Waiblingen

Bahnhof nicht barrierefrei

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Pascal Kraft ist auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen, um zur Arbeit zu kommen – und aufgrund seiner Mobilitätseinschränkung auch auf funktionierende Aufzüge. © Jamuna Siehler
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Auch mit Kinderwagen sind defekte Aufzüge ein Problem, weiß Ann-Christine Winter (rechts). © Jamuna Siehler
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In Waiblingen keine Seltenheit. © Jamuna Siehler

Waiblingen. Im Februar berichteten wir über die mangelnde Barrierefreiheit des Kernener Ortsteils Stetten. Doch auch in Waiblingen liegt offenbar einiges im Argen: Wochenlang defekte Aufzüge und hohe Türschwellen an Bussen und Bahnen sind nicht nur für Rollstuhlfahrer ein Problem.

Es ist 15.30 Uhr und Pascal Kraft ist nicht am vereinbarten Treffpunkt in der Fußgängerunterführung am Waiblinger Bahnhof. Auch zehn Minuten später ist er noch immer nicht am Aufzug zu den Gleisen 6/7 erschienen. Am Aufzug hängt ein Schild, das diesen als „defekt“ kennzeichnet – und ein Hinweis, dass er in Kalenderwoche 10 wieder in Betrieb sein wird. Es ist bereits KW 11. Wie sich später herausstellt, ist auch der andere Bahnhofsaufzug an diesem Tag kaputt – und auch der Grund, weshalb Kraft nicht am Treffpunkt erschienen ist. Denn er ist gehbehindert und mit seinem Elektro-Scooter auf die Aufzüge angewiesen.

Seit fünf Jahren arbeitet Kraft am Empfang der Remstalwerkstätten der Diakonie Stetten in Waiblingen, macht Telefondienst, übernimmt organisatorische Aufgaben und begrüßt Besucher. Für den Weg von seinem Wohnort Schorndorf zu seiner Arbeitsstelle und zurück ist er auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Doch sein Arbeitsweg verläuft oft nicht gerade reibungslos: „Wenn der Aufzug kaputt ist und ich nicht auf Gleis 7 komme, wo die S-Bahn nach Schorndorf fährt, dann muss ich erst in die Gegenrichtung fahren und dann umsteigen“, erklärt Kraft. Mittlerweile sei das leider fast schon Gewohnheit.

Im besten Fall kostet ihn dieser Umweg 15 Minuten, im schlechtesten Fall eine dreiviertel Stunde – insgesamt ist er dann von Haustür zu Haustür fast zwei Stunden unterwegs. Auch das Umsteigen ist für Kraft nicht einfach: Er ist auf Hilfe angewiesen. „Der Zugführer muss mir eine Rampe auslegen, damit ich in die Bahn fahren kann“, erklärt er. Normalerweise sei das Bahnpersonal zuvorkommend, aber leider gebe es auch Ausnahmen. Es sei deshalb auch schon vorgekommen, dass andere Fahrgäste ihn in die Bahn hätten heben müssen, berichtet Kraft. Ganz schön schwer, denn der Scooter alleine wiegt schon 140 Kilogramm.

Auch mit Kinderwagen ist Barrierefreiheit ein Thema

Doch nicht nur für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen sind defekte Aufzüge und hohe Türschwellen ein Problem, wie Ann-Christine Winter weiß. Die junge Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter hat es schon oft erlebt, dass die Aufzüge am Waiblinger Bahnhof defekt waren. „Wenn dann niemand da ist, der mir hilft, den Kinderwagen die Treppe runterzutragen, wird es schwierig“, sagt sie. Auch das Ein- und Aussteigen in Busse und Bahnen mit Kinderwagen sei in Waiblingen häufig schwierig. „Die Stufen sind oft viel zu hoch, gerade bei den Bussen.“

In der Servicezentrale der Deutschen Bahn (DB) in Stuttgart weiß man von den defekten Aufzügen. „Der Aufzug zu Gleis 6/7 hat seit Anfang März eine Türsteuerungsstörung“, bestätigt Werner Graf aus der Presseabteilung. Er werde in den nächsten Tagen repariert. Jener am Bahnhofsvorplatz sei seit einigen Tagen außer Betrieb. „Wir bemühen uns, die Defekte so schnell wie möglich zu beheben“, sagt Graf. Das sei allerdings nicht immer einfach, da fast alle Aufzüge Unikate seien und die Ersatzteile erst angefertigt werden müssten. So könnten bei einer defekten Tür bis zur Reparatur auch mal mehrere Wochen vergehen.

Häufige Ursache: Vandalismus

Als häufige Ursache für die Defekte nennt der Pressesprecher Vandalismus. Leider habe der in den vergangenen Jahren zugenommen. Die DB allerdings sei da machtlos: „Eine Kameraüberwachung ist datenschutzrechtlich schwierig und würde nicht viel bringen“, ist Graf überzeugt. Eine andere Lösung hat die DB derzeit nicht. Pascal Kraft hingegen hätte eine Idee: „Ich könnte mir eine Art Schlüssel oder Code vorstellen, so dass nur diejenigen die Aufzüge benutzen können, die darauf angewiesen sind.“ Aus Sicht der DB nicht umsetzbar: „Ein Bahnhofsaufzug muss öffentlich zugänglich und nutzbar sein“, betont Werner Graf. Auch bei der Bahn ärgere man sich selbstverständlich über kaputte Aufzüge. „Das kostet uns jedes Mal eine Stange Geld“, so der Pressesprecher.

Auch Pascal Kraft ärgert sich. Und zwar am meisten über Menschen, die mutwillig Dinge zerstören, auf die andere angewiesen sind. „Ich bin gerne unterwegs, aber durch solche Zusatzherausforderungen wird es anstrengend“, sagt er. Sein Wunsch: „Es wird viel über Barrierefreiheit und Teilhabe geredet, aber es muss endlich mehr getan werden.“ Dabei gehe es ihm nicht nur um seine eigenen Interessen. Deshalb engagiert er sich im Initiativkreis Barrierefreier Rems-Murr-Kreis. Um Druck auf die zuständigen Stellen aufzubauen, dokumentiert er zudem seit Februar die Ausfälle der Aufzüge am Waiblinger Bahnhof in einer Liste. Denn: „Wenn man da nichts tut, dann passiert auch nichts“, ist er überzeugt.

Neues Meldesystem

Seit einigen Monaten melden Aufzüge an baden-württembergischen Bahnhöfen ihre Defekte selbst: Ist ein Aufzug kaputt, bekommt der zuständige Techniker automatisch eine elektronische Meldung – das soll Zeit sparen.

„Vor allem übers Wochenende haben wir oft eine Welle an kaputten Aufzügen“, berichtet Werner Graf, Pressesprecher der Deutschen Bahn in Stuttgart. Dass am Montag zehn der knapp mehr als 100 Aufzüge im Verkehrsverbund Stuttgart defekt seien, sei keine Seltenheit. Bis zum Wochenende hätten die Techniker diese Quote dann meist wieder auf vier bis fünf Prozent gesenkt.

Auch die Aufzüge am Waiblinger Bahnhof sind inzwischen wieder in Betrieb. Bei einem hat die Reparatur fast drei Wochen gedauert.