Waiblingen

Der Bahnhofstoiletten-Test - unterwegs auf der Linie S2

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So haben die Tester die Toilette am Bahnhof Beutelsbach vorgefunden. © Ramona Adolf
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Ja, grüß Gott, Herr Werner Eckert – so ein Glück, dass Sie grad zufällig dermaßen g’schickt aus der Endersbacher Bahnhofstoilette kommen! Nun gut, in Wahrheit hat er sich freundlicherweise als Topmodel für diese gestellte Szene hergegeben. Wir danken! © Adolf

Waiblingen. S-Bahn-Fahrer, du elender Wicht – wehe, dich plagt zwischen Waiblingen und Schorndorf die Blase oder gar der Darm! Die Bahnhofstoiletten-Situation entlang der Remsschiene stinkt zum Himmel.

Video: Der ultimative WC-Test an der Rems-Strecke.

Neulich hat die Regionalfraktion der FDP in einem Antrag „Toilettenanlagen an allen S-Bahn-Stationen“ gefordert – das Fehlen öffentlicher Aborte an vielen Haltestellen sei „ein unhaltbarer Zustand“. Der Verband Region Stuttgart antwortete darauf hochdiplomatisch: Tatsächlich bleibe bei dem „bestehenden Versorgungsgrad zukünftig noch Raum für schrittweise Verbesserungen im Einzelfall“.

Künftig. Schrittweise. Einzelfall. Behalten Sie diese Worte bitte im Hinterkopf. Und nun brechen wir auf zum Toilettentest und bereisen die S-2-Strecke von Waiblingen bis Schorndorf – Start: 9 Uhr an einem Mittwoch-Vormittag diese Woche.

Warnhinweis: Die Lektüre kann zu Appetitlosigkeit und Würgreflexen führen.


Waiblingen: Hilfsausdruck „Kunstwerk“

Die Waiblinger Bahnhofstoilette ist eine Legende – sie kann sprechen! Eine Damenstimme vom Band erteilt dem Besucher Nutzungshinweise. Optisch und technologisch ist das WN-WC absolute Avantgarde: Mit seinem halbrunden, zweiflügligen Eingangsportal, das sich nach Einwurf von 20 Cent automatisch öffnet, sieht das Klo aus wie die Beamkabine des Raumschiffs Enterprise. Waiblinger Taxifahrer beschweren sich allerdings seit Jahr und Tag, dass das Ding dauernd kaputt sei: Mal klemmt die Science-Fiction-Tür, mal mag die Spülung nicht. Diese Toilette also wollen wir nun betre . . . nein, wir bleiben lieber am offenen Eingang stehen. Wie soll man diesen Anblick beschreiben, ohne dass dem Zeitungsleser das Frühstücksbrötchen wieder hochkommt? Bemühen wir hilfsweise den Jargon von Kunstvernissagen: Auf dem Sitzring befindet sich eine skulpturale Installation in Braun. Wer hier Platz nehmen wollte, säße ausgesprochen weich und warm. Da hat jemand nicht in die Schüssel, sondern auf den Rand . . . und die Damenstimme vom Band flötet: „Wir begrüßen Sie! Die Sitzfläche wurde nach der letzten Sitzung automatisch gereinigt und mit einem desinfizierenden Mittel behandelt.“

Note 5

Rommelshausen: Die kognitive Dissonanz

Ja, es gibt eine Toilette am Haltepunkt Rommelshausen – allerdings nur im Kiosk. Auf der Tafel neben der Tür steht: „Herzlich willkommen.“ Hier handelt es sich um einen Fall von „kognitiver Dissonanz“; diesen Fachbegriff verwenden Wissenschaftler, wenn sie darauf hinweisen wollen, dass Wort und Bild einander krass widersprechen. Denn das sehen wir: Die Kiosktür ist um 9.30 Uhr noch einbruchssicher mit einem trutzigen Gitter-Vorbau verbarrikadiert. Wer sich entleeren möchte, muss panzerbrechende Munition dabeihaben.

Note 5

Stetten-Beinstein: Wo ist Charles Bronson?

In Stetten-Beinstein gibt es nicht nur keine Toilette, hier gibt es gar nichts außer Gleis, Einsamkeit und Weite. Fehlen nur noch ein penetrant quietschendes Windrad, der knarzende Pumpschwengel eines Pferdebrunnens, Charles Bronson und ein paar weitere Revolverhelden, und man könnte die Eröffnungsszene aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ nachdrehen.

Note 6

Endersbach: Die Duftveredelung

Sicher, die Endersbacher Toilette sieht nicht direkt gastlich aus, eher wie eine Art Betonbunker. Sicher, es gibt weder im Pissoir noch in der Nebenkabine fürs gewichtige Geschäft Seife oder Handtuch. Sicher, die Handföhns funktionieren hier wie dort nicht. Aber wir wollen nicht kleingeistig sein. Immerhin kündet das vorherrschende Misch-Aroma davon, dass sich ein unbekannter Sisyphos im Fach Duftveredelung versucht hat: Neben Urin wittern wir einen Hauch von Zitronenspray. Es hängt sogar ein Reinigungsprotokoll rum, das obendrein mit Witz und Esprit ausgefüllt wurde: In der Samstagszeile hat ein Herr namens „Arsch“ unterschrieben. Und jetzt kommt auch noch ein Passant vorbei, stellt sich als Werner Eckert aus der Bahnhofstraße vor und fragt: „Soll ich gschwind reingehen und wieder rauskommen, damit Sie a Foto macha könnet?“ Endersbach ist ein freundlicher Flecken! Der Reporter schmilzt dahin und vergibt

Note 2

Beutelsbach: Deutschland, Stunde null

Auch in Beutelsbach gibt es zwei Kabinen. Links das Pissoir: in Ordnung. Rechts der große Sitzungssaal: Er befindet sich in, nun ja, suboptimalem Zustand. Anders ausgedrückt: eine Trümmerstätte. Es ist, als beträten wir Deutschland in der Stunde Null: Die Kloschüssel ist brutal zerdeppert. Dass inmitten der Scherben eine heile Flasche Jägermeister liegt, tröstet auch nicht: Sie ist leider leer. Schon steht der finstere Entschluss (Note 6), doch da geschieht ein Wunder: Der Handföhn funktioniert!

Note 5

Grunbach: Bimbam, ist da wer?

Zwei lindgrüne Türen mit WC-Aufschrift in Grunbach, neben dran zwei Klingeln. Drücken wir drauf – oha, keiner zu Hause. Alles abgesperrt und verriegelt.

Note 6

Geradstetten: Die Edelgastronomie

Keine öffentliche Toilette weit und breit – dafür gibt’s in Geradstetten ein Bahnhofsstüble, das mit innovativer Rechtschreibung bezaubert: „Bahnhof’s Stüble“. Die Bedienung dort spricht zwar kaum deutsch, ist aber ausgesprochen freundlich. Irgendwann scheint sie zu kapieren, was wir suchen – und führt uns umgehend zum Kneipen-Urinal. An der Theke sitzt ein Morgengast und trinkt sein 10-Uhr-Hefeweizen. Ja, sagt er, hier seien schon öfters Entleerungsbedürftige vor dem Überlaufen gerettet worden, „und die Preise sind auch anständig. Wo sonst kriegt man noch eine Halbe für zwei Euro? Das ist edel!“ Fürs Fehlen einer öffentlichen Toilette müsste Geradstetten einen Sechser kriegen, aber die Edelgastronomie hat eine Eins mit Sternchen verdient. Via Mittelwertbildung ergibt das, großzügig gerechnet,

Note 3

Winterbach: Ab ins Pflegeheim

Winterbach ist ein schöner Flecken. Bunt. Lebendig. Menschen unterwegs. Und schau, im Bahnhofsgebäude: Eisdiele! Pilsbar! Gyros-Kiosk! Nur gilt leider für alle drei Lokalitäten: erstens geschlossen, zweitens verrammelt, drittens dicht. Keine Toilette. Riecht nach Note 6. Doch siehe, da drüben ist ein freundlicher Herr und sagt: „Im Rathaus gibt’s eins. Wobei des immer zu-gschlossa isch.“ Aber wem’s ganz arg pressiert, der könne ja mal beim Pflegeheim neben dem Bahnhof anklopfen. Note 5

Weiler: Hier ist Bronson auch nicht

Alles Wissenswerte zu Weiler finden Sie im Eintrag „Stetten-Beinstein“.

Note 6

Schorndorf: Der Harntornado

Schorndorf ist eine kunstsinnige Stadt, man sieht’s an der Bahnhofstoilette. Eine Art Rundbau, von rosaroten Tempelsäulen umstanden und gläsern bedacht – der Kini, Ludwig II., hätte seine Freude dran gehabt. Pinkeln kann man kostenlos im Pissoir; was dort drinnen herrscht, ist mit dem Wort „Uringestank“ allerdings unzureichend beschrieben. Passender wäre: Uringebrüll. Harntornado. Strullinferno. Würde die Antifa von hier per Ampulle ein Duftpröbchen mitnehmen und in eine Sitzung der Landes-AfD werfen – die grade eben erst wiedervereinte Rechtspopulistenfraktion wäre sofort erneut zersprengt. Investieren wir nun 30 Cent, um die nebenan liegende Stätte für die große Endausscheidung zu betreten: keine Seife, kein Handtuch, kein Handföhn, aber behindertengerechte Haltegriffe und eine grundstabile Edelstahlschüssel, die nicht mal unter einem knatternden Furz des Riesen Rübezahl zerbröseln würde.

Note 4

Fazit: Die FDP hat recht

Bei dem „bestehenden Versorgungsgrad“ bleibt „zukünftig noch Raum für schrittweise Verbesserungen im Einzelfall“? So kann man es ausdrücken. Zehn Stationen haben wir besucht – Wasser abschlagen ging lediglich an fünfen: Endersbach, Beutelsbach, Schorndorf plus Geradstetten (Dank sei dem Bahnhof’s Stüble) und Waiblingen (sofern Sie im Stehen pinkeln und an der Skulptur auf dem Sitzrand vorbeizielen). Nur an zwei Bahnhöfen (Endersbach, Schorndorf) oder drei (wenn wir die Geradstettener Kneipe mitzählen) gab es an diesem Werktagmorgen die Möglichkeit, ein schweres Paket zu deponieren.

Eines ist unbestreitbar: Für die traurigen Zustände sind auch die Benutzer mitverantwortlich – siehe die Desaster in Waiblingen und Beutelsbach. Aber die Verantwortlichen bei Bahn und Kommunen dürfen sich ebenfalls gerne mal schämen.

Wir vom Zeitungsverlag Waiblingen stehen ja im Ruf, nicht immer sehr freundlich zur FDP zu sein. Für ihr Diktum aber, dass an vielen S-Bahn-Haltestellen „ein unhaltbarer Zustand“ herrsche, preisen wir die Liberalen: Genau wie die ehrwürdige Partei von Genscher und Goll, Mölle- und Haußmann finden wir die Lage an den S-2-Bahnhöfen beschissen und sind echt angepisst.

Fortsetzung folgt

Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich: Sobald wir uns von den Eindrücken der S-2-Tour erholt haben, wagen wir den S-3-Toilettentest von Waiblingen über Winnenden bis Backnang.