Waiblingen

Brandstiftungen: Viele Fälle bleiben ungeklärt

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In der Nacht zum Mittwoch gingen in Weinstadt mehrere Fahrzeuge in Flammen auf. Die Polizei geht von Brandstiftung aus. © Leonie Kuhn

Waiblingen. Was treibt jemanden um, der nachts Autos in Flammen aufgehen lässt oder Häuser in Brand steckt? Frust, Wut, Lust am Zündeln und Zerstören – wer weiß. Die Täter selbst sagen selten was dazu: Sie entkommen allzu oft unerkannt. In letzter Zeit waren auffallend häufig Brandstifter im Kreis unterwegs.

Wer auch immer Ende April hatte die Polizei mittels Phantombild nach einem Tatzeugen gesucht, von dem sie sich entscheidende Hinweise erhoffte. Der Zeuge wurde tatsächlich aufgespürt und vernommen. Doch führte die Aussage nicht zu den erhofften Erkenntnissen, so Biehlmaier weiter.

Brennende Autos in Weinstadt: 40 000 Euro Schaden

Mutmaßliche Brandstiftungen ganz anderer Art meldete die Polizei erst vor wenigen Tagen: In der Nacht zum Mittwoch dieser Woche gingen in Weinstadt mehrere Fahrzeuge in Flammen auf. Der Brand an einem Fahrzeug der Stadt Weinstadt wurde vergleichsweise frühzeitig entdeckt. Ein weitaus höherer Sachschaden – 40 000 Euro – entstand beim Brand eines Mercedes in der Kaiserstraße in Beutelsbach. Dieses Feuer griff auf ein anderes Auto und auf eine Hecke über. In allen Fällen geht die Polizei von Brandstiftung aus.

Es stellt sich die Frage nach den Beweggründen

Bilder von brennenden Autos wecken Assoziationen. Die Krawalle jüngst in Hamburg beim G-20-Gipfel kommen einem in den Sinn. Oder die gewalttätigen Auseinandersetzungen in Pariser Vororten 2005 und 2007. Anfang dieses Jahres flammte die Gewalt in Frankreich wieder auf.

Hamburg und Paris – dort handelt es sich um ganz andere Dimensionen; ein paar einzelne brennende Autos im Rems-Murr-Kreis passen nicht in eine Reihe mit diesen Großereignissen. Doch stellt sich hier wie da die Frage nach den Beweggründen. Die Suche nach Antworten führt zu diesem Fall: Ein Frührentner hat in Stuttgart vor zwei Jahren angegeben, aus Ärger über unerträglichen Lärm in der Nachbarschaft ein Sofa angezündet zu haben. Er musste sich später wegen mehrfachen Mordversuchs vor Gericht verantworten. Davor hatte der Mann ein paar Bier konsumiert.

Alkohol senkt die Hemmschwelle

Diese Geschichte passt zumindest in Teilen ins Bild, das Psychologen und Sachverständige in verschiedenen Veröffentlichungen vom sozusagen typischen Brandstifter zeichnen. Demnach sind es eher häufiger jüngere, sozial benachteiligte Männer, die zu dieser Methode greifen, um Frust abzubauen. Alkohol senkt die Hemmschwelle, und im schlimmsten Fall bewährt sich das Zündeln für den Täter, weil es ihm hinterher bessergeht. Der Gedanke daran, dass Menschen sterben könnten, verdrängt dieser Täter-Typus offenbar problemlos.

Frusttäter und Lusttäter unterscheiden sich grundsätzlich in ihrer Motivation. Als Lusttäter bezeichnen Psychologen Menschen, die sich von Feuer und Flammen magisch angezogen fühlen, vielleicht gar sexuelle Lust in diesem Zusammenhang empfinden.

Dienstmägde zündeten den Hof an, weil sie nach Hause wollten

Menschen sind aus verschiedensten Gründen zu vielem fähig. Seit Menschen das Feuer beherrschen, nutzen sie es auch zu zerstörerischen Zwecken. Nur ein Beispiel aus der Historie, das unter dem Begriff „Heimwehbrandstiftung“ in der Psychiatrie bekanntgeworden ist: Junge Dienstmägde, die sich entwurzelt und alleine fühlten, zündeten hin und wieder selbst dann den Hof ihres Dienstherrn an, wenn sie sich bei ihm eigentlich ganz wohlfühlten. Sie wollten nur eins: zurück nach Hause.

Irrationale Verzweiflungstaten wie diese finden sich immer wieder in der Geschichte von Brandstiftungen. Allzu oft greift ein Brandstifter indes aus anderen Gründen zum Feuerzeug: Er will seine Versicherung betrügen oder sich an jemandem rächen.

„Feuerteufel von Fellbach“

Zurück ins Hier und Heute, zurück in den Rems-Murr-Kreis. Um den unbekannten „Feuerteufel von Fellbach“ ist es schon seit einer Weile ruhig geworden. Vermutlich war’s ein Serientäter, der über einen längeren Zeitraum hinweg in Schmiden und Oeffingen Abdeckplanen, Mülltonnen, Sitzkissen oder Werbeschilder in Brand gesteckt hatte.

Ebenfalls von einer Serie war die Rede, nachdem in Stuttgart vor ein paar Wochen immer wieder nachts Autos gebrannt hatten. Laut einem Sprecher der Stuttgarter Polizei gab’s in letzter Zeit keine Vorkommnisse dieser Art mehr. Gefasst ist der Täter aber nach wie vor nicht.

Der Klassiker: Unbekannte stecken Mülltonnen in Brand

Im Rems-Murr-Kreis spricht man zwar nicht von Serie – doch gefühlt häufen sich die Vorkommnisse in letzter Zeit durchaus. Noch ein Beispiel unter vielen: Am 20. August haben Unbekannte in Waiblingen in der Fronackerstraße und im Ameisenbühl mehrere Mülltonnen in Brand gesteckt. Die Feuerwehr Waiblingen konnte jedes Mal rasch eingreifen, weil die Brände frühzeitig entdeckt worden waren.

Anders beim Großbrand, dem folgenschwersten Fall von Brandstiftung in der jüngeren Vergangenheit, Ein 22-Jähriger gab zu, den Brand gelegt zu haben. Anklage ist erhoben; es wird von verminderter Schuldfähigkeit des Angeklagten ausgegangen. Ob eine psychische Krankheit eine Rolle spielte bei der Tat, wird vor Gericht zu klären sein.

800 Strohballen in Beinstein angezündet

Ein Blick ins Zeitungsarchiv zeigt: Verurteilten Brandstiftern wurde in mehreren Fällen eine psychische Krankheit attestiert. Ein aufsehenerregender Fall liegt mehr als anderthalb Jahre zurück. Ein damals 45-jähriger Waiblinger musste sich Anfang 2016 vor Gericht verantworten, weil er ein Gewächshaus in Beinstein, in dem 800 Strohballen lagerten, angezündet hatte. Bereits im Jahr 2000 war bei dem Mann eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert worden. Das Landgericht ordnete seinerzeit an, der Mann müsse in einem Psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden.


Die Zahlen

Zwar sind in jüngster Zeit viele Brandstiftungen in den Polizeiberichten aufgetaucht – doch die Statistik spricht nicht für eine reale Zunahme dieser Fälle.

Das Landeskriminalamt Stuttgart nennt diese Zahlen: In Baden-Württemberg wurden im Jahr 2015 insgesamt 2007 Brandstiftungen gezählt. Ein Jahr später waren es 1801.

Im Jahr 2015 kam es in 184 Fällen zu Brandstiftungen an Autos. Die Zahl ist nicht gleichzusetzen mit vom Feuer beschädigten Autos. Ein Brandstiftungsfall kann auch mehrere Autos betreffen. Im Jahr 2016 betrafen im Land 218 Brandstiftungsfälle Autos.