Waiblingen

Der schöne, harte Job der Steinmetze

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Sanierung des Nonnenkirchleins: Der Meister liest in den Steinen wie in einem Buch. © ZVW/Danny Galm
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Martin Munzinger, Tobias Werner und Klaus Becker rücken einen Stein in Position.
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Klaus Becker mit schwerem Gerät.
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Sanierung des Nonnenkirchleins in Waiblingen.

Waiblingen. Hinter einem blauen Vorhang versteckt sich der Turm der Michaelskirche. Rundum eingerüstet steht daneben das Nonnenkirchlein, wo eine Gruppe von Steinmetzen aus Dinkelsbühl an der Sanierung arbeitet. Zimperlich dürfen sie nicht sein: Feuchtigkeit und Kälte schrecken sie ebenso wenig wie die Höhe und die schweren Gewichte.

Die schwersten Sandsteinblöcke, welche die Steinmetze austauschen müssen, wiegen zwischen 300 und 400 Kilo. Einige sitzen so locker im Gemäuer, dass sie sich von Hand hin und her schieben lassen. Heben lassen sie sich nicht so leicht. Dafür hängt Martin Munzinger den Seilzug am Gerüst auf.

Mit Ketten und Winde wird der Klotz in die richtige Höhe gehievt, zu dritt mit vereinten Kräften schieben ihn die Kollegen in die vorgesehene Lücke im Mauerwerk, bevor er mit Speis verklebt wird. Ein paar Schritte weiter ums Gerüst hämmert Klaus Becker die letzten Reste eines maroden Steins aus dem Gebäude.

Auch er muss ausgetauscht und durch einen passgenau neuen produzierten Stein ersetzt werden. Eigentlich das letzte Mittel der Steinmetz-Kunst, denn grundsätzlich gilt: Bewahren geht vor Erneuern. Was noch zu retten ist, wird erhalten, verstärkt und gekittet.

Von sieben bis sieben auf dem Baugerüst

Seit drei Monaten kümmert sich die fünfköpfige Mannschaft um Meister Reinhold Herbst intensiv um das Nonnenkirchlein und rückt seiner geheimnisvollen Geschichte näher. Grüner, gelber und roter Sandstein, dazu jede Menge behelfsmäßig verbautes Füllmaterial – das ist ganz nach dem Geschmack von echten Steinmetzen wie dem 26-jährigen Martin Munzinger. „Jeder Stein ist anders“, das macht die Faszination der Arbeit in der Restauration aus. Keine fabrikmäßige Produktion nach festem Schema. Selbst wenn das Wetter die Handwerker in die Werkstatt zwingt, entstehen unter ihren Händen nur Unikate nach dem Vorbild der ausgelösten Vorgängersteine aus dem Nonnenkirchlein.

Vier Tage die Woche arbeiten sie von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends auf der Baustelle. Bei Dunkelheit eben im Schein ihrer Lampen. Ein hartes Programm, das sich die eingeschworene Gruppe selbst auferlegt hat, um im Gegenzug ein dreitägiges Wochenende genießen zu können. Denn von Montag bis Donnerstag übernachten sie getrennt von ihren Familien im Waiblinger Gästehaus Insel. Tagsüber zwölf Stunden gemeinsam auf dem Gerüst, abends gemeinsam essen. Gesprochen wird dann nicht nur über die Arbeit, sondern viel über private Dinge.

„Wir sind alle im Betrieb groß geworden“, sagt der Dinkelsbühler. „Das hilft bei der Arbeit.“ Man kann sich aufeinander verlassen. Körperlich erschöpft fühlt sich der 26-Jährige abends trotz des anstrengenden Jobs kaum, doch er weiß, das ist eine Frage des Alters. 60-Jährigen sitzt so ein Tag auf dem Gerüst anders in den Knochen. Das Heftigste, sagt er, ist das Herausbrechen von Steinen mit der schweren Hilti.

Der Meister liest in den Steinen wie in einem Buch

Zentimeter für Zentimeter nimmt Steinmetz-Meister Reinhold Herbst die Mauern unter die Lupe und kartografiert die Schäden, die durch natürliche Verwitterung und Feuchtigkeit entstanden sind. Frühere, grobschlächtige Ausbesserungsmaßnahmen mit Beton und Metalldrähten haben nur wenige Jahrzehnte überdauert. An kleinen Löchern in den größeren Blöcken kann er erkennen, wo die Erbauer des Kirchleins die Zangen für ihre Seilzüge ansetzten. Teilweise stecken im Mauerwerk noch, völlig vermodert, die Reste des historischen Baugerüsts aus Holz. Befestigt wurden die Balken damals mit Hanfseilen, was angesichts der zu tragenden Lasten riskant erscheint - aber bis weit ins 20. Jahrhundert üblich war und in vielen Ländern immer noch ist. Systemgerüste aus Metall kommen erst seit den Fünfzigern zum Einsatz.

So genau hat Reinhold Herbst die Mauern über Monate studiert, dass er in den Steinen geradezu lesen kann. Ein Potpourri von Steinen findet sich in der Kirche. Ganz anders als an der prächtigen Michaelskirche nahmen die Erbauer, was sie an Baumaterial finden konnten, selbst kleine Bruchteile. Die Ärmlichkeit des Materials kompensierten sie durch Liebe zum Detail.

Selbst kleine Steine wurden aufwendig bearbeitet. Die Säulen erscheinen nicht vom Fachmann mit der Schnur gezogen. „Sie sind nicht richtig schief“, sagt der Restaurator, „aber dynamisch“. Beim Nonnenkirchlein zu sparen, spekuliert er, entsprach wohl dem damaligen Weltbild. „Aber sie haben das Beste daraus gemacht.“


Nonnenkirche

  • Die spätgotische Kapelle wurde zwischen 1496 und 1510 gebaut. Sie erhielt ihren Namen nach einem beim großen Stadtbrand von 1634 abgegangenen „Nonnenklösterlein“ – dem Haus der Beginen, das früher in der Nähe stand.
  • Die Sanierung des Nonnenkirchleins soll laut dem beauftragten Architekten Bernd Treide vor der Gartenschau abgeschlossen sein. Auch das Gerüst an der Michaelskirche soll bis dahin sukzessive abgebaut werden.
  • Als Beitrag zur Finanzierung ruft die Kirchengemeinde auf, symbolische Steinpatenschaften zu übernehmen.