unfallrisiko. Gleiches gelte auch für ältere Fahrer, für die die Prämien dann oft ebenfalls steigen.

Beiträge variieren von Versicherung zu Versicherung

Lohnt sich etwa ein Versicherungswechsel? Die Höhe der Beiträge beziehungsweise der Beitragsanpassungen variieren von Versicherer zu Versicherer teils erheblich, so die Verbraucherschützer. Der Tarifrechner des Bundes der Versicherten weist jedoch im konkreten Fall keine günstigere Versicherung aus. Im Gegenteil. Unter den 15 günstigsten Versicherungen finden sich auch welche, die für die Haftpflicht und Kaskoversicherung des Kleinwagens bis zu 950 Euro verlangen.

Reguläre Kündigung nur zum 30. November möglich

Übrigens: Ein Vertrag kann nicht so ohne Weiteres gekündigt werden, bloß weil sich der Beitrag verdoppelt, wenn Sohnemann oder Töchterchen künftig das Familienauto mitbenutzt. Stichwort: Sonderkündigungsrecht bei Beitragserhöhungen. „Hier handelt es sich um eine Vertragserweiterung, ähnlich wie wenn man die jährliche Fahrleistung erhöht“, teilt die ADAC-Autoversicherung mit. Eine reguläre Kündigung sowohl seitens des Versicherungsnehmers wie auch der Versicherung selbst ist nur zum Ende des Versicherungsjahres mit Datum 30. November möglich sowie bei einer Beitragserhöhung oder nach einem Schadensfall. Der Automobilclub Europa (ACE) rät, bei einem Vergleich nicht nur auf den Preis, sondern auch auf das Kleingedruckte bei den Versicherungsbedingungen zu achten. So sind Wildschäden nicht gleich Wildschäden. Ob Marderbisse oder die Kollision mit einer Kuh und einem Schaf mitversichert sind, kann sich im Beitrag niederschlagen, erklärt eine Sprecherin des Gesamtverbandes der Versichertenwirtschaft.

Versicherer können Vertragsstrafen verhängen

Angesichts der höheren Prämie ist die Versuchung groß, dem jungen Fahrer einfach den Zündschlüssel in die Hand zu drücken und zu hoffen, dass er schon keinen Unfall baut ... Sowohl Verbraucherschützer wie auch Automobilclubs wie die Versicherungen raten davon ab, es darauf ankommen zu lassen und den jungen Fahrer nicht anzugeben. Zwar bleibe der Versicherungsschutz bestehen, sofern die Schäden nicht vorsätzlich oder widerrechtlich herbeigeführt worden seien. Doch die Versicherer können Vertragsstrafen verhängen, wie zum Beispiel den tatsächlichen Beitrag nachfordern oder sogar eine Vertragsstrafe in Höhe des tatsächlichen Jahresbeitrags verhängen, wenn er nachweisen kann, dass vorsätzlich falsche Angaben getätigt wurden. Dass das erhöhte Unfallrisiko von Führerscheinneulingen nicht bloß der Fantasie der Versicherungen entsprungen ist, zeigen die Beulen am Auto einer Kollegin. Deren 17-jährige Tochter passte beim Ausparken kurz nicht auf und kam einem vorbeifahrenden Fahrzeug in die Quere. Pech.


30. November

Es ist Wechselzeit in der Autoversicherung: Bis Ende November 2017 können die meisten Autobesitzer kündigen und zu einem neuen Anbieter wechseln, teilt die Stiftung Warentest mit. Die Preisunterschiede seien enorm. Selbst wer aktuell schon günstig versichert ist, sollte erneut prüfen, ob die eigene Autoversicherung noch zu den günstigen Angeboten gehöre.

Allerdings ist eins zu beachten: Man sollte erst dann seine Versicherung kündigen, wenn man die Zusage des neuen Versicherers hat. Schwierig ist es zudem, eine neue Versicherung zu finden, wenn einem die alte gekündigt hat.