Waiblingen

Darum verkauft Bosch die Verpackungstechnik

Bosch Packaging_0
In Waiblingen produziert die Bosch Packaging Technology Verpackungsmaschinen für die Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie. © Laura Edenberger

Waiblingen. Der Bosch-Konzern will die Packaging Technology verkaufen, sich vom Geschäftsbereich Verpackungsmaschinen trennen, in Waiblingen sind rund 900 Beschäftigte betroffen. Was die Belegschaft davon hält, wurde dieser Tage deutlich bei einer Betriebsversammlung.



Es war eine Versammlung der anderen Art: Gewerkschaft und Betriebsrat schwangen keine langen Reden, sondern verteilten Papierbögen, die Beschäftigten machten eine „Wandzeitung“ – und schrieben sich von der Seele, was sie umtreibt.

„Halt dei Gosch, i schaff beim Bosch“: Das geflügelte Wort drückt das stolze Vertrauen aus, das Boschler gegenüber „ihrem“ Laden empfinden. Dieses Gefühl scheint schwer erschüttert. „Hört auf, die Bosch-Werte mit Füßen zu treten“, steht in der Wandzeitung, „der Robert würde sich im Grab umdrehen.“ Der Firmengründer trug einst den Beinamen „Der rote Bosch“. Als sozialer Unternehmer führte er bereits 1906 die achtstündige Arbeitszeit ein.

Die Packaging-Beschäftigten aber haben im Laufe der Jahre immer wieder auf Entgelt verzichtet, im Dienste der Standortsicherung. „Wo ist die Kohle?“, fragen sie nun und wollen ihr „Opfergeld zurück“.

"Warum ausgerechnet jetzt?"

Und „warum ausgerechnet jetzt“? Das fühle sich an wie „Abpfiff vor der Halbzeitpause“: Noch 2015 hat Bosch Packaging Technology, das sich immer wieder durch Zukäufe vergrößerte, doch zwei weitere Unternehmen geschluckt. Wobei, aus heiterem Himmel schlägt dieser Blitz in Wahrheit nicht ein, die Wolken zogen bereits 2015 auf: Seinerzeit kündigte Bosch an, die Verpackungstechnik in eine rechtlich eigenständige GmbH ausgliedern zu wollen, und setzte den Plan 2017 um. Damals schon brodelten Gerüchte: Dies sei der erste Schritt, um einen Verkauf vorzubereiten.

Aber an wen? Unklar. Hinter den Kulissen lautet die Prognose: Bis ein neuer Eigner gefunden und das Geschäft eingetütet sei, werde wohl mehr als ein Jahr vergehen.

„Sollen wir schon mal chinesisch lernen?!“, fragt sarkastisch ein Beschäftigter via Wandzeitung. Steigt ein Finanzinvestor ein, der den Laden „filetiert“, die Lebensmittelverpackung mit ihren schmalen Gewinnspannen dichtmacht und sich nur auf den rentablen Pharma-Zweig kapriziert?

Szenen einer Umwälzung: Bosch im Umbruch

Was sich derzeit in Waiblingen abspielt, ist eine Szene in einem umfassenderen, nachgerade monumentalen Schauspiel: Bosch steckt mitten im „größten Transformationsprozess der Unternehmensgeschichte“, wie Gesamtkonzern-Chef Volkmar Denner es einmal ausgedrückt hat. Die Bosch-Gruppe hat 2015 mit ihrem wichtigsten Unternehmensbereich Kraftfahrzeugtechnik zwar fast 42 Milliarden Euro Umsatz gemacht, rund 60 Prozent des Gesamtumsatzes – aber die Ahnung, dass diese guten, alten Perspektiven der analogen Ära unter den Druck des digitalen Zeitalters und der E-Mobilität geraten könnten, gehört schon länger zu den strategischen Erwägungen. Die Verpackungstechnik war deshalb mal als zusätzliches Standbein gedacht, um der Abhängigkeit vom Automobil zu begegnen, kam aber über 1,3 Milliarden Euro Jahresumsatz nicht hinaus, eine Steigerung ließ sich nicht realisieren.

Bosch stößt den Zweig nun wohl ab, um sich ganz auf die große Umwälzung zu konzentrieren: den Wandel vom analogen Industrie-Unternehmen zum IT-Giganten, der seine Chancen im „Internet der Dinge“, in „Künstlicher Intelligenz“ und in der digital vernetzten (Auto-)Mobilität der Zukunft sucht.

Bereits 2013 gab Bosch die Pneumatik-Sparte ab

In diesem Panorama ist die Trennung von der Verpackungstechnik nur ein Pinselstrich. Die Anlasser-Sparte hat Bosch schon verkauft; an Chinesen. Beschäftigte klagten: Die Führung stoße „uns vom Bosch-Tanker in die raue See, wo es von Finanzhaien nur so wimmelt“. Und bereits 2013 gab Bosch die Pneumatik-Sparte ab. Sie firmiert seither unterm Namen Aventics. Käufer: der deutsch-schwedische Finanzinvestor Triton, der 2010 zweifelhaften Ruhm erlangte, als er – letztlich allerdings vergeblich – um Karstadt mitbot. Der Betriebsrat der insolventen Kaufhauskette nannte das Triton-Angebot seinerzeit „höchst unmoralisch“, hier sollten „Arbeitsplätze vernichtet“ werden.

2014 schrieb die Hannoversche Allgemeine über Aventics: Der neue Eigentümer Triton verlange „eine zweistellige Umsatzrendite“ und setze auf „Zukäufe“, um das Unternehmen zu stärken. Und was geschah? Triton trennte 2015 den Produktbereich Zahnkette ab per Verkauf an Renold – und veräußerte 2018 Aventics an Emerson.

Wem erst das Bosch-Dach überm Kopf weggeflogen ist, dem kann danach noch allerlei blühen – um den Verkauf von Bosch Packaging Technology ranken sich in diesen aufwühlenden Tagen allerdings nicht nur Ängste, sondern auch Hoffnungen.

Betriebsräte: Aktiv mitmischen statt laut protestieren

Manche Betriebsräte der deutschen Standorte sähen, so munkelt es, nun durchaus Chancen: Bei Bosch sei die Verpackungstechnik ein Rädchen im Getriebe – befreit aus dieser Maschinerie könne die Packaging Technology vielleicht gar aufblühen. Die Verpackungsbranche ist mittelständisch geprägt, gefragt sind oft flexible Sonderlösungen, Spezialmaschinen in kleiner Stückzahl, bisweilen Unikate. Ein Riese wie Bosch hat seine Stärken eher in Standardlösungen und großen Serien. Ist die Packaging-Bootsbesatzung nicht wendiger, wenn sie frei navigiert, anstatt am Schlepptau des schweren Tankers Bosch zu hängen?

Es sei deshalb sinnlos, glauben manche Betriebsräte, so laut wie vergeblich gegen einen Verkauf an sich zu protestieren. Stattdessen gehe es nun darum, aktiv mitzumischen bei der Auswahl eines verantwortungsbewussten Käufers.


Die Transformation

Im Mai 2017 hat Volkmar Denner, Chef der Bosch-Gruppe, in einem Referat das „strategische Thema“ der „Transformation“ eines traditionellen Automobilzulieferers mit flankierenden Zusatzgeschäftsbereichen in ein digitales Hochtechnologie-Unternehmen umrissen.

Jedes Gerät soll mit dem Internet verbunden sein, auch das Auto – Stichwort „Internet der Dinge“ – , Künstliche Intelligenz soll eine „neue Art der Mobilität“ ermöglichen. In der Zukunft nach dem Verbrennungsmotor „wird das Auto elektrifiziert, automatisiert und vernetzt unterwegs sein, vernetzt auch mit anderen Verkehrsträgern“. Es gehe nicht mehr nur um das, was „unter der Motorhaube“ liegt, sondern um „Mobility Solutions“, Mobilitätslösungen: von der App, die Fahrten mit verschiedenen Verkehrsträgern plant, bucht und bezahlt, bis zum selbstfahrenden Auto, das im Vorbeifahren Parklücken erkennt und via Internet für andere zugängliche Informationen in eine Echtzeit-Parkkarte einspeist. Vom Auto aus soll sich auch das „Smart Home“ bedienen, der Herd oder der Rasensprenger einschalten lassen. Das Auto werde zum „persönlichen Assistenten“, man werde sich mit ihm unterhalten „wie mit einem Beifahrer“. Auf diesem Weg will Bosch vorne dabei sein.