Waiblingen

Cacau, Helfer mit großem Herz

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Cacau: „Bei der Integration zählt der Respekt für die Stärken des Anderen“ © Ramona Adolf

Korb. Cacau, der brasilianische Stürmerstar aus Korb, der für den VfB Stuttgart 80 Tore schoss und 23 Mal als deutscher Nationalspieler auf dem Rasen stand, empfängt heute den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg. Nicht für sportliche Erfolge, sondern wegen seines sozialen Engagements für Kinder und der Arbeit als Integrationsbeauftragter des DFB. In unserem Interview erklärt er seine Motive. Und er zeigt auf, wie aus seiner Sicht die Integration von Ausländern gelingen kann.

Video: Cacau über Integration und seine Motivation, gutes zu tun.

Cacau, Sie erhalten den Verdienstorden des Landes Baden-Württenberg nicht für die deutsche Meisterschaft des VfB 2007, auch nicht für die sechs Tore als deutscher Nationalspieler. Geehrt werden Sie für sozialen Einsatz, zum Beispiel als Unterstützer der Stiftung Deutsche KinderSuchthilfe und des Kinderhilfswerks World Vision. Wollen Sie von Ihrem Erfolg als Fußballstar etwas zurückgeben?

Ich habe keine einfache Kindheit gehabt und war auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. Ich habe gesehen, was es ausmacht, wenn man Unterstützung bekommt. Und ich habe gesagt, wenn ich oben stehe, will ich zurückgeben, was ich bekommen habe. Dazu gehört, Kindern das Gefühl zu geben, dass Sie wertvoll sind. Ich weiß, dass es sich lohnt, sich zu kümmern. Das ist meine Motivation.

Ihre Mutter hatte drei Söhne, sie war alleinerziehende Putzfrau. Sie mussten neben der Schule arbeiten. Kommt zu dieser Seite der Erinnerung noch ihre christliche Seite, die sie anspornt zu helfen?

Die Erlebnisse in meiner Kindheit und das Christ-Sein kann man nicht voneinander trennen. Die Menschen sind wertvoll, und Gott sieht die Menschen auch so. Da ich Anteilnahme von Gott empfangen habe, will ich das auch anderen weitergeben, dass sie diese Liebe spüren.

Dabei sind die Probleme, mit denen Kinder hierzulande konfrontiert sind, sicherlich andere als in Brasilien. Die Stiftung Deutsche Kindersuchthilfe liegt Ihnen sehr am Herzen. Seit August 2012 sind Sie Kuratoriums-Vorsitzender. Ihnen ist es immer ein persönliches Anliegen gewesen, ohne Drogen zu leben und vor allem ihren Kindern ein Vorbild zu sein.

Wir haben dieses Projekt ausgesucht, weil ich selber diese Erfahrung gemacht habe: Mein Vater war alkoholabhängig. Darunter haben wir gelitten. Ich will dazu beitragen, dass die Kinder, die darunter leiden, Hoffnung bekommen, damit sie lernen, mit dem Problem umzugehen.

Aber Sie fördern auch die Online-Plattform Bettermark, die deutschen Schülern Nachhilfe in Mathe anbietet. Wenn Sie die Probleme von Kindern in Brasilien mit denen in Deutschland vergleichen, wo liegen die Unterschiede?

Es sind andere Schwerpunkte. Ich habe eine Stiftung „Sports4Life“, die Projekte in meiner Heimat unterstützt. Da kümmern wir uns um Kinder, die in Armut aufwachsen, die keine Perspektive haben, die jeden Tag mit Kriminalität konfrontiert werden. Das ist schwer zu vergleichen. Die Probleme hier sind nicht kleiner oder unwichtiger, aber sie sind anders.

Nehmen wir das Kinderhilfswerk World Vision. Sie selber haben zwei Patenkinder in Mozambique, einen Bub und ein Mädchen. Warum wird man Pate?

Man hat einfach Freude daran, jemanden zu unterstützen. Da ist der Kontakt zwischen Pate und Kind, mit dem man die Entwicklung sieht und die Dankbarkeit.

Mit welchem Geldbetrag hilft der Pate bei World Vision seinem Schützling?

Er zahlt 30 Euro im Monat, ein Euro pro Tag. Wichtig ist zudem der Briefwechsel, auch bei Geburtstagen. Bei diesem Anlass kann man sich überlegen, ob man was gibt.

Cacau, Sie sind seit 2009 deutscher Staatsbürger. Damals erhielten Sie vom Landratsamt Waiblingen die Einbürgerungsurkunde. Sie verstehen sich heute als Deutscher.

Ich sage: Ich bin zu 100 Prozent Deutscher und zu 100 Prozent Brasilianer, auch wenn diese Rechnung nicht ganz aufgeht.

Als Integrationsbeauftragter des DFB geben Sie seit November 2016 ausländischen Fußballspielern Starthilfe in Deutschland. Was machen Sie da genau?

Die Arbeit des Integrationsbeauftragten hat wenig mit Profifußball zu tun, viel mehr mit Amateurfußball. Die Amateur-Vereine leisten immens viel für die Integration von Zugewanderten. Bei allem, was die machen, bin ich unterstützend dabei.

Sie unterstützen Projekte der Vereine?

Ich entwickle Ideen, wie man diese Projekte fördern könnte, zum Beispiel gibt es ein Förderprogramm für Vereine, die Flüchtlinge aufgenommen haben. Sie erhalten 500 Euro für erste Hilfe-Maßnahmen wie den Kauf von Fußbällen. ,Eins zu Null für ein Willkommen’ heißt die Flüchtlingsinitiative des DFB. Mehr als 3000 Vereine in Deutschland haben sich angemeldet. Man kann das eine Kleinigkeit nennen, aber es ist ein wichtiger Motivator.

Auf dem Fußballfeld lässt sich Integration praktisch vorleben?

Ja, Fußball verbindet. Fußball ist weltweit bekannt. Das Spielfeld ist ein Platz der Begegnung. Als Startpunkt ist Fußball geeignet, Integrationsarbeit voranzubringen.

Das müssen Sie erklären.

Wer hier herkommt, muss die Bereitschaft mitbringen, sich anzupassen. Auf dem Fußballfeld geht es um das Einhalten von Regeln. Und um nicht vom Platz gestellt zu werden, muss man sich als Zugewanderter daran halten.

Eine Mannschaft ist erfolgreich, wenn ihre Spieler keine rote Karte kassieren und jeder seine Rolle bis zum Spielende 100prozentig ausfüllt. Es gilt das Leistungsprinzip.

Da stimme ich unbedingt zu. Aber das Ankommen eines ausländischen Spielers in einer deutschen Mannschaft setzt voraus, dass die deutschen Mitspieler ihm gegenüber Offenheit zeigen und dass sie die Stärken des anderen anerkennen. Der eine kann Tore schießen, der andere kann Tore verhindern. Beide sind wichtig für den Erfolg einer Mannschaft. Bei der Integration zählt der Respekt für die Stärke des anderen. Das ist für beide Seiten wichtig.

Was Ihren eigenen starken Leistungswillen betrifft, müssten Sie als 100-prozentiger Brasilianer, der zu 100 Prozent Deutscher geworden ist, hinter mindestens einem der zehn Punkte stehen, die Bundesinnenminister Thomas de Maizière als Deutsche Leitkultur definiert.

Darüber zu reden, würde den Rahmen sprengen. Das ist für mich nicht das Wichtigste, obwohl es eigentlich ein Riesenthema ist. In einigen Punkten kann der Minister recht haben. Aber auf der anderen Seite kommt es nicht darauf an, ob ich jemandem bei der Begrüßung in die Augen schaue oder ihm die Hand gebe. Für mich ist die Frage, ob man das braucht oder ob nicht das Grundgesetz fürs Zusammenleben schon reicht – wie die Regeln im Fußball.

Die Sprache des Gastlandes ist doch das Eintrittsbillett in den Beruf, in die Kultur und gelebte Nachbarschaft.

Die Sprache gehört dazu. Ja. Ich würde sagen, die muss man lernen, wenn jemand hierherkommt. Die Sprache ist Pflicht, und wenn jemand nicht in den Sprachkurs geht, kriegt er die Leistung nicht. Auf der anderen Seite muss man als Flüchtling auch eine Chance bekommen. Das betrifft die Anerkennung der Diplome. Ein Arzt, ein Handwerker hat es da schwer in Deutschland. Das ist ein Problem der Bürokratie. Man erkennt oft die Stärken der andern nicht. Als Fußballer habe ich einen großen Vorteil, weil ich sofort anerkannt werde.

Wie ließe sich der Berufseinstieg für Zuwanderer aus Ihrer Sicht erleichtern, zumal es in bestimmten Branchen ja Bedarf an Arbeitskräften gibt?

Für jemanden, der geflüchtet ist, wäre mit einer Prüfung schon vieles einfacher. Er könnte zeigen, was er beherrscht und dann als Helfer in seinem gelernten Beruf beginnen. Das Niveau der Aufgaben könnte man später steigern.

Stichwort Leistung im Profifußball. Der VfB Stuttgart durchlitt eine schwere Schwächephase und steht nun wieder an der Spitze der Zweiten Bundesliga. Steigt er auf?

Ich hoffe, dass der VfB aufsteigt. Da sind aber noch drei Mannschaften, die dagegen spielen, das wird kein Selbstläufer. Trotzdem: Die Mannschaft ist auf einem guten Weg. Ich hoffe, dass der VFB am Sonntag gegen Aue gewinnt.

Glauben Sie, der erneuerte VfB wird sich leichttun in der ersten Liga?

Wenn der VfB aufsteigen sollte, woran ich glaube, müssen die Erwartungen ganz klein bleiben. Dann wird es darum gehen, dass man erst mal den Klassenerhalt schafft. Der VfB wird einige Zeit brauchen, um sich in der Bundesliga wieder zu etablieren.

Stürmer-Star

Claudemir Jerônimo Barreto, besser bekannt als Cacau, ist ein ehemaliger deutsch-brasilianischer Fußballspieler. Nach Stationen in und um São Paulo, beim Landesligisten Türk Gücü München und beim 1. FC Nürnberg spielte er zwischen 2003 und 2014 als Stürmer für den VfB Stuttgart. Mit dem VfB wurde Cacau 2007 Deutscher Meister und war von 2009 bis 2012 als deutscher Nationalspieler aktiv.

Derzeit studiert der 36-Jährige Sportmanagement in Nürnberg. Parallel macht er den Trainer-A-Schein.