Waiblingen

Berufsschulen sind im steten Wandel

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Zum vielfältigen Angebot der Berufsschulen gehören Berufskollegs und berufliche Gymnasien für Schüler mit Mittler Reife. © Büttner / ZVW

Waiblingen/Schorndorf. Die beruflichen Schulen befinden sich in einem ständigen Wandel. Neue Schularten kommen hinzu, wie das AV Dual oder das Profil Finanzmanagement am WG Backnang. Andere Schularten fallen weg, weil sie nicht mehr nachgefragt werden. Auffallend ist: Die Schülerzahlen an den drei Berufsschulzentren steigen entgegen sämtlichen Prognosen.

Die sinkenden Geburtenzahlen ließen erwarten, dass Jahr für Jahr weniger Jugendliche die Berufsschulen besuchen werden. Doch die Statistiken lagen daneben. Mit 11 233 Schülern werden im Schuljahr 2016/17 mehr Schüler denn je unterrichtet. Seit Jahren steigt aber nicht nur die Zahl der Vollzeitschüler, also die in den beruflichen Gymnasien, Berufskollegs oder Berufsfachschulen mit dem Ziel Abitur, Fachhochschulreife oder Mittlere Reife. Auch die Zahlen der Schüler, die sich in einer dualen Ausbildung befinden und nur tageweise oder in Blocks in eine Berufsschule gehen, sind seit zwei Jahren wieder im Steigen.

In Vollzeit besuchen darüber hinaus rund 450 Schüler die 25 Vabo-Klassen in den Berufsschulzentren. Vabo steht für „Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf zum Erwerb von Deutschkenntnissen“. Es ist für junge Flüchtlinge eingerichtet worden und vermittelt ihnen die Grundlagen, damit die Jugendlichen dann in eine duale Ausbildungsvorbereitung (AV dual) wechseln können, sagte Stefan Weißert, geschäftsführender Schulleiter der beruflichen Schulen, im Schulausschuss des Kreistages. Die 25 Klassen reichen nicht aus. Aktuell stünden noch 55 Flüchtlinge im Alter von 16 bis 18 Jahren auf der Warteliste. Weißert hofft auf die Unterstützung der allgemeinbildenden Schulen im Kreis. „Sonst schaffen wir es nicht!“

Vabo-Klassen müssen auch Fachsprache vermitteln

In den Vabo-Klassen gehe es aber nicht nur um die Alltagssprache, sondern es müsse auch Fachsprache vermittelt werden. In Backnang haben Vabo-Schüler beispielsweise einen Fahrradführerschein erwerben können, um ihnen die deutschen Verkehrsregeln beizubringen. Dass die Stundentafel von 35 auf 20 Stunden gekürzt worden sei, mache Integration nicht einfacher, gab Weißert zu bedenken.

Unklare Zukunft überschattet Unterricht

Bei vielen Schüler überschatte eine unklare Zukunftsperspektive den Schulunterricht. Solange das Damoklesschwert Abschiebung über den Flüchtlingen schwebe, stellt sich für sie, aber auch die Ausbildungsbetriebe die Frage, ob eine Ausbildung überhaupt sinnvoll ist. Diese jungen Leute zu motivieren, sei eine besondere Herausforderung.

Viele Lehrer ohne Perspektive 

Aber auch viele Lehrer der Vabo-Klassen haben keine Perspektive, beklagte Weißert. Sie seien befristet eingestellt und müssten nach einem Jahr wieder gehen. Ulrich Lenk, FDP-FW-Kreisrat und Schulleiter der kaufmännischen Schule in Waiblingen, kennt die Probleme aus eigener Anschauung. 20 Stunden Unterricht pro Woche seien im Übrigen zu wenig, um Integration zu ermöglichen, befand Lenk.

Schularten zu schleppend genehmigt

Lenk beklagte darüber hinaus, dass neue Schularten an den beruflichen Schulen vom Regierungspräsidium viel zu schleppend genehmigt werden. In die Bresche springen dann immer häufiger private Schulen und machen Angebote, die auch die öffentlichen Schulen unterbreiten könnten. Wenn sie denn dürften. Zum Beispiel ein sechsjähriges Gymnasien am TG ab Klasse acht, das noch nicht in Waiblingen angeboten werden darf, wohl aber in Fellbach von Kolping Bildung.

Schulart "AV dual"

Ein Modell für das ganze Land ist die Schulart „AV dual“ geworden, die seit dem Schuljahr 2014/15 an allen beruflichen Schulen angeboten wird und von 435 Schülern besucht wird. Es ist ein viel beachteter Schulversuch, junge Leute in Ausbildung zu bringen und nicht einfach eine Warteschleife drehen zu lassen. Gesetzt wird auf individualisierte Lernprozesse und enge Lernbegleitung in Verbindung mit Betriebspraktika, um Kontakte zu Ausbildungsbetrieben zu knüpfen. Zu den neuen Schularten zählen auch das Profil Finanzmanagement am WG Backnang mit 21 Schülern seit diesem Schuljahr, die Fachschule für Sozialpädagogik in Teilzeit an der Anna-Haag-Schule Backnang (16 Schüler) und die Berufsfachschule für Altenpflegehilfe an der Maria-Merian-Schule in Waiblingen (Start 2017/18).

Mindestzahl unterschritten: Schularten abgewickelt

Mangels Nachfrage werden aber auch immer wieder Schularten abgewickelt, und zwar sobald die Mindestzahl von 16 Schülern pro Klasse unterschritten wird. Alternativen zur Streichung ist eine gemeinsame Beschulung mit verwandten Klassen, die Zusammenlegung mit Klassen aus anderen Berufsschulzentren oder aber der Versuch, eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen, zum Beispiel aufgrund eines hohen Migrantenanteils. Auf der Liste stehen die einjährige Berufsfachschule für Körperpflege an der gewerblichen Schule in Waiblingen, die einjährige Berufsfachschule für Fleischer in Backnang, die künftig zusammen mit den Fleischereifachverkäufern unterrichtet wird, oder die einjährige Berufsfachschule für Elektrotechnik in Backnang, für die eine Zusammenarbeit mit Schorndorf in Erwägung gezogen wird.

Zusammenlegung an Grafenbergschule

Lösungen fanden sich für die zuletzt zwölf Elektroniker für Betriebstechnik an der Grafenbergschule in Schorndorf, die mit den Elektronikern für Automatisierungstechnik zusammengelegt werden.

Schulbericht 2016

Berufliche Schulen sind weit mehr als Unterricht, zeigt der Schulbericht 2016 der neun beruflichen Schulen und zwölf sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren, wie Sonderschulen und -kindergärten inzwischen genannt werden.

Berufsschulen sind auch psychologische Experimente, wie sie am Sozialwissenschaftlichen Gymnasium der Anna-Haag-Schule in Backnang, durchgeführt wurden. Berufsschule ist soziales Engagement, wie an der Johann-Phlipp-PalmSchule in Schorndorf für das Kinderhospiz Sternentraum. Berufsschule ist Kunst, wie die Schüler der gewerblichen Schule in Waiblingen für sich entdeckt haben.