Waiblingen

Die Angst vor der Schweinepest wächst

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Wildschweine werden verstärkt bejagt, um eine Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest zu verhindern. © Habermann/ZVW
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Ferkel auf dem Stiftsgrundhof. © Gabriel Habermann
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Andreas Müller. © Gabriel Habermann

Waiblingen. Der Landkreis Rems-Murr ist auf die Afrikanische Schweinepest vorbereitet: Wildschweine werden verstärkt bejagt, es werden Blutproben genommen und tot aufgefundenes Schwarzwild in gesonderte Verwahrstellen gebracht. Bei den rund 120 Schweinehaltern an Rems und Murr gelten verschärfte Hygienevorschriften.

Landwirte sorgen sich, dass sich die Afrikanische Schweinepest in Europa ausbreitet und auf Deutschland übergreift. In Polen wurden die ersten Fälle gemeldet. „Die Seuche kommt näher“, warnte dieser Tage Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Bauernverbandes, und fürchtet vor allem die wirtschaftlichen Folgen für die Schweinehalter. Er forderte eine stärkere Bejagung des Schwarzwildes. Der Kontakt zwischen Wild- und Hausschweinen gilt bei der Afrikanischen Schweinepest als das größte Infektionsrisiko. Betriebe, die ihre Schweine freilaufen lassen, benötigen deshalb einen doppelten Zaun, teilte das Landratsamt Rems-Murr auf Anfrage mit.

Bei der Afrikanischen Schweinepest handelt es sich um eine ansteckende verlustreiche Tierseuche, die bei Haus- und Wildschweinen auftreten kann. Der Mensch könne jedoch nicht daran erkranken, so das Landratsamt. Bisher wurde die Afrikanische Schweinepest in Deutschland nicht festgestellt. Dennoch sei der Landkreis auf einen möglichen Ausbruch vorbereitet und weist auf vier Schwerpunkte hin:

  • Die Reduzierung des Schwarzwildbestands durch jagdliche Maßnahmen
  • Blutproben-Monitoring
  • Einrichtung von Verwahrstellen für tot aufgefundenes Schwarzwild
  • Überprüfung der vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen der Schweinehalter

20 Drückjagden auf Schwarzwild in den vergangenen Monaten

Von November 2017 bis Ende Januar 2018 organisierte das Kreisforstamt eigenen Angaben zufolge rund 20 Drückjagden im Kreis. Die Vorbereitungen für diese Jagden habe bereits im Sommer begonnen. Das Forstamt habe dafür qualifizierte Jäger, Hundeführer und Treiber für die Einsätze eingeplant, darüber hinaus Straßensperrungen koordiniert, Hochsitze vorbereitet und die Vermarktung des Wildbrets gewährleistet. Die Drückjagden im Staatswald sind mit den Kreisjägervereinigungen und den Pächtern der privaten Jagdgebiete abgestimmt. So könnten möglichst große Flächen gemeinsam bejagt werden, um den Bestand der Wildschweine einzudämmen.

Behördlich festgesetzte Abschusspläne gibt es für Wildschweine keine. Damit die Jäger mehr Schwarzwild vor die Flinte kriegen, habe das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz jedoch die Auflagen gelockert. So sind bei der Ansitzjagd künstliche Lichtquellen erlaubt. Um den Jagderfolg bei Drückjagden zu erhöhen, werde der fahrlässige Abschuss von führenden Bachen, also Wildsäuen mit Frischlingen, nicht mehr als Ordnungswidrigkeit geahndet. „Es bleibt dennoch eine große Herausforderung, die vom Klimawandel und Maisanbau stark profitierenden Wildschweine zu reduzieren“, schreibt das Forstamt. Der mittlerweile fünfte Winter in Folge lässt die Bestände wachsen. Eine verlässliche Angabe zur Höhe der Schwarzwildbestände im Kreis gebe es nicht. Wohl aber kann das Forstamt sagen, wie viele Wildschweine erlegt wurden:

  • Jagdjahr 2014/2015: 1435 Wildschweine
  • 2015/2016: 2032 Wildschweine
  • 2016/2017: 1479 Wildschweine

Wildschweine mit Krankheitserscheinungen dem Veterinäramt melden

Werden im Rems-Murr-Kreis Wildschweine tot aufgefunden, müssen diese sachgerecht beseitigt werden. Alle Wildschweine, die unfall- oder krankheitsbedingt verenden, sollen in Sammelstellen gebracht und beprobt werden. Für die Beprobung wird eine Prämie aus Landesmitteln gewährt. Wildschweine, die typische Krankheitserscheinungen zeigen, seien unverzüglich dem Veterinäramt zu melden.

Bisher sind bei 96 gejagten oder verendet aufgefundenen Wildschweinen Blutproben genommen worden. Bei Wildschweinen aus Freilandhaltungen und Auslaufhaltungen im Rems-Murr-Kreis wurden im Jahr 2017 41 Blutproben entnommen.

Sammelstellen für tot aufgefundene Tiere

Die Kreisjägervereinigungen und das Kreisjagdamt haben in Kooperation mit den Städten und Gemeinden entsprechende Sammelstellen eingerichtet. Der Bedarf für den Bereich der Kreisjägervereinigung Waiblingen sei mit Standorten in Fellbach, Waiblingen, Winnenden, Weinstadt, Schorndorf und Urbach sowie Welzheim grundsätzlich gedeckt. An drei Standorten seien aus Landesmitteln zusätzliche Rollcontainer beschafft worden. Der Kühlraum in Welzheim wurde von der Stadt erneuert.

Im Bereich der Kreisjägervereinigung Backnang könne der vorhandene Standort im Bauhof Sulzbach/Murrhardt den Bedarf lediglich „grundsätzlich abdecken“. Allerdings seien zwei zusätzliche Standorte in Weissach im Tal und in Aspach sinnvoll. Für diese beiden Gemeinden wurden Standorte und Konzepte besprochen und aus Landesmitteln entsprechende Kühleinrichtungen beschafft. An allen drei Standorten wurde außerdem mit Hilfe von Landesmitteln zusätzlich Rollcontainer beschafft. Die Fertigstellung der zusätzlichen Standorte steht witterungsbedingt noch aus.

Im Schweinestall gelten verschärfte Hygienevorschriften

Für die Schweinehalter gelten verschärfte Hygienevorschriften, schreibt das Landratsamt. Die Betriebe müssten zur Vorbeugung gegen die Einschleppung von Tierseuchen besondere Hygieneregeln beachten und spezielle bauliche Anforderungen erfüllen. So müssen die Tierhalter zur Vorsorge beim Betreten der Ställe eine Hygieneschleuse benutzen. Auch Besucher müssten die Kleidung wechseln, um einen Erregereintrag zu vermeiden. Materialien wie Futter und Einstreu müssen wildschweinsicher gelagert werden.

Genau im Auge hat das Veterinäramt Schadnager, also Ratten und Mäuse. Sie müssten regelmäßig bekämpft werden. Darüber hinaus wurden die Betriebe in die Pflicht genommen, Krankheitserscheinungen aufzuzeichnen und bei Erreichen bestimmter Werte unverzüglich dem Veterinäramt zu melden.
 



Backnang. Andreas Müller vom Stiftsgrundhof denkt an Exportstopp

Die Angst der Schweinehalter vor der Afrikanischen Schweinepest ist groß. Aber nicht etwa, weil er befürchtet, dass seine Schweine infiziert werden könnten, sagt Andreas Müller vom Stiftsgrundhof bei Backnang. Dagegen könne man sich mit recht einfachen Hygienemaßnahmen schützen. Sollte aber die Schweinepest die deutschen Grenzen überschreiten, drohen Exportverbote – und in der Folge ein ruinöser Preisverfall. Und die Schweinepest rückt näher, wie die jüngsten Berichte über Infektionen in Polen zeigen.

Die Schweinepest, betont Andreas Müller, ist für den Menschen völlig ungefährlich. Die von Viren ausgelöste Krankheit befällt Haus- und Wildschweine. Eine Impfung oder Medikamente dagegen gibt es nicht. Bei einem Befall in einem Stall muss der gesamte Bestand geschlachtet werden. Doch für die Verbreitung der Pest trifft die Menschen eine Mitschuld, wenn sie infizierte Nahrungsmittel beispielsweise auf Rastplätzen wegwerfen und diese von Wildschweinen gefressen werden. Und die wiederum tragen die Krankheit weiter.

Müller vertraut nicht auf die Politik

Andreas Müller unterstützt die generellen Forderungen, dass mehr Wildschweine gejagt werden sollten, um die Verbreitung der Schweinepest einzudämmen. Über die Jäger im Raum Backnang kann er jedoch nicht klagen. Die Schäden durch Schwarzwild sind rund um den Stiftsgrundhof weniger geworden.

Gegen den möglichen Befall des eigenen Stalls oder wenn der Rems-Murr-Kreis oder ein Nachbarkreis zum Sperrgebiet erklärt wird, dagegen sind die Müllers versichert. Keine Versicherung gibt es jedoch gegen den ruinösen Preisverfall. Bis sich die Preise wieder erholen, heißt das Motto: „Wer hält länger durch!“ Den deutschen Schweinehaltern sitzt noch die gerade überwundene Krise vor zwei Jahren in den Knochen, als die Preise für Schweinefleisch am Boden lagen und viele Betriebe um ihre Existenz bangten. Inwieweit die Politik bereit ist, den Schweinehaltern im Fall der Fälle zu helfen, hegt Andreas Müller seine Zweifel. Sie seien zu wenige, um wirklich eine Rolle zu spielen, befürchtet Müller. Die Folge könnte sein, dass man die Schweinehalter über die Klinge springen lässt.

Weniger Schweine

Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe mit Schweinehaltung hat im Rems-Murr-Kreis in den vergangenen Jahren stark abgenommen. Gab es im Jahr 2000 noch 339 Betriebe mit Mastschweinehaltung mit insgesamt 23 000 Tieren, so sind es aktuell nur noch 100 Betriebe mit rund 11 000 Schweinen. Nur noch zwölf dieser Betriebe haben mehr als 100 Tiere im Bestand.

Auch die Anzahl der Betriebe mit Zuchtsauen ist rückläufig, und zwar von 70 Betrieben mit 2100 Zuchtsauen im Jahr 2000 auf 22 Betriebe mit 1000 Tieren. Fünf dieser Betriebe haben 50 und mehr Sauen im Bestand.