Waiblingen

Der allerschönste Vandalismus in der Stihl Galerie

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Begriffe klären ist schon wichtig, aber dann geht es mitten rein in form- und farbstarke Kunst. Galerieleiterin Silke Schuck erklärt. © Büttner / ZVW
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Asger Jorn, Die Vorseherin, 1969, eine Décollage auf Karton, bemalt mit Ölfarbe. © Büttner / ZVW
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Unterbrochenes Fest, 1956, Collage, Aquarell und Tusche auf Papier. © Büttner / ZVW
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Familienvergifter – süß und ungefährlich, 1964, Décollage aus Papier und Karton. © Büttner / ZVW
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Silke Schuck und die Waiblinger Baubürgermeisterin Birgit Priebe in der Ausstellung. © Büttner / ZVW

Waiblingen. Es gibt ein historisches Schwarz-Weiß-Foto von Asger Jorn. Wie er inmitten eines Stapels von abgerissenen Plakaten sitzt. Fehlt noch, dass er die Fetzen hochwirft wie weiland Dagobert Duck in seinem Keller die Geldscheine. Was sich mit der Beute anstellen ließ, das zeigt sich jetzt allemal anmutig und manchmal auch amüsant in der Galerie Stihl Waiblingen.

Video: Leiterin Silke Schuck über die Ausstellung "Collage - Decollage" in der Stihl Galerie Waiblingen

Katharina Henkel, die Leiterin der Kunsthalle in Emden, hat den Reißwolf Jorn erst so richtig entdeckt. Und ihn mit genau diesen Arbeiten 2014 ausgestellt. Sie versetzt sich in ihn hinein: „Der Spaß an dieser Art der Arbeit war sicherlich groß. Jorn saß lachend in kniehohen Fetzen gerissenen Papiers.“ Es war wie eine Beute, die das Raubtier Künstler in seine Höhle schleppt. „Es waren regelrecht Raubzüge“, sagt auch jetzt die Waiblinger Ausstellungsmacherin Silke Schuck.

Der Ausschuss war nicht unerheblich

Dann ging es an die Arbeit. Jorn feuchtete die von den Plakatwänden abgeschnittenen oder abgerissenen Papierbatzen im Atelier an, um den Kleister zu lösen. Anschließend riss er größere und dickere Fetzen ab, löste einzelne Schichten vorsichtig voneinander und zupfte Papierstückchen ab. Der Ausschuss sei nicht unerheblich gewesen, berichten Beobachter. Etwa seine Frau zu damaliger Zeit, ab 1960. Und was dann geschah mit den farbigen Fitzeln und halben Tapeten, das kommt wieder dem nahe, womit sich der Däne acht Jahre zuvor in einer intensiven Phase beschäftigte: dem aufbauenden Verfahren, der Collage. Eben auch die Décollage, das Abreißen, bedurfte nach Jorns Ansicht hernach des Zusammenstückelns, neu Montierens, auch mal Übermalens und Kommentierens mit Pinsel oder Kohle in einer späten Phase. Collage, Décollage, das ist gar nicht genau zu trennen, sagt auch Silke Schuck.

Die Bildtitel helfen öfters weiter im Erkennen

Wobei alles mal klein anfing. 1956 noch, in seiner Collage-Phase, sind die Formate sehr handlich. Er nimmt Papierreste, auch mal Abfallpapier, mit dem er den Lithostein gesäubert hatte, zerriss es und schaute, was ihm dabei der Zufall lieferte. Damit spielte er, ließ sich inspirieren von den Formen und blieb dabei immer figurativ, gegenständlich. Freilich bei hohem Abstraktionsgrad. Wer jetzt vor den großen Stellblöcken der Waiblinger Schau steht und sich nicht sofort ein Bild machen kann, ein Bild von einem Gegenstand, einer Kreatur, einem Menschen, der schaue auf den Titel, der nebendran steht. Jorn mochte es poetisch und anspielungsreich. Wird aber auch konkret. Fast lenkt er unseren Blick. „Junges Mädchen“ heißt es mal, dann „Papiernase“, „Zeitungsmann“, „Unterbrochenes Fest“.

Er fängt an, mit Papier zu malen. So nennt es schön metaphorisch Silke Schuck. Für sie passen damit Jorns Arbeiten wunderbar ins Konzept der Galerie Stihl, Arbeiten auf und mit Papier zu zeigen. „Das Papier selber wird das Thema.“

Sie will in Zukunft noch viel mehr Montiertes und Geklebtes aus diesem Material zeigen, das sonst immer nur Bildträger ist. Sie will das Papier selbst sprechen lassen. Denn die Geschichte dazu ist groß und fängt beileibe nicht bei Jorn und seinen Freunden von der Cobra-Gruppe an. Als Begründer der Collage gelten die Kubisten Georges Braque und Pablo Picasso. Braque wollte nicht länger in illusionistischer Manier eine Tapete malen, er baute einfach einen Fetzen richtiger Tapete in sein Bildwerk ein.

Das Thema, die Technik, gibt allemal viel her. Bis zur alles einschließenden Frage, „was ist denn eigentlich Collage?“ Wir leben in jeder Beziehung von Schnipseln, die Menschen vor uns herbeigeschafft haben.

Der frühe Ideal-Europäer Jorn, der mal in Dänemark lebte, dann in Paris, später in München, ist beileibe nicht der Collage-Künstler. Genauso wenig wie er auf die Décollage reduziert werden kann. Er hat es mit so gut wie allen Disziplinen der Bildenden Kunst aufgenommen. In Phasen kam er ab 1964 immer wieder dazu, das Material zu verwenden, das ihm buchstäblich die Straße überlassen hat. Dann, um es abzureißen. Das Gegenteil von Collage. Aber im weiteren Prozess des Arbeitens mit den Fetzen hat er dann doch wieder sein eigenes Werk geschichtet, arrangiert, dabei hochkonzentriert den Zufall und die Eingebung gesucht. Er hat am Ende Titel vergeben, die gerne auch aus der Literatur kamen, etwa von James Joyce.

Aber am Anfang stand immer die Materialgewinnung. Schon um genug Stoff zu haben für die manchmal vier oder mehr Zentimeter dicken Reliefs. Es lohnt sich, jetzt in Waiblingen bei gebührendem Abstand eben doch nahe zu treten, vor allem an die Seite. Dann sieht man den Aufbau. Oder, umgekehrt, und das fasziniert bei der direkten Gegenüberschau, wenn er im Negativ-Verfahren einen dicken Packen so lange löcherte, Formen herauspulte, dass wir die dabei Form annehmende Figur fast plastisch sehen.

Die Plakatabreißer bildeten eine ganze Bewegung

Und dann diese Farben. Ein Maler kommt kaum auf diese Palette des Vorgefundenen und klug Geschauten. Silke Schuck zählt auf, was ganz generell die Affichisten, die Plakatabreißer, und es war ja eine ganze Bewegung, draußen zu ihrer Beute machen konnten. Das politische Plakat, die ganze Werbung im Großformat für Waschmittel und Osram, die Veranstaltungsankündigungen, der Siebdruck bei aller Leuchtkraft. Es wäre viel zu schade, dies Potenzial zur Ästhetisierung und manchmal auch Politisierung des Künstlerstandpunkts brachliegen zu lassen. Fürwahr. Und die Waiblinger Schau leistet beides: ästhetischer Genuss, Formate bis zur Lebensgröße, das alles zu einer farbstarken Sensation gereichend. Ein kleines Kabinett widmet sich allein dem Witz von Jorn, ein kleines Bestiarium der Tierwelt in den abstrakten Fetzen und Schnipseln zu erkennen.

Die Ausstellung liefert aber auch einen historischen Abriss zumindest zu den direkten Vorläufern von Jorn. Als da wären Raymond Hains und Jacques Villeglé. Es gibt Einblicke in die Buchkunst der Situationistischen Internationale, die auch ihren emanzipatorischen Kampf kämpfte. Ähnlich wie die Dadaisten ging es auch nach der Blutsäuferei des Zweiten Weltkriegs darum, mit Kunst an allen Oberflächen zu kratzen. Sei’s, dass Sandpapier hergenommen wurde für die Buchseiten. Jorn, der am Anfang fürwahr unzufrieden sein konnte mit seinen privaten ökonomischen Verhältnissen als Künstler, er stand mittendrin. Und knietief im Abfall, im Abgerissenen.

Ein kreativer und krimineller Akt

Lassen wir nochmals eine enge Vertraute sprechen. Jacqueline den Jong, Lebens- und Weggefährtin von Jorn von 1960 bis 1970. Sie erzählt im allemal anschaulich zu lesenden Buch, das in der Ausstellung gekauft werden kann. Es geht um den kreativ-kriminellen Akt, überhaupt ans Material zu kommen: „Er hatte einen wahnsinnigen Spaß daran, von Werbeflächen dicke Plakatschichtungen mit dem Messer zu lösen. Dabei musste er achtgeben, nicht erwischt zu werden, denn die Plakate waren ja öffentliches Eigentum. Einmal wurden wir von der Gendarmerie auf frischer Tat ertappt.“ Es war ja Vandalismus. Aber, fragt sie im Interview mit Katharina Henkel kokett, „entsteht Kunst nicht immer aus Vandalismus?“

Wie ging die Sache aus? Jorn, auf die Wache geschleppt, redete auf die Polizisten ein. Er sei Künstler. Er schicke auch eine Einladung zur nächsten Ausstellung. Es ging ohne Buße ab. Und heute haben wir den Gewinn.

Große Plakatwand

Zu sehen ist die Schau bis zum 28. August in der Galerie Stihl Waiblingen, Weingärtner Vorstadt, dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr. Eröffnet wird die Ausstellung jetzt am Freitag, 19 Uhr, in der Kunstschule nebendran.

Wieder ist ein umfangreiches Kunstvermittlungsprogramm entstanden für Kindergartenkinder und Schüler. Erst gibt es eine Führung, dann geht es ans Selbermachen. Das wissenschaftliche Begleitprogramm bietet Vorträge, Führungen, ein dänisches Fest und einen Film.

Toll die Idee, draußen eine riesige Plakatwand aufzustellen, damit alle Bürger das ankleben können, was ihnen wichtig ist. Begonnen wird damit jetzt zu „RemsTotal“.