Waiblingen

Brandstiftern auf der Spur

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Helmut Hüls, Brandsachverständiger am Landeskriminalamt. © Büttner/ZVW
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Was wäre wenn? Das LKA stellt Brände nach um dieser Frage nachzugehen.
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Auch Steckdosenleisten kommen als Brandursache in Frage.
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Auch mikroskopisch kleine Rückstände geben Hinweise auf Brandursachen.
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Brandursache: Ein vergessenes Bügeleisen.

Waiblingen/Stuttgart. Ein Vollbrand lässt nichts übrig – scheinbar. Brandsachverständige finden unter Asche und Ruß noch so manches, das Rückschlüsse auf die Brandursache zulässt. Helmut Hüls vom Landeskriminalamt und die anderen Sachverständigen finden’s meistens raus, wenn’s Brandstiftung war.

Meistens – nicht immer. „Brandursache kann nicht benannt werden“ – diesen Satz muss Helmut Hüls hin und wieder unter ein Gutachten schreiben, aber: „Die Wahrscheinlichkeit, dass Brandstiftung erkannt wird, ist sehr hoch.“

Als im März Gewächshäuser der Gärtnerei Gropper in Geradstetten in Flammen aufgingen, stand sehr schnell fest: Das war Brandstiftung. Beim Hofweg in Hertmannsweiler brannte es seit Oktober sieben Mal. Eine Papiertonne, ein Auto, ein Holzzaun: Der mutmaßliche Brandstifter sitzt mittlerweile in Haft (hier geht es zu unserer Berichterstattung).

Was hätte passieren können

Mehrmals im Jahr müssen Helmut Hüls und seine Kollegen vom Kriminaltechnischen Institut am Landeskriminalamt vor Gericht erscheinen. Ein Richter stellt dann Fragen wie diese: Was hätte passieren können, wenn der Brand nicht so schnell entdeckt worden wäre? Hätte das absichtlich auf heißem Herd ausgeschüttete Öl das ganze Haus in Flammen setzen können?

Helmut Hüls testet solche Dinge immer mal aus, ganz real. Sachverständige stellen eine Situation nach, lassen eine Uhr mitlaufen, beobachten, wie sich ein Brand entwickelt, wie lange es dauert, bis die Flammen lodern.

Es dauert beängstigend kurz. Extrem wenig Zeit benötigt Rauchgas, um einem Menschen das Bewusstsein zu rauben. Es reichen zwei, drei Atemzüge.

Sofort raus, wenn der Rauchmelder losgeht

Rauchmelder retten Leben, das betont die Feuerwehr unermüdlich immer und immer wieder. Es stimmt auch. Aber Rauchmelder sind nicht geeignet, um Akten zu retten oder Löschversuche zu starten: Dafür bleibt keine Zeit. Geht ein Rauchmelder los, heißt das: Raus. Alle Kinder gleichzeitig mitzerren. Eines nachholen – das könnte misslingen.

Furchtbar, wenn jemand stirbt in den Flammen. Helmut Hüls zeigt Bilder von einer völlig ausgebrannten Wohnung, in welcher die Besitzerin zu Tode gekommen ist. Brandexperten fanden zwei mögliche Ursachen: Zigarette oder kaputte Stehlampe.

Wer Helmut Hüls eine Zeitlang zuhört, verspürt das dringende Bedürfnis, Stecker zu ziehen. Alle. Kaffeemaschine, Toaster, Fernseher, Radiowecker: Technische Defekte können zu Bränden führen. Zwar gibt’s zuvor meist Warnsignale, ein Wackelkontakt, eine rausgeflogene Sicherung vielleicht. Trotzdem. Selbst wer konsequent Defektes entsorgt und ausschaltbare Steckdosen installiert, kann niemals zu 100 Prozent sicher sein.

Röntgenaufnahmen von Brandquellen

In den Räumen der Fachgruppe Brandursachen haben sie ein Röntgengerät stehen. Ein zu einem hässlichen Klumpen zusammengeschmolzener Fön lässt im Röntgenbild womöglich noch Schmelzspuren erkennen. Helmut Hüls checkt das ab, bevor er dem Klumpen mit Hammer und Meißel zu Leibe rückt.

Am Brandort wühlen Experten gezielt im Schutt, und immer wieder hilft ein Hund bei der Entscheidung, welcher Teil vom Schutt eine Untersuchung im Labor verdient. Ein Brandmittelspürhund findet auf einer Fläche so groß wie ein Fußballfeld auch Tage später noch die Stelle, an der jemand ein paar Tröpfchen Benzin verloren hat. Am Brandort kann er Brandbeschleuniger auch dann aufspüren, wenn sie längst im Untergrund versickert sind.

Schlägt der Hund an, muss das noch nichts heißen: Vielleicht stand in der Garage ein ganz normaler Benzinkanister. Oder es standen Flaschen mit Substanzen herum, die dieselben Inhaltsstoffe wie „Brandlegungsmittel“ aufweisen, aber mit der Brandursache rein gar nichts zu tun haben. „Der Hund hat angeschlagen“ – das reicht vor Gericht nicht als Beweis. Das Labor im kriminaltechnischen Institut liefert Genaueres.

Ursachenforscher

Die Bausteine zusammenfügen, Zeugen befragen und später das Gesamtbild bewerten: Das ist Aufgabe der Ermittler und der Gerichte. Ein Brandsachverständiger ermittelt nicht. Er forscht nach Ursachen.

Der Elektrik widmen Brandsachverständige ganz besonderes Augenmerk. In einem völlig vom Feuer zerstörten Raum fährt Helmut Hüls mit von Handschuhen geschützten Händen die Leitungen entlang. Die Isolation ist dort längst weggeschmolzen. Übrig bleiben kleine Schmelzperlen, tastbar selbst mit Handschuh, und sie markieren die Stelle, welche den Kurzschluss verursacht hat. Diese Erkenntnis hilft ungemein, um die „Brandausbruchstelle“ zu lokalisieren, wie Helmut Hüls erklärt.

Leinöl entzündet sich von selbst

Manchmal kommt es zu „Selbstentzündungen“. Wie gruslig ist das denn. Beispielsweise Leinöl, weggewischt mit einem Papiertuch, zusammengeknüllt weggeworfen – kann im Mülleimer anfangen zu brennen. Bei Raumtemperatur. Einfach so.

Video: Ein leinölgetränkter Lappen entzündet sich in einem Mülleimer von selbst. (Institut für Schadenverhütung)

Beim Teelicht auf dem Fernseher sieht’s anders aus. Das hätte man ahnen können. Helmut Hüls zeigt ein Video, das einen angst und bange werden lässt: So ein harmloses Teelichtlein kann sehr heiß werden, etwa wenn nicht nur der Docht brennt, sondern gleich das ganze Wachs. Unter dieser Hitze sinkt das Gehäuse des Fernsehers regelrecht ein und verschluckt das brennende Teelicht. Vom Fernseher und im schlimmsten Fall von der Wohnung bleibt nicht viel übrig.

Lügen werden entlarvt

Fahrlässigkeit führt oft zu Bränden, besonders in der Küche. Essen auf dem Herd vergessen, falsche Herdplatte angedreht. Brandsachverständige bemerken das. Ein extrem heißes, da eingeschaltetes Kochfeld bleibt rußfrei, und Schmelzspuren am Schalter geben Aufschluss auf dessen Stellung vor dem Brand.

Es ist besser, bei der Versicherung solche Fehler zuzugeben. Es gab schon Fälle, da ein Brandsachverständiger die Angaben eines Wohnungsbesitzers eindeutig als Lügen entlarvt hat. In diesen Fällen kann die Versicherung entscheiden: Wir zahlen nicht.

Ursache? Häufig Brandstiftung

Brandstiftung nennt Helmut Hüls als erstes auf die Frage nach besonders häufigen Brandursachen. Staatsanwälte interessieren sich natürlich für die genaueren Umstände: Handelt es sich allem Anschein nach um schwere Brandstiftung? Oder ist solch eine Tat gar als versuchter Mord zu werten?

Wer beispielsweise einen Kinderwagen anzündet, der in einem Treppenhaus abgestellt ist – der wird sich später möglicherweise wegen versuchten Mordes verantworten müssen. Ein Feuer im Treppenhaus kann ganz schnell ganz übel enden. Die Menschen in den oberen Wohnungen kommen nicht mehr allein heraus.

Helmut Hüls mag trotz der Dramatik seinen Job, weil es um Aufklärung geht, um Erkenntnisgewinn: „Unser Ehrgeiz ist, die Sache aufzuklären. Je aussichtsloser es erscheint, desto größer ist der Erfolg, wenn man vielleicht doch noch unerwartet was findet.“

Die Fachgruppe

Die Fachgruppe Brandursachen am kriminaltechnischen Institut des Landeskriminalamts betreibt als „Servicedienststelle“ Ursachenforschung bei Bränden, Explosionen und Stromunfällen.

Zur Fachgruppe gehören acht Fachleute, und zwar sechs Brandsachverständige (Chemiker, Elektrotechniker und Physiker) und zwei Assistenten.