Waiblingen

Bruderherz auf Reisen

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Marian Grau mit seinem Buch und einem Foto des verstorbenen Bruders Marlon. © Palmizi/ZVW

Waiblingen. Kannst du etwas lernen von einem 16-Jährigen? Natürlich nicht, denkst du, was weiß der schon vom Leben? Bis dir im Lauf des Gesprächs dämmert: Womöglich weiß er mehr als du, von der Tiefe der Trauer wie von der Schönheit jedes Tages. Marian Grau aus Affalterbach erzählt: von seinem in der Erinnerung lebendigen Bruder und der Entdeckung der Welt.

Die Idee kam ihm über den Wolken: Mann, Marian, du hast so viel zu erzählen – wie wäre es, wenn du das aufschreibst? Der Flieger schnürte dahin, unter ihnen lag Südamerika: Marian mal wieder auf Reisen, mit seinem Vater und dessen Frau. Die beiden waren eingeschlafen, der Junge hatte Zeit zum Nachdenken. Ein Buch verfassen? Er hatte doch keine Ahnung, wie das geht. Nun gut, er schrieb einen Blog im Internet: über sich, die Welt; und seinen Bruder Marlon. Aber wie bekomme ich einen Verlag? Schreibt man so was eigentlich in Word? Wie muss man das formatieren? Zurück auf dem Boden, postete Marian seine Fragen in einer Facebookgruppe. Eine Fremde antwortete: Ich glaube, ich kann dir helfen.

Meine Mutter sagt immer, dass wir etwas ganz Besonderes sind. Das stimmt, wir sind wirklich eine ganz besondere Familie. Wir verbrachten unsere Wochenenden weder im Freizeitpark noch im Zoo und machten auch keine anderen Ausflüge. Wir empfingen meist Besuch und besuchten selten. Wir gingen nicht in Restaurants essen, und Urlaub machten wir nur ein einziges Mal im Jahr. Das Reiseziel war dabei immer klar: das Kinderhospiz in Olpe.

Morbus Leigh - Der sterbenskranke Bruder

Marlon, der Erstgeborene, konnte nicht laufen, nicht sprechen, nicht essen, ohne Flüssignahrung und Magensonde wäre er rasch verhungert. Der Junge war mit einer Stoffwechselkrankheit zur Welt gekommen, „die so unendlich selten vorkommt, dass wir eigentlich mindestens einmal im Lotto hätten gewinnen müssen“.

Stellen wir uns den abseitigen Fall vor, ein Mensch habe unter 30 000 gesunden Genen einen Defekt ausgerechnet bei diesem einen – und heirate einen anderen Menschen, bei dem zufällig haargenau dasselbe Gen beschädigt ist: Selbst dann noch liegt die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind der beiden mit Morbus Leigh geboren wird, bei eins zu vier. Morbus Leigh, subakute nekrotisierende Enzephalomyelopathie – auf Wikipedia heißt es lapidar: „Die Lebenserwartung beträgt nur wenige Jahre.“

„Mein Alltag war schon anders“, sagt Marian. „Das hab’ ich gemerkt und auch nicht gemerkt.“

Einerseits: Er wurde ja in diese Familie hineingeboren, all die Kämpfe, die es zu bestehen galt, waren ihm vertraut, seit er denken konnte, und auch all die Liebes- und Glücksmomente, die sich entfalten konnten in erfüllten Momenten inmitten der Sorge. Dass der Bruder einen Eingang am Bauch hatte wie einen zweiten Mund, dass Verständigung ohne Worte gelingen musste – Marian kannte es nicht anders.

Keine Zeit für Hausaufgabenhilfe

Andererseits: Dass seine Eltern ihm „beim Einmaleins“ halfen, das „ging einfach nicht“, Marlon brauchte so viel Zuwendung. Einmal in der Schule beschwerte sich eine Klassenkameradin: Die Hausaufgabe sei komisch gewesen, die habe nicht mal ihre Mutter verstanden. „Hä?“, rätselte Marian, „wieso kriegt die Mama Hausaufgaben?!“ Ihm dämmerte, wie das bei anderen ist: Wenn das Kind etwas „nicht auf die Reihe kriegt, werden die Eltern hinzugezogen. Ich fand das so was von absurd“.

Eifersucht auf den Bruder, um den das familiäre Leben so intensiv kreiste? „Nie. Ich empfand das als normal.“ Sicher, es war „ganz klar, wer die zweite Geige spielt. Aber ich habe gelernt, dass die zweite Geige auch schön klingen kann“. Für Marian war Marlon der „allerbeste Bruder“: Wann immer er lachte, „war es ein guter Tag“.

Aber manchmal krampfte Marlon, es sah aus, „als läge ein Fremder in seinem Bett“.

Ich beginne, Marlon ein wenig zu erzählen, und lege meine Hand auf seinen Bauch. Worüber ich rede, weiß ich gar nicht, und es ist auch egal, Hauptsache, er kann mich hören. Lange muss ich nicht reden, da bemerke ich, dass sich die Spannung in seinem Körper löst – wie ein Aufzug, der sein Stockwerk erreicht hat und langsam stoppt. Ich atme auf und hoffe, dass es wirklich vorbei ist – und es ist vorbei. Ich drücke mich an ihn und küsse ihn zweimal auf die Wange. Marlon lacht vergnügt und schlingt seine Hand um die Rassel, die ich ihm reiche. Da ist er wieder, mein Bruder.

Tod und Aufbruch - Das Leben, eine Reise

Als Marian drei war, trennten sich seine Eltern. Aber sie blieben einander nahe. „Der gemeinsame Urlaub stand. Und zwar immer. Auch, als mein Vater irgendwann eine neue Frau hatte.“ Die „Urlaubsdestination“ in all den Jahren: das Kinderhospiz Olpe. Sicher, an einem Ort für sterbenskranke Kinder herrscht eine „ganz komische Stimmung, ich geb’s ja zu. Viel Tod und Trauer – aber mindestens genauso viel Lebensfreude und Liebe!“ Zu Hause war ein verbummelter Nachmittag in der Eisdiele „einfach nicht drin“ – im Hospiz gab es Pflegekräfte, die Angehörige entlasteten. „Oh mein Gott, meine Mutter hat Zeit, sich mit mir an den Frühstückstisch zu setzen!“

Schon öfter hatte Marlon schlimme Nächte durchgemacht und war mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht worden. Eines Tages aber, als er wieder auf der Trage lag, wirkte er „ganz anders“, fast, als sei er bereits „irgendwohin verschwunden“. In der Klinik löste Marian sich in Tränen auf, die Mutter nahm den Bub in den Arm und sagte, er solle stark für seinen Bruder sein und ihm „eine gute Reise wünschen“. Bei der Beerdigung sang eine Frau „Halleluja“ von Leonard Cohen – bis heute fängt Marian, wenn er das Lied hört, an „zu heulen“ –, die Trauergäste ließen 200 rote Luftballons in den Himmel steigen.

„Koffer ist für Anfänger“

Das war 2012. Marians Mutter sagte: „Du kennst zwar weder Ludwigsburg noch Waiblingen, aber jetzt zeig’ ich dir Kambodscha.“ Mit Rucksack würden sie sich aufmachen. Denn: „Koffer ist für Anfänger“. Seither hat Marian Grau 37 Länder bereist, von Finnland bis zur Türkei, von Bolivien bis Indonesien, mal mit der Mutter, mal mit dem Vater, mal mit einer „Reisetante“. Das Geld? „Meine Mutter ist alleinerziehend, wir haben ein Gehalt, und doch kriegen wir’s irgendwie gebacken. Ich brauch’ ja sonst nicht viel.“ Und eine Faustregel hilft: Ein Tag in der Ferne muss billiger sein als einer zu Hause.

Sicher, das kann bedeuten, dass du für 300 Kilometer per Bus durch Thailand 18 Stunden brauchst – aber dafür zahlst du nur 3,50 Euro, und beim Blick aus dem Fenster offenbart sich dir das Land. Und wenn du eine Nacht im Freien verbringst unterm weiten Sternenhimmel: unbezahlbar; und kostenlos. Es geht nicht darum, Sehenswürdigkeiten abzuhaken, Marian will „Erinnerungen sammeln“. Ein Foto vom Bruder hat er „immer im Gepäck“.

Bangkok ist sicher nichts für Angsthasen, und auch nichts für Menschen, die stundenlang ihren Müll sortieren. Denn die Stadt ist nicht die sauberste der Welt. Aber ich liebe das Leben, das in ihr steckt. Die Menschen, die in ihr wohnen, und die man nie ohne ein breites Grinsen im Gesicht trifft, das echt ist und sympathisch. Ich liebe an Bangkok nicht den Königspalast oder den liegenden Buddha, auch wenn die traumhaft schön sind. Ich liebe all die versteckten Dinge, an jeder Straßenecke findet sich etwas anderes. Ein Tempel, an dem alle vorbeieilen, der aber innen wunderschön geschmückt ist, ein Markt mit einheimischen Spezialitäten oder einfach nur eine Garküche, von der mir ein besonders würziger Duft entgegenweht.

Das Buch - Gestern, heute, morgen

Ich glaube, ich kann dir helfen, hatte die Frau geschrieben. Marian formulierte eine Antwort – aber bevor er auf „Senden“ drücken konnte, meldete die Fremde sich schon wieder: Sie arbeite bei einem Verlag und habe Marians Blog gelesen ... Im Juli 2017 unterschrieb Marian einen Buch-Vertrag. Das Honorar? Er lächelt. „Ich musste nichts bezahlen, ich hab’ was gekriegt.“

Er begann mit den traurigen Kapiteln – das Licht des Sommers half beim Schreiben. Er nahm seinen Laptop, ging raus ins Freie, setzte sich auf einen Heuballen und tippte los. Im heimischen Herbstgrau formulierte er die Geschichten aus exotischen Reiseländern. Nach fünfeinhalb Monaten war das Buch fertig, obwohl Marian nebenbei ja auch noch das Gymnasium in Marbach besucht. Im April 2018 erschien „Bruderherz – Ich hätte dir so gern die ganze Welt gezeigt“. Marlon wäre jetzt 19.

Es ist ein fast unbegreiflich lebenskluger und berührender Text, in ganz unverstellter Sprache. Er handelt von Verlust und der Kraft der Familie, Schmerz und Zusammenhalt, von der Erinnerung und vom Nach-vorne-Blicken – und von all den Dingen, die Marlon seinen kleinen Bruder Marian gelehrt hat: Verbundenheit braucht keine Worte, die Syntax der Liebe setzt sich aus Lachen und kleinen Gesten zusammen, kostbar ist dieses schmerzliche, unschlagbar schöne Ding namens Hier und Jetzt.

Wie ein weltgewandter Erwachsener

Und noch etwas hat Marian gelernt dank seines Bruders: Selbstständigkeit. Der Junge, dem die Eltern nicht immer alles abnehmen konnten, bucht heute Flüge und Hotels, plant Reiserouten und kalkuliert Kosten wie ein weltgewandter Erwachsener.

Marian, 16, Buchautor: Schüler haben schon Klassenarbeiten geschrieben über sein Werk. Er war im Fernsehen und im Radio. An Wochenenden bereist er Deutschland auf Lese-Touren und freut sich, Leuten zu begegnen, „die meinem Bruder und mir zuhören möchten“. Besonders gerne liest er in Kinderhospizen.

Ist er ein „Nerd“, wie es in der Jugendsprache heißt, ein Sonderling, anders als die anderen? Er grübelt kurz. „Joa“, wohl schon. „Bisschen Nerd find’ ich okay. Es sollte jeder ein bisschen anders sein.“

Vor jeder Reise, wenn die Fensterläden geschlossen, der Kühlschrank leer und die Rucksäcke voll sind, laufen wir zum Friedhof. Mama singt eines der Lieder, die sie uns immer fröhlich vorgeträllert hat. Dann greife ich oft an Marlons weißes Kreuz und schaue in den Himmel. Ich schaue nie zu Boden, runter aufs Grab. Niemals. Denn da ist Marlon nicht, das weiß ich ganz genau. Für mich ist sein Grab ein Ort, an dem ich an ihn denken kann. An dem ich weinen kann. Aber es ist nicht der einzige Ort, wo ich mich ihm verbunden fühle. Deshalb brauche ich mich eigentlich auch gar nicht so sinnbildlich von seinem Grab zu verabschieden – Marlon ist eh immer mit dabei. Wir tun es trotzdem, läuten damit quasi jede neue Reise ein. „Auf geht’s, Marlon“, sage ich. „Es gibt noch so viel zu entdecken.“ Und dann fahren wir los zum Flughafen.


Info

„Bruderherz – Ich hätte dir so gern die ganze Welt gezeigt“ von Marian Grau: Verlag Eden Books; 208 Seiten, 14,95 Euro. Marians Reiseblog: www.geomarian.de.