Waiblingen

Die älteste Currywurstbude Waiblingens wird 50

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currywurst Imbiss Speerschneider die älteste Imbissbude Waiblingens wird 50: Andreas und Gaby Speerschneider führen den Oldschool-Grill und sind immer da. Wurst, Imbiss, Fastfood, Pommes. Foto: Alexandra Palmizi © Palmizi / ZVW
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Waiblingen Bahnhofstrasse 18, Imbiss Speerschneider in den 60er Jahren. © Privat
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currywurst Imbiss Speerschneider die älteste Imbissbude Waiblingens wird 50: Andreas und Gaby Speerschneider führen den Oldschool-Grill und sind immer da. Wurst, Imbiss, Fastfood, Pommes. Foto: Alexandra Palmizi © Palmizi / ZVW
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Symbolbild. © Palmizi / ZVW

Waiblingen. Gäbe es sie nicht mehr, es würde was fehlen in Waiblingen: Die Imbissbude der Familie Speerschneider wird stolze 50 Jahre alt. Die ersten Pommes der Stadt gab’s hier in der Bahnhofstraße. Seitdem trotzen die Speerschneiders allen Moden der Branche – und die traditionsverbundene Kundschaft dankt’s ihnen.

„Vor 44 Jahren habe ich hier meine erste Currywurst gegessen“, sagt Stammkunde Michael Rose und putzt mit dem Brötchen den Rest Spezialsoße vom Pappteller auf. „Damals habe ich mit meiner Lehre angefangen.“ Hinter dem Grill standen die Gründer Günther Speerschneider und seine Frau Dietlinde. Ihre Kinder Andreas und Gaby, die heutigen Inhaber, spielten im Hinterzimmer oder auf dem nahen Spielplatz. Verdammt lange her, doch der Gang „zum Speerschneider“ gehört für viele Waiblinger zur Mittagspausenroutine, für manche eben seit Jahrzehnten. Bankkaufleute von der Sparkasse oder Volksbank, Beamte vom Landratsamt, Geschäftsleute oder Handwerker auf Montage – am Stehtisch treffen sich alle sozialen Schichten. Mancher Busfahrer gibt seine Bestellung telefonisch ab und lässt sich seine Mahlzeit im Vorbeifahren durchs Fenster reichen.

6.6.1966: An einem Schnapszahl-Tag kamen die Pommes nach Waiblingen. Vater Speerschneider war als Lastwagen-Fahrer viel in Norddeutschland unterwegs gewesen und hatte die dortige Imbisskultur kennengelernt. „Das wäre doch auch was für die Schwaben“, dachte er sich. Denn hierzulande hatte fast niemand eine Fritteuse, und so waren nach Eröffnung der Bude in der Bahnhofstraße die fettigen Kartoffelschnitze bald eine begehrte Neuheit. Der moderne Imbiss entwickelte sich zum Treffpunkt für die motorisierte Jugend. „Winkelhock & Co.“ saßen auf der Stange am Straßenrand, die Mopeds standen in Reih und Glied geparkt, erinnert sich der heute 53-jährige Andreas Speerschneider.

„Futtern wie bei Muttern“ lautete das heute noch gültige Motto. Denn vieles wird selbst gemacht. „Standardware gibt’s bei uns nicht“, sagt die 58-jährige Gaby Neumann: Die Wurst macht die Metzgerei Lauster exklusiv für die Waiblinger Imbissbude, Ketchup und Mayo werden von den Inhaber-Geschwistern jeden Morgen selbst gewürztechnisch verfeinert. Frisch statt tiefgekühlt sind die Pommes, und die Spezialsoße zur Currywurst wird seit Jahrzehnten nach Geheimrezept des Vaters gekocht. Der Hamburger kommt nicht ins lätschige Pseudobrötchen, sondern in knusprigen Toast. Seit den Siebzigern auf der Speisekarte, gehört der Burger zu den wenigen Neuerungen im Lauf der 50 Jahre – die Kunden lieben bewährte Grill-Klassiker. Die Bude modernisieren und durchstylen, Rezepte variieren, die Ketchupsorte wechseln? Kommt nicht infrage. Die Gäste wären enttäuscht. Ein Bild aus frühen Tagen prangt an der Wand, im feinen Anzug und mit Krawatte stehen die Männer am Tisch – ansonsten sieht fast alles aus wie heute. Vor einiger Zeit rief einmal ein Privatfernsehsender an, sie wollten eine dieser Dokus drehen, in denen alten Restaurants auf die Beine geholfen wird. Andreas Speerschneider lehnte ab: „Die stehen mir hier nur rum. Ich kann doch meine Kunden nicht warten lassen.“

Am Grill kennengelernt und Silberhochzeit gefeiert

So lebt der Grill ganz gut von seiner Historie, trotz Fast-Food-Restaurants und Döner-Konkurrenz. Draußen hängt die Deutschlandfahne, der Kaugummiautomat führt die Preise in D-Mark und Pfennig auf, und obwohl er längst nicht mehr funktioniert, bleibt er fester Bestandteil des Inventars, auch das gehört zur Traditionspflege. Daneben lärmt unaufhörlich und von Jahr zu Jahr lauter die Bahnhofstraße mit ihrem nervenden Stop-and-go-Verkehr. „Wenn man hier neu eröffnen würde, würde es nicht funktionieren“, meint Andreas Speerschneider. Laufkundschaft kommt kaum noch vorbei auf der Bahnhofstraße. Trotzdem: „Wir haben viele Imbisse in der Stadt kommen und gehen sehen“, meint Gaby Speerschneider. Es steckt enorm viel Arbeit drin. „Man muss es lieben, sonst geht es nicht.“ Spätestens um acht Uhr morgens mus jemand zum Vorbereiten in der Küche stehen, abends wird nach der Schließung um 19 Uhr noch geputzt. Personal ist schwer zu finden. Im Sommer kann es unter dem Dach über 50 Grad heiß werden, und im Winter friert der Wasserdampf an die Spuckschutzscheibe. So sind Gaby Speerschneider, ihr Bruder Andreas sowie dessen Frau Steffi voll eingespannt und immer auf den Beinen. Freitags hilft die 80-jährige Mutter Dietlinde Jacob stundenweise mit, so verwachsen ist die Familie mit ihrem Imbiss. Gleichwohl erlebte sie schwere Zeiten. Anfangs betrieb sie einen weiteren Imbiss in Fellbach, von wo sie stammt. Nachdem Dietlinde Speerschneider einen Arbeitsunfall mit heißem Fett erlitten hatte, musste der Fellbacher Standort geschlossen werden. Noch schlimmer kam es 1979, als Günther Speerschneider früh verstarb. Seine Witwe führte den Betrieb weiter, da war ihr Sohn Andreas erst 15.

Zu den freudigsten Ereignissen zählte eine Silberhochzeit mit 50 oder mehr Gästen am Imbiss. Das Paar hatte sich einst an Ort und Stelle kennengelernt. Ausnahmsweise am Samstag öffnete der Grill, als sich eine Gruppe von 25 Bikern zum Treffen anmeldete. Ein Stammkunde kauft gelegentlich groß ein, um in den Dolomiten regelrechte Speerschneider-Partys zu feiern. Ein weiterer Gast berichtete von einem USA-Urlaub, dass ihn ein Aufzugportier in einem Wolkenkratzer als Schwabe erkannte und angesprochen hatte. „Aus Waiblingen kommt ihr? Da gibt es doch diese Imbissbude.“ Alfred Biolek war schon da, OB Andreas Hesky speist alle paar Wochen am Stehtisch, zu den allertreuesten Speerschneider-Fans gehört VfB-Ikone Günther Schäfer. Er ließ er sich schon eine Kiste mit Spezialitäten vollpacken und fuhr damit ins Stadion.

Stammkunden

95 Prozent der Wurst- und Pommes-Käufer sind Stammkunden. Zu zwei Dritteln besteht das Geschäft aus Essen zum Mitnehmen.

Das waren Zeiten: Bei der Eröffnung kostete die Currywurst 1,20 Mark, die Pommes kosteten 50 Pfennige.

Zum Jubiläum am 6.6. 2016 warten die Speerschneiders eine Woche lang mit einem Menü zum Sonderangebot auf.