Waiblingen

Das Charisma der Lebenserfahrung

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Altersweise? Sicherlich. Immer noch beseelt von politischer Leidenschaft? Unbedingt. Erhard Eppler in Alfdorf. © Jamuna Siehler

Alfdorf. Es gibt Veranstaltungen, die viel versprechen und noch weit mehr halten: Der Auftritt von Erhard Eppler, SPD, 89 Jahre alt, im Alfdorfer Stephanushaus vor rund 80 beeindruckten Zuhörern war eine Sternstunde der politischen Kultur. Eppler las aus seinen Erinnerungen „Links leben“.

Den wuchtigsten Satz lässt er so beiläufig einfließen, als spreche er eine Binsenweisheit aus: Politik ist „nicht irgendein Geschäft“, Politik ist „eine Geschichte auf Leben und Tod“.

Erhard Eppler erinnert sich – was war von diesem Abend zu erwarten? Ein Leitfossil der Bonner Republik würden wir kennenlernen, einen Zeitzeugen, Anekdoten müsste der zu erzählen haben, Schlüssellochblicke ermöglichen. Und ja, all das gibt es in Alfdorf, Hinreißendes hat Eppler für sein Buch niedergeschrieben mit altmeisterlicher Eleganz, er ist ein Connaisseur der indirekten Rede, dramatisch nach Luft schnappende Erregungsrhetorik ist dem Manne wesensfremd – aber welch glitzernde Charaktervignetten weiß er zu zeichnen. Nur ein Beispiel: Der legendäre Karl Schiller, CDU, allzeit eitel darauf bedacht, seine Kompetenzpfründe zu verteidigen, war Berliner Wirtschaftssenator unter Willy Brandt, als es einmal galt, einige Tausend Tauben zu töten wegen des allgegenwärtigen Kots. In der entscheidenden Sitzung fehlte Schiller, Brandt band die undankbare Exekutionsaufgabe dem zähneknirschenden Gesundheitssenator ans Bein und fuhr in Urlaub. Dort ereilte ihn ein „empörtes Telegramm“ von Schiller: „Wenn schon Tauben umzubringen wären, sei er zuständig!“ Brandt fügte sich, der Gesundheitssenator war „hoch erfreut“; und ganz Berlin „dem Taubentöter Schiller sehr böse“.

Der Krieg, das Leid der Dritten Welt: Biografische Schlüsselerlebnisse

All die Geschichten: Stoff genug für einen beseelten Abend – und doch letztlich nur Begleitmusik. Denn Eppler gehört zu einer Generation von Politikern, deren Berufsverständnis auf einer existenziellen Schlüsselerfahrung gründete: Als 18-jähriger Weltkriegssoldat, „zufällig“ noch am Leben, irrte er nach dem Zusammenbruch der Wehrmacht „zu Fuß, in Lumpen gehüllt“ vorbei an Ruinen und Trümmern von der Lüneberger Heide in seine Heimatstadt Schwäbisch Hall und hatte „Zeit, nachzudenken“ während der „18 Tage meines Wanderns: Wenn eine kriminelle Politik einen ganzen Kontinent zerstören kann, dann muss man mit der Politik doch auch was Gutes anfangen können.“

1968 wurde Eppler Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Er bereiste die Dritte Welt, saß als Staatsgast in bizarr luxuriösen Hotels, schlich nachts durch Hinterausgänge und sah auf der Straße schlafende Kinder, mit Zeitungspapier bedeckt, von Ratten umraschelt. In den 70er Jahren während der Dürre in der Sahelzone fuhr er mit dem Jeep auf vom Wüstenwind verwehten Straßen, vorbei an den Skeletten der Rinder, Schafe, Ziegen, und erfuhr, warum das Leid diesmal so besonders hart über die Menschen gekommen war: Früher hatten sie mit Lederbeuteln das Wasser aus den Brunnen geschöpft und nach Hause getragen – bis französische Entwicklungshelfer Dieselmotoren brachten, die das Tränken erleichterten. Die Herden wuchsen Jahr um Jahr, überweideten die Nutzflächen, und als die Dürre kam, fraßen die Tiere das letzte Grünland kahl, bevor auf ihren Kadavern die Geier kauerten.

„Menschen, die es gut meinten“, haben Hunderttausende ins Elend gestürzt – für Eppler war das eine bewusstseinsverändernde Lehre über die Gefahren von Machbarkeitswahn und Wachstumshybris. Ökologie? „Ich hätte vorher gar nicht gewusst, was das ist.“ Fortan trat er ein für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und wurde zum frühen Gegner der Atomkraft – wie sollen wir in einer derart gefährlichen Technologie Heil und Frieden finden, wenn in der Sahelzone schon viel kleinere Eingriffe unabsehbare Katastrophen auslösen? So weit eilte Eppler damals dem technikgläubigen Zeitgeist voraus, dass manche ihn für „geistig verwirrt“ hielten.

Ein Politiker „hat kein Recht auf Karriere“, er kann „jederzeit“ in eine Situation geraten, „wo er sagen muss: Das kann ich nicht mehr mitmachen. Und dann muss er eben gehen.“ Eppler hat danach gehandelt: Als Kanzler Schmidt 1974 den Entwicklungshilfe-Haushalt krass zusammenstrich, trat der Minister zurück. „Ich hab’s bis heute nicht bedauert.“ Eine politische Lebensleistung bemisst sich ohnehin nicht allein an den Ämtern, die einer innehat – Eppler hat das Denken dieser Republik stärker geprägt als die meisten Ministerpräsidenten und mancher Kanzler: Er warb früh für Wind- und Sonnenkraft; und führte 1975 die Unterscheidung zwischen „wert-“ und „struktur-konservativ“ ein, die heute zum politikwissenschaftlichen Grundwortschatz gehört: Der Strukturkonservative findet die Verhältnisse gut, wie sie sind. Arm und Reich? Schon in Ordnung. Ein Wertkonservativer wie Eppler sagt: „Wenn man bestimmte Werte bewahren will, dann muss man geradezu aufrührerisch werden.“

Das Charisma der Lebenserfahrung; die altersweise Gelassenheit; die immerjunge Unzufriedenheit mit dem Zustand der Welt; die leise Knitzheit, das Talent zur Selbstironie, das gegen pathetische Wichtigtuerei schützt: All das macht den Abend mit Erhard Eppler zu einer nicht nur hochintensiven, sondern auch zutiefst sympathischen Begegnung. Nach zwei faszinierenden Stunden fragt er: „Hen Se gnuag?“

Eine letzte Geschichte – Eppler hätte sie nicht erzählt, der Alfdorfer Pfarrer Friedmar Probst erlaubt sich die Freiheit: „Bei Kichengemeinden nehme ich kein Honorar“, habe der Gast vorab gesagt – „die Leute sollen an ,Brot für die Welt’ spenden.“

Zur Person

Der Politiker: Erhard Eppler war Bundestagsabgeordneter (1961-1976), Landtagsabgeordneter (1976-1982), Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit (1968-1974) und SPD-Landesvorsitzender (1973-1981). Der Christ: Eppler war zweimal Präsident des evangelischen Kirchentags. Der Privatmensch: Zu den Leidenschaften des 89-Jährigen gehören die Gärtnerei und „das Opa-Sein“. Der Autor: Eppler hat eine Vielzahl von Büchern veröffentlicht, zuletzt „Links leben. Erinnerungen eines Wertkonservativen“.