Waiblingen

Bestürzung beim Roten Kreuz Rems-Murr

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Eine Notfallsanitäterin wurde von einem betrunkenen Patienten mit Faustschlägen angegriffen. © Christine Tantschinez

Waiblingen. Ein Patient schlägt einer Notfallsanitäterin unvermittelt und gezielt ins Gesicht, während sie ihn behandelt. So geschehen am 13. Juni. Derlei Angriffe körperlicher Art kannten die Helfer im Kreis bisher nicht, stellt Rettungsdienstleiter Marco Flittner vom Roten Kreuz Rems-Murr fest. Die verbale Gewalt nehme seit Jahren zu und mit ihr auch die Frustration der Helfer, teilt das Rote Kreuz Rems-Murr am Dienstag mit. 

Vor knapp zwei Wochen schlug ein 48-Jähriger einer Notfallsanitätern ins Gesicht, als sie ihn gemeinsam mit ihrem Kollegen auf der Trage behandeln wollte. Dem eingesetzten Team der DRK-Notfallrettung war es wichtig, den Patienten schnellstmöglich vor den Blicken umstehender zu schützen, woraufhin die Entscheidung für einen Transport in den Rettungswagen fiel. Der Alkoholisierte hatte sich zuvor bei einem Sturz verletzt. Ein Bekannter wählte die 112. „Der Einsatz verlief zunächst gut, dann kam es zur unerwarteten Eskalation. Der Patient hat den Schlag unvermittelt und ohne Vorankündigung ausgeführt. Ein zweiter Schlag traf die Notfallsanitäterin zum Glück nicht“, beschreibt Marco Flittner den Vorfall, bei dem die Notfallsanitäterin verletzt wurde. Die Helfer alarmierten daraufhin die Polizei.

Alkohol entschuldigt nicht alles

An Beschimpfungen haben sich die Helfer des DRK mittlerweile gewöhnt, stellt Flittner fest. „Unsere Mitarbeiter haben ein gewisses Schutzschild aufgebaut“, resultierend aus Erfahrungen und Erlebnissen im Alltag. Oft, aber nicht immer, seien es Alkohol und Drogen, die die Hemmschwelle sinken lassen. Doch Flittner betont: „Alkohol entschuldigt nicht alles.“

„Das war keine Rangelei“, wie sie die Mitarbeiter des Rettungsdienstes und des Krankentransportes mitunter bei Einsätzen erleben, „das war ein gezielter Schlag“, so Flittner. Das stelle eine neue Qualität der Gewalt dar. 

Deeskalationstraining für Mitarbeiter

Unvorbereitet ist das Rote Kreuz im Kreis darauf nicht. Das erste Deeskalationstraining für die Mitarbeiter des DRKRettungsdienstes fand bereits 2008 zusammen mit den Einsatztrainern der Polizei statt. Aktuell ist es ein Inhalt des Fortbildungsprogramms, das sehr nachgefragt ist. Aus Sicht der Rettungsdienstleitung ist dieses Angebot notwendig. Das lehren Vergangenheit und vor allem auch Gegenwart.

Die Notfallsanitäterin hat bereits Anzeige erstattet. Auch Beleidigungen werden mitunter von Mitarbeitern zur Anzeige gebracht. Doch nicht nur weil derlei Anzeigen wegen Beleidigung „meistens im Sande verlaufen“, wie Flittner sagt, steigt beim DRK die Frustration. 

Wer helfen will, Helfen zu seinem Beruf gemacht hat – und dies aus Überzeugung, betont Flittner – der rechne während einer Patientenversorgung nicht mit einem Schlag. Doch weil Beleidigungen und das Aggressionspotential von Patienten zugenommen haben, deutschlandweit Polizisten und Rettungskräfte häufiger Opfer von Übergriffen werden, entstehe ein Gefühl, im Einsatz einem steigenden Risiko ausgesetzt zu sein. „Die Helfer werden vorsichtiger“, beobachtet Flittner eine allgemeine Entwicklung. „Doch Empathie und Nähe zum Patienten sind die Basis jeder Hilfeleistung. Wenn wir eine Distanz aufbauen, können wir keinen Einsatz mehr leisten.“

Misstrauen ist gestiegen

„Seit vielen Jahren ist dies der erste Fall, in dem eine Einsatzkraft des Rettungsdienstes durch gezielte körperliche Gewalt verletzt wurde. Das kannten wir bisher nicht“. Daher werde man weiterhin auf Deeskalationstraining und auch Selbstverteidigung setzen und entsprechende Einheiten gegebenenfalls ausbauen. In Zukunft werden sie noch mehr darauf achten, während ihrer Einsätze nicht Opfer von Gewalt zu werden und dennoch die Patientenversorgung im Kreis auf ihrem sehr hohen Niveau zu halten. Doch das Misstrauen ist nach diesem Angriff gestiegen.

„Unsere Mitarbeiter werden sich hinterfragen, wie sie zukünftig in solchen Situationen handeln werden“, stellt DRK-Kreisgeschäftsführer Sven Knödler fest, „denn mit diesem Vorfall wurde eine Grenze überschritten. Ich bin entsetzt und empört“.

Die Notfallsanitäterin musste nach dem Angriff im Krankenhaus versorgt werden. Der 48-Jährige wütete währenddessen weiter.

 Liegt während eines Einsatzes eine akute Bedrohungslage vor, kann über die Leitstelle die Polizei gerufen werden. Bei Einsätzen wie „Verletzte nach Schlägerei“ wird sie mitalarmiert. Bei einem Häuserbrand betreten die Rettungskräfte erst nach der Feuerwehr ein Gebäude und helfen bei akuter Gefahrenlage erst nach Eintreffen der Polizei.