Waiblingen

Das Besondere am Familienunternehmen Stihl

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„Profis brauchen Benzinmotoren“, sagte Seniorchef Hans Peter Stihl im Alten Rathaus in Esslingen vor der Fachpresse. © Winterling / ZVW

Waiblingen/Esslingen. Bereits vor 18 Jahren hat sich die Familie Stihl aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Doch die Familie bleibt der Garant, dass das erfolgreiche Geschäftsmodell des Waiblinger Motorgeräteherstellers auch in Zukunft Bestand hat, sagte Seniorchef Hans Peter Stihl, 84, vor der Fachpresse über die 90-jährige Firmengeschichte.

„Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, zitierte Hans Peter Stihl bei einem Empfang im Alten Rathaus in Esslingen den französischen Schriftsteller Victor Hugo. Die Idee seines Vaters Andreas Stihl war, eine Motorsäge zu bauen, um die Arbeit in der Natur zu erleichtern. Als junger Ingenieur, der viel in Sägewerken unterwegs war, wollte er, dass der Baum nicht mehr mühsam zur Säge gebracht werden muss, sondern die Säge zum Baum kommt. Aber die Idee allein ist nicht alles und garantiert keinen Erfolg, sagte Stihl über die Anfänge des Weltmarktführers von Motorsägen in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Mit dem Typ A, einer fast 50 Kilogramm schweren Zwei-Mann-Kettensäge, nahm die Idee 1929 Gestalt an.

Das Ziel, die Waldarbeit zu erleichtern, sei bis heute aktuell, betonte Stihl mit Blick auf die im Alten Rathaus ausgestellten Säge-Generationen aus neun Jahrzehnten. Andreas Stihl, Sohn eines Fuhrunternehmers und Landwirts, hatte nach seinem Maschinenbaustudium „das Entwickeln im Blut“. Aber Andreas Stihl war auch ein guter und hartnäckiger Unternehmer – und „ein Pionier der Globalisierung“, wies sein Sohn auf die früheren Exportgeschäfte hin. Die ersten Sägen seien „ihm buchstäblich aus der Hand gerissen worden“. Von 1931 an exportierte Stihl seine Sägen nach Russland, ab 1937 in die USA. Er knüpfte ein weltumspannendes Netz an Importeuren und gründete später eigene Vertriebsgesellschaften, mittlerweile 36 an der Zahl.

Die erste Säge war eine Elektrosäge

Das Geheimnis des Stihl’schen Geschäftsmodells sei Nähe, wie das Motto „90 Jahre Stihl – 90 Jahre nah am Menschen“ zum Firmenjubiläum ausdrücke: Nähe zur Natur, Nähe zu den Mitarbeitern, Nähe zu den Kunden, Nähe zum Fachhandel und nicht zuletzt auch Nähe zur Presse, die seit 1971 jeden Herbst zu einer zweitägigen Veranstaltung eingeladen wird. Nach einer Pressekonferenz können die Fachjournalisten zwei Tage lang die neuen Stihl- und Viking-Produkte ausprobieren und testen.

Sich von der Motorsäge abzuwenden und neue Produkte zu entwickeln, blieben in der 90-jährigen Firmengeschichte Episoden. Die leichten Ackerschlepper, die Stihl nach dem Zweiten Weltkrieg baute, um Auftragslücken zu stopfe, wurden keine Erfolgsstory. Genauso wenig die Gokart-Motoren, mit denen der junge Hans Peter Stihl immerhin sein rasendes Hobby und den Beruf unter einen Hut bringen konnte. Auch wenn die aus den Sägenmotoren entwickelten Rennmotoren wirtschaftlich keinen Erfolg brachten, war der Lerneffekt groß. Sie brachten Erkenntnisse, wie aus den Motoren mehr Leistung herausgeholt werden konnte.

Die erste Säge, die Andreas Stihl nach Gründung seines Ingenieurbüros 1926 entwickelte, war eine Elektrosäge, bevor er zwei Jahre später eine mit Zweitakt-Motor auf den Markt brachte. Dass dank immer kompakterer, leichterer und leistungsfähiger Akkus der Weg einmal vom Benzin als Treibstoff zurück zu elektrogetriebenen Geräten führen würde, habe sein Vater zu seiner Zeit nicht ahnen können, sagte Hans Peter Stihl. Der Weltmarktführer, der seinen Erfolg nicht zuletzt den Benzinmotoren verdankt, forciert die Entwicklung der Akku-Geräte. Mit vielerlei Akku-Geräten im Sortiment stünde dem weiteren Wachstum nichts im Wege.

„Ökologie und High Tech“

Stihls Devise ist, nicht immer der Erste sein zu wollen. Wohl aber bei den Kunden die Nase vorn zu haben, indem diese mit qualitativ hochwertigen Produkten zufriedengestellt werden. „Made by Stihl“ heiße immer, die Kundenwünsche zu berücksichtigen, wies Stihl auf die Meilensteine bei der Sägentechnik hin. Sei es der Anti-Vibrationsgriff 1964 oder mit der „Contra“ 1959, der ersten getriebelosen Motorsäge, mit der ein Forstarbeiter seine Leistung verdoppeln konnte. Immer im Blick haben die Entwickler dabei die Gesundheit und Sicherheit der Waldarbeiter. „Ökologie und High Tech gehen bei Stihl Hand in Hand.“ Das Unternehmen habe in den vergangenen Jahrzehnten eine halbe Milliarde Euro in den Umweltschutz investiert, um den Energieverbrauch zu senken, den Lärm zu reduzieren oder den Arbeitsschutz zu verbessern.

Meilensteine setzte Stihl auch bei der Unternehmenskultur. Schon Firmengründer Andreas Stihl habe einen Chor eingerichtet und Weihnachtsgratifikationen gezahlt. Sein Sohn Hans Peter Stihl ergänzte die „einzigartige Kultur bei Stihl“ 1972 durch eine Erfolgsbeteiligung und 1984 durch Genussrechte, mit denen sich die Mitarbeiter am Kapital des Unternehmens beteiligen können. Die Gründung der AG & Co. KG, deren persönlich haftender Gesellschafter Hans Peter Stihl bis heute ist, und der Rückzug aus dem operativen Geschäft schufen die Voraussetzungen, dass Stihl Stihl bleibt. Auch in der vierten Generation, die in den Startlöchern stehe. „Stihl kann nicht übernommen und somit auch nicht fremdbestimmt werden!“ Auch nicht von Banken. Die Investitionen, jährlich rund 250 Millionen Euro, werden ohne Fremdkapital finanziert. „Wir geben nur aus, was wir haben.“

Der Fachpresse kündigte Hans Peter Stihl an, dass im nächsten Jahr bei der Herbstpressekonferenz eine neue Motorsägengeneration an den Start geht, die MS 462. Der Seniorchef weiß auch, dass die Kunden anspruchsvoller werden. Nahmen sie früher hin, dass ihre neue Säge nach ein paar Wochen repariert werden musste, so erwarten sie heute, dass die Säge monatelang funktioniert. Die Akku-Technik hat sich unerwartet schnell entwickelt, räumte Hans Peter Stihl ein. Die Leistung der Lithium-Ionen-Batterien haben sich in vier Jahren verdoppelt. Doch im professionellen Einsatz kommen Akkugeräte an ihre Grenzen. „Profis brauchen Benzinmotoren.“