Waiblingen

„Der Mensch braucht mehr als nur Moral“

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Nicht moralische Regeln führen Menschen auf einen guten Weg, erklärt Drewermann seinen Zuhörern im Bürgerhaus. Sondern ein offener, wertschätzender Blick auf andere und sich selbst. © Habermann / ZVW

Wenn es um die Erziehung des Menschen geht, sind nicht philosophische Debatten um ethische und moralische Regeln das Entscheidende, findet Eugen Drewermann. Entscheidend seien Verständnis und Selbsterkenntnis, erklärte er am Mittwoch in seinem Vortrag „Ein Mensch braucht mehr als nur Moral“ im Rahmen des Ethikforums der Diakonie Stetten im Kernener Bürgerhaus.

Im Video: Gastredner Eugen Drewermann sprach beim sechsten Ethikforum der Diakonie Stetten über  "Ein Mensch braucht mehr als nur Moral".

Eine Ethik, die durch moralische Grundregeln allein den Menschen zu guten Taten anhalten soll, funktioniert nicht. Das ist eine Überzeugung, die der Theologe und Therapeut Eugen Drewermann bei seinem Vortrag kundtat. Seine Worte richtete er im Bürgerhaus an mehr als 200 Zuhörer, die sich teils sogar hinter den Stuhlreihen auf Stufen setzten.

Eine solche Ethik führt zu einem reinen Strafsystem, erklärt Drewermann: Wer die Regeln befolgt, ist gut und muss für diese Selbstverständlichkeit nicht gelobt werden. Wer gegen die Regeln verstößt, dem wird unterstellt, es bewusst und aus einer bösartigen Neigung heraus getan zu haben. Entsprechend trägt er als Übeltäter die Verantwortung, muss bestraft werden, wird für seine unterstellte Bösartigkeit ausgegrenzt.

Ein moralisches Strafsystem schafft Angst und Ablehnung

Was demgegenüber nötig sei, sei Offenheit und Wertschätzung. Nach Drewermanns Ansicht gilt es, die emotionale Not hinter der Tat zu erkennen. Am Beispiel der biblischen Figuren Kain und Abel führt er aus, wie Verzweiflung Menschen zu üblen Taten wie Brudermord führt. Kain, erzählt Drewermann, hat den Eindruck, ebenso hart zu arbeiten wie sein Bruder Abel.

Doch sein Rauchopfer mit den Früchten seiner Arbeit wird von Gott nicht anerkannt. Auf seinen Neid und seine Enttäuschung reagiert Gott mit dem Rat, das Gespräch mit Abel zu suchen. Doch Kain erschlägt seinen Bruder. Denn, so Drewermanns Auslegung, Kains unverarbeitetes Gefühl der Ablehnung durch Gott sei in der Handlung aus ihm herausgebrochen, unbeherrschbar vom Verstand, der das Gespräch hätte lenken sollen. Kurz: Gefühle sind stärker als Anweisungen, auch als ethisch-moralische Regeln, egal ob sie von Luther, Kant, jüdischen Gelehrten oder Buddha stammen.

Um solche Verzweiflungstaten zu verhindern, ist es in Drewermanns Augen notwendig, Menschen über die verstandesmäßige Handlungsanweisung hinaus – über das moralische Gebot hinaus – Unterstützung anzubieten. Zuzuhören. Ihre jeweilige Situation anzuerkennen und wertzuschätzen. Sie solange sprechen zu lassen, bis sie selbst erkennen, was sie belastet, was sie verletzt, was sie leisten können, was sie sich wünschen. Was gute, gewaltfreie Lösungen sein könnten für ihre persönlichen Probleme.

Verständnis und Akzeptanz soll befähigen, gut zu handeln

Als Kind in den Jahren des Zweiten Weltkrieges hat Drewermann gelernt, zu welchen Taten Verzweiflung Menschen treiben kann. „Ich habe da die ersten Eindrücke bekommen, wie Menschen über Menschen hergehen können, was aus Menschen wird, wenn sie Angst haben. Ganz normale, gute Leute. An den Eindrücken arbeite ich mein Leben lang“, berichtet er nach dem Vortrag.

Er ist überzeugt: Zuzuhören, ob als Therapeut, als Vorgesetzter oder Kollege, als Freund und Familienmitglied, könne negative Gefühle noch vor einer möglichen schlechten Tat mildern. Aber auch nach einer Tat sei Zuhören hilfreich, um den Täter vor weiteren Fehltritten zu schützen. Zentral dafür sei für die Betroffenen, sich angenommen zu fühlen.

Wenn sie darauf vertrauen können, von anderen akzeptiert und unterstützt zu werden, entsteht kein Druck, an dem sie zerbrechen oder durch den sie zwangsläufig ausbrechen müssen. Drewermann als Theologe sieht nicht zuletzt auch in den Gleichnissen Jesu und den Texten des Neuen Testaments den Versuch, dieses Vertrauen in dem Bild eines liebenden und verzeihendes Gottvaters zu begründen.

Eugen Drewermann

  • Der Schriftsteller, Therapeut und Vortragsredner Eugen Drewermann wurde 1940 in Bergkamen geboren.
  • Er studierte katholische Theologie, Philosophie und ließ sich in Neopsychoanalyse ausbilden. 1966 wurde er zum Priester geweiht, von 1979 an hielt er in Paderborn Vorlesungen an der theologischen Fakultät.
  • 1991/92 wurden ihm nacheinander die katholische Lehrbefugnis und Predigtbefugnis entzogen. Er war unter anderem für eine symbolische Auslegung der Bibel eingetreten.
  • 2005 trat Drewermann aus der römisch-katholischen Kirche aus.