Waiblingen

Die Gretchenfrage: Wie christlich ist die AfD?

1/4
afd1_0
Jürgen Braun (links), Mitglied des AfD-Kreisvorstands: „Ob die Kirchen sich an der Flüchtlingshilfe bereichern, darüber maße ich mir kein Urteil an. Meine Kritik ist eher, dass man sich zu wenig um die zugewanderten Christen kümmert und um verfolgte Christen weltweit.“ Ralf Özkara, Kreissprecher der AfD Rems-Murr: „Moscheen sind nichts anderes als Multiplikatoren des politischen Islam. Der Islam ist auf Expansion ausgerichtet und auf nichts anderes. Der Islam gehört nicht zu Deutschland, da stehe ich voll dahinter.“ © Jamuna Siehler
2/4
afd2_1
Dietrich Hub, Evangelischer Pfarrer, Mitarbeiter der Winnender Paulinenpflege: „Wenn die AfD christliche Werte beschwört, frage ich mich: Was machen sie mit dem Asylanten namens Jesus? Er musste vor den Schergen des Herodes in Sicherheit gebracht werden. Jesus ist der bekannteste Asylant der Welt.“ © Jamuna Siehler
3/4
afd3_2
Ulrich Häufele, Geschäftsführer des katholischen Dekanats Rems-Murr: „Abendländisch-christliche Kultur, was heißt das für die AfD überhaupt? Für uns sind die christlichen Werte nicht verhandelbar: Nächstenliebe. Toleranz. Solidarität. Sich für Fremde und Arme einsetzen, für alle, die in Not sind.“ © Jamuna Siehler
4/4
afd4_3
Gerhard Rall, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbandes: „Für vieles, was wir in der Flüchtlingshilfe tun, gibt es keinen müden Cent vom Staat – wir tun das, weil wir es einfach für richtig halten. Dass AfD-Leute den Kirchen vorwerfen, sich an der Flüchtlingskrise zu bereichern, ist völlig grotesk.“ © Jamuna Siehler

Waiblingen. „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“, fragte Gretchen den Faust – Ähnliches geht in diesen Tagen vielen Kirchenleuten durch den Kopf, wenn sie hören, was aus den Reihen der AfD tönt. Parteifunktionäre aus dem Kreis kontern, sie verstünden „überhaupt nicht“, was die Kirchen gegen sie hätten. Die Geschichte eines Zwists.

Dicke Luft

Eine kleine Eskalations-Chronik

Es gab Zeiten, da konnte einen das Gefühl beschleichen, die AfD bestehe aus lauter Betschwestern und Ordensbrüdern. Auf die „christlich-abendländische Kultur“ berief sich Jörg Meuthen, „die abendländisch-christliche Welt“ beschwor Frauke Petry, Deutschland sei „christlich-abendländisch“, betonte Alexander Gauland, und Pegida sang Weihnachtslieder.

Aber die AfD als Hüterin christlicher Werte? Wer’s glaubt, wird selig, scheinen nicht wenige Kirchenvertreter zu denken. „Menschenverachtende Positionen haben auf dem Katholikentag keinen Platz“, sagte Thomas Sternberg vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der evangelischen Kirche in Deutschland, beklagte eine „menschliche Kälte, die unberührt bleibt vom Leid der Menschen“, Bischöfe in Erfurt und Köln schalteten die Dombeleuchtung aus, als die AfD auf den Kirchplätzen demonstrierte. Im Gegenzug nannte der sachsen-anhaltinische AfD-Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider den Katholikentag ein „Hippie-Spektakel“, das mit der ecclesia catholica „ungefähr so viel gemeinsam“ habe „wie ein Bordell mit einem Nonnenkloster“, und die Thüringer Abgeordnete Wiebke Muhsal bezeichnete Kirchen-Obere als „verrottet“. Ein Kapitel der Zwist-Chronik wurde auch in Waiblingen geschrieben: Der evangelische Dekan Timmo Hertneck fühlte sich von der AfD an die „Kirchenfeindlichkeit des Nationalsozialismus erinnert“, der Kreisverband der Alternative konterte: „So traurig steht es um führende Kirchenleute.“

Mittlerweile hat die AfD-Abteilung Attacke den Ton massiv verschärft: Der bayrische Partei-Chef Petr Bystron erklärte, die Kirchen betrieben unterm „Deckmantel der Nächstenliebe“ mit der Flüchtlingshilfe ein „Milliardengeschäft“ und beuteten zur „Gewinnmaximierung die Hilfsbereitschaft unbezahlter Ehrenamtlicher“ aus, der Europaparlamentarier Marcus Pretzell nannte die katholische Kirche einen „Asylindustrieverband“, Bundessprecherin Frauke Petry raunte etwas verklausulierter, die Kirchen verfolgten in der Flüchtlingsfrage „eigene Interessen“, die „so gar nichts mit Nächstenliebe“ zu tun hätten.

Zum Lachen

Milliardengeschäfte?

Hat irgendwer den Geschäftsführer des Keisdiakonieverbandes je toben gehört? Schwer vorstellbar; Gerhard Rall ist einfach ein zu sanfter Mensch. So ist es zu erklären, dass er auch jetzt am Telefon nicht zetert, sondern bloß ratlos lacht. Die Kirchen scheffeln in der Flüchtlingskrise Milliarden? „Das ist einfach völlig grotesk.“

Es ist gute Tradition in Deutschland, dass der Staat Aufgaben delegiert an Verbände der Wohlfahrtspflege wie Diakonie oder Caritas. Das nennt sich „Subsidiarität“. So geschieht es derzeit auch in der Asylarbeit. Für jeden Flüchtling gibt es eine staatliche Versorgungspauschale, ein Anteil geht an die jeweils helfende Institution. „Das ist, wenn wir Glück haben, ein Nullsummenspiel – in der Regel legen wir noch Geld drauf.“ Nur: Damit ist es nicht getan.

„Komplett eigenfinanziert“ aus Kirchensteuermitteln betreibt der Kreisdiakonieverband eine halbe Psychologinnen- und eine halbe Sozialpädagoginnenstelle für traumatisierte Flüchtlinge in Schorndorf, „komplett eigenfinanziert“ zwei volle Stellen für die Begleitung und Unterstützung der Ehrenamtsarbeit an Rems und Murr. Dafür „gibt es keinen müden Cent vom Staat – wir tun das, weil wir es einfach für richtig halten“. Die Synode der Evangelischen Landeskirche hat im Herbst beschlossen, 13 Millionen Euro zusätzliche Eigenmittel in die Flüchtlingshilfe zu stecken – die Hälfte der Summe fließt in Herkunftsländer von Syrien bis Afghanistan, um dort die Lebensbedingungen zu verbessern und Fluchtursachen zu bekämpfen.

Rall hält inne, holt tief Luft. Die Kirchen Asylindustrieverbände? „Das haut dem Fass wirklich den Boden aus.“ Er lacht. „Das ist echt frech, so was zu behaupten.“ Aber vielleicht sei das ja „Taktik“: Immer wieder ledern einzelne AfD-Leute „pauschale, polemische Behauptungen“ raus – und wenn man ihnen nachweise, dass ihre Argumente „einfach kein Fundament haben“, rudern andere Parteifreunde „ein bisschen zurück“. Nur: Etwas bleibe immer hängen. „So schürt man Stimmungen.“

Ach, er könnte sich jetzt wirklich aufregen – aber der Mann denkt lieber positiv: „Ich bin stolz auf unsere Landeskirche, dass sie bei der Flüchtlingshilfe Flagge zeigt. Ich bin den Ehrenamtlichen über die Maßen dankbar. Und ich finde es klasse, dass Herr Hertneck so klar Position bezogen hat.“

Gedanken Gottes

Ein Pfarrer wird hellhörig

„Völker sind Gedanken Gottes“ – als Dietrich Hub, Pfarrer und Mitarbeiter der Winnender Paulinenpflege, diesen Satz las, stellten sich ihm die Nackenhaare: Himmel, greift da schon wieder einer in die „theologische Mottenkiste“ und bemüht die „Schöpfungsordnungen“, um seiner Fremdenfeindlichkeit höhere Weihen zu verleihen? „Gott hat die Menschen nach Völkern erschaffen. Die Völker sind Gedanken Gottes; niemand hat das Recht, sie bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen“: Der AfD-Funktionär Hans-Thomas Tillschneider hat das erst jüngst geschrieben – Hub hört durch die Worte ein altes Echo hallen. 1932 erklärte die protestantische Strömung der „Deutschen Christen“: „Wir sehen in Rasse, Volkstum und Nation uns von Gott geschenkte und anvertraute Lebensordnungen“ – deshalb gelte es, die „germanische Rasse reinzuhalten“ durch „Schutz vor Untüchtigen“ und „Minderwertigen“.

„Völker sind Gedanken Gottes“: Der Satz kocht die Schöpfungsordnungen-Ideologie zu einem rhetorischen Konzentrat ein und wird seit Jahrzehnten regelmäßig aufgewärmt, wann immer rechte Bewegungen religiöse Legitimation suchen. „Völker sind Gedanken Gottes“: So stand es 1990 im Parteiprogramm der Republikaner. „Völker sind Gedanken Gottes“: Die Zeile findet sich auch in einem Lied der Rockgruppe „Stahlgewitter“. Ihre CDs heißen „Germania über alles“ oder „Das Hohelied der Herkunft“, die Band pflegte freundschaftliche Kontakte zu den „Noien Werten“ (mit deren Musik der Nationalsozialistische Untergrund ein Bekennervideo unterlegte) und „Landser“ (Songzitat: „Afrika für Affen / Europa für Weiße / Steckt die Affen in ein Klo / Und spült sie weg wie Scheiße“).

Hub sind solche Traditionslinien unerträglich. Denn wer war der „berühmteste Asylant der Welt“? Jesus, der „vor den Schergen des Herodes in Sicherheit gebracht werden musste“. Dass die Bischöfe in Köln und Erfurt die Domlichter ausschalteten, „halte ich für ganz wichtig“.

Nicht verhandelbar

Christliche Werte

Wie tickt die AfD? Konservativ? Rassistisch? Mal so, mal so? Er wisse es immer noch nicht richtig, sagt Ulrich Häufele, Geschäftsführer des katholischen Dekanats Rems-Murr. „Die kennen sich ja selber nicht. Da weiß ein Meuthen ja nicht, was ein Gauland sagt.“ Häufele hat beschlossen, seine Skepsis zurückzustellen und der Neugier Lauf zu lassen: Vor Jahren hat er einen „Runden Tisch Kirche und Politik“ gegründet – zur nächsten Ausgabe werde er auch Jörg Meuthen einladen. Erörternswerte Fragen gibt es ja genug: „Abendländisch-christliche Kultur, was heißt das für die überhaupt?“ Und wieso behaupten die, dass die Kirchen sich an der Zuwanderung bereichern? Sicher, sagt Häufele, es gibt Mieteinnahmen für das Waiblinger Marienheim, wo Flüchtlinge leben, aber das Geld geht an die Keppler-Stiftung, die Altenhilfe betreibt, Heime, betreutes Wohnen, ambulante Dienste, ein Hospiz – lehnt die AfD derlei ab? Ja, die Caritas in der Region hat mit Geld von den Landkreisen 34 Sozialarbeiter für die Flüchtlingsbetreuung eingestellt, und diese Leute bekommen „faire Arbeitsbedingungen“ und Bezahlung „nach Tarif“ – findet die AfD das falsch? Das kirchliche Engagement „geht oft nicht mal null auf null auf“, das Dekanat Rems-Murr hat auf eigene Rechnung eine 450-Euro-Kraft eingestellt, die Ehrenamtliche berät, und einen 10 000 Euro schweren Fonds bereitgestellt, aus dem freiwillige Helfer schöpfen, wenn sie ein Begegnungscafé gründen oder Lernmaterialien kaufen wollen – versteht die AfD das unter Gewinnmaximierung?

Über all das lasse sich reden – „die christlichen Werte“ allerdings „sind nicht verhandelbar: Nächstenliebe. Toleranz. Sich für Fremde und Arme einsetzen, für alle, die in Not sind. Der Mensch ist Gottes Ebenbild und bedarf unserer Hilfe und Solidarität.“

„Verwundert“

Die Sicht der AfD

Christliche Werte, was ist das? „Die zehn Gebote“, sagt Ralf Özkara. Und sonst? „Ich kann es faktisch schwer eingrenzen. Ich bin nicht unbedingt der Kirchenmann, auch keiner, der die Kirche besucht.“ Christlich-abendländische Kultur, das sei für ihn ein „Traditionsbegriff“ und habe „sehr viel mit einem Gefühl zu tun“ – einem „Gefühl von Sicherheit“, die der AfD-Kreissprecher bedroht sieht: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland, da stehe ich voll dahinter.“ Diese Religion vertrete „seltsame, mittelalterliche Traditionen“; Özkaras Frau ist Muslima, sie wuchs in einem Ort 150 Kilometer von Antalya auf und habe schon als Neunjährige gelernt, sie solle „die Straßenseite wechseln“ und „nicht lachen“, wenn ein Mann kommt. Moscheen in Deutschland seien „nichts anderes als Multiplikatoren des politischen Islam“, geprägt von „Fundamentalisten, die nichts anderes tun, als Menschen zu indoktrinieren. Der Islam ist auf Expansion ausgerichtet und auf nichts anderes.“ Solche Tendenzen „müssen gebremst werden“, es gelte, „für die eigenen Werte“ einzustehen. Nur habe er den Eindruck, dass manche Kirchenleute „ihre eigene Identität nicht mehr kennen“.

Und scheffeln die Kirchen nun Milliarden mit der Flüchtlingshilfe? Dass sie ihr Engagement dem Staat „in Rechnung stellen, ist vollkommen klar“, da würden „riesige Umsätze“ generiert. Er wisse allerdings, dass zwischen Umsatz und Gewinn ein Unterschied besteht. „Ob die Kirchen sich damit eine goldene Nase verdienen, kann ich nicht beurteilen. Ich behaupte, dass das keiner schlüssig belegen könnte, außer einem Kassenprüfer der Kirche.“ Auch Özkaras AfD-Kreisvorstandskollege Jürgen Braun will sich da „kein Urteil anmaßen. Meine persönliche Kritik ist eher, dass man sich zu wenig um zugewanderte Christen kümmert und um verfolgte Christen weltweit.“

Nein, sie wollten das Engagement für Flüchtlinge nicht verurteilen. Braun: Mit den Angekommenen „ein friedliches Zusammenleben“ zu organisieren, gehöre zur „Verantwortung als Christenmensch“. Özkara: „Wir haben nie den Menschen, der da ist, angegriffen, sondern die Politik, die dazu geführt hat.“

Gemeinsam für die Tradition und gegen den Islam – „hier bieten wir uns als Partner der Kirchen an“, sagt Ralf Özkara. „Umso mehr verwundert“ sei er, dass sich so viele Theologen von der Partei abgrenzen. „Das verstehe ich überhaupt nicht.“

Barmherzigkeit

Was sind christliche Werte? Die biblische Antwort schlechthin, noch vor den zehn Geboten, ist sicherlich die Bergpredigt. Jesus radikalisiert darin den Schlüsselwert der Nächstenliebe: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“ Jesus macht auch deutlich, was aus dem unbedingten Liebesgebot praktisch folgt: „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Konkret: „Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.“ Aus Jesu Erläuterungen in Matthäus 25,34-46 haben Kirchenlehrer „Werke der Barmherzigkeit“ abgeleitet: die Hungrigen speisen; den Dürstenden zu trinken geben; die Fremden und Obdachlosen aufnehmen; die Nackten bekleiden, die Kranken und Gefangenen besuchen. Thomas von Aquin nannte Barmherzigkeit „die größte der Tugenden“.


Familien-Klüfte

Die Kluft zwischen AfD und Kirchenvertretern schneidet teilweise mitten durch die Familien – zwei Beispiele:

Alexander Gaulands Tochter Dorothea ist evangelische Pfarrerin und haderte vor Monaten in der „Zeit“ mit dem Vater: „Ich finde es schrecklich, was er sagt.“ Sie hat bei sich einen Flüchtling aus Eritrea aufgenommen.

Frauke Petrys Ehemann Sven – die beiden leben mittlerweile getrennt – ist ebenfalls evangelischer Pfarrer und lobt, wie „erfrischend eindeutig“ die Bibel manchmal sei: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken, er soll wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst“, heiße es im Dritten Buch Mose, und Jesus habe beschrieben, was er für vorbildliches Verhalten hielt: „Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.“