Waiblingen

Die Kunst des Langsamfahrens

1/2
3df6a28c-8c73-4d1e-b60e-ae88cb144adc.jpg_0
Teilnehmern des ACE-Sicherheitstrainings in Sielmingen. Bild: Winterling © ZVW
2/2
c3492966-32e4-4bef-9c3d-a03a5afcc2dd.jpg_1
Hans-Peter Knauer, ACE-Sicherheitstrainer, Bild: Winterling © ZVW

Waiblingen/Filderstadt. Wolfgang ist „auf der Suche nach der Ideallinie“. Elli will ihre BMW besser beherrschen. Nadine hat das Gefühl, ihre Suzuki sei „stärker als ich“. Wolfgang, Elli und Nadine sind drei von zehn Teilnehmern eines Sicherheitstrainings des ACE. Das Fazit aller zehn Biker nach einem Tag auf dem Verkehrsübungsplatz ist positiv. Doch die Suche nach der Ideallinie geht weiter.

Video: ACE-Sicherheitstraining für Motoradfahrer

Nicht nur für Wolfgang aus den Berglen mit seiner BMW GS 1200. Auch Sicherheitstrainer Hans-Peter Knauer hat die Hoffnung beinahe schon aufgegeben. „Wenn du die Ideallinie gefunden hast, dann kannst du mir eine Postkarte schicken.“ Die Ideallinie gebe es nicht. Jede Kurve sei anders. Wohl aber lässt sich die richtige Linie durch eine Kurve finden – und zwar eine mit großen Sicherheitsreserven. Kurvenfahren war nur eine der Übungen, der sich die vier Motorradfahrerinnen und sechs Biker auf dem Verkehrsübungsplatz in Sielmingen stellten. Doch bevor es flott und sicher um die Kurve ging, fuhren sich die Teilnehmer locker ein und begannen mit einer scheinbar einfachen Übung. Dem Langsamfahren.

Seit Elli auf eine BMW GS 800 umgestiegen ist, ist es für sie ein Horror, auf einem engen Sträßchen zu wenden. Die neue Maschine fühlt sich sehr kippelig an, sagt Elli und sehnt sich nach ihren alten Boxer-BMWs zurück, mit denen sie zuvor unterwegs war. Der Slalom um Hütchen und das Wenden innerhalb eines zehn mal zehn Meter großen Quadrats waren der richtige Einstieg, um ein Gefühl für die neue Maschine zu entwickeln. „Ich weiß jetzt, wo ich ansetzen kann“, sagt Elli am Nachmittag über ihre Angst beim Langsamfahren und wie sie damit umgehen kann. Peter Knauer rät ihr, doch einfach vier Tennisbälle zu zerschneiden und sich auf einem Parkplatz einen Parcours zu legen, um Slalom und Wenden zu üben.

Es war eine bunte Truppe aus ganz Baden-Württemberg, die sich an diesem verregneten Samstag in Sielmingen getroffen hat. Sie kamen aus Schwäbisch Hall und von der Schwäbischen Alb, aus Pforzheim, aus den Berglen und aus dem Raum Stuttgart. Sie fahren seit schon seit mehr als 20 Jahren Motorrad und sind wie Wolfgang mit seiner BMW GS 1200 auf der Suche nach der Ideallinie. Oder sie haben erst seit kurzem den Führerschein und haben „die üblichen Anfängerprobleme“, wie Nadine aus Sigmaringen auf ihrer Suzuki Bandit 600 zugibt. Erika hat zwar schon seit Jahrzehnten den Motorradführerschein, am Lenker der Kawasaki 600 sitzt sie aber er erst seit drei Jahren und gesteht: „Ich habe Bammel bei nassem Wetter, vor Schienen und Bitumenstreifen.“

„Ein Motorradtraining ist sinnvoll, um den Umgang mit dem Motorrad kennenzulernen und auf bestimmte Situationen im Straßenverkehr vorzubereiten“, sagt Hans-Peter Knauer, der als Fahrlehrer seit vielen Jahren Sicherheitstrainings sowohl für Motorradfahrer als auch für Autofahrer gibt. Nach den Richtlinien des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) gehört dazu Langsamfahren und Bremsen, Lenken und Ausweichen, Kreisfahren und Schräglage.

Bei jedem Training ist Hans-Peter Knauer verblüfft, wie sich der Bremsweg bei Tempo 60 gegenüber Tempo 30 rasant erhöht und führt dies den Teilnehmern vor. Die abstrakte Gleichung „Doppelte Geschwindigkeit, vierfacher Bremsweg“ kann sich in der Praxis als ein tödlicher Unterschied erweisen. Bei 30 km/h kann ein Biker, dem ein Kind ins Motorrad rennt oder ein Auto in die Kreuzung einfährt, noch bremsen. Bei 60 prallt er mit voller Wucht gegen das Hindernis.

Das Wichtigste ist immer: Locker bleiben

Die Gruppe tastet sich auf nasser Straße an eine Vollbremsung heran. Erst vorsichtig aus geringer Geschwindigkeit, dann wird beherzter in die Bremsen gegriffen. Locker bleiben, rät der Trainer ein ums andere Mal, wenn es kritische Situationen zu bewältigen gibt. Leichter gesagt als getan. Fast jeder Motorradfahrer ist schon einmal in eine knifflige Lage geraten, an die er sich mit Schaudern erinnert – und die er noch jahrelang mit sich herumschleppt. Für Knauer zählt eine langgezogene Kurve im Schwarzwald dazu, in der plötzlich eine Metallplatte lag. Was tun! Bremsen? Ausweichen? Oder einfach drüberfahren? Er entschied sich fürs Drüberfahren und stellte fest, dass dabei Vorder- und Hinterreifen nur leicht versetzten. In einem Sicherheitstraining hat Knauer die Probe aufs Exempel gemacht und ist in Schräglage über einen Motorradreifen gefahren. Ohne zu stürzen. Einen Reifen legte der Sicherheitstrainer den Teilnehmern zwar nicht in den Weg, aber ein dickes Hanfseil. Anfangs langsam und in leichter Schräglage, mit der Zeit aber flotter und schwungvoller fuhren die Biker übers Seil. Sollte ihnen eines Tages in der Kurve tatsächlich mal ein heruntergefallener Ast, ein Brett oder sonst ein Hindernis im Weg liegen, dürfte die Panik etwas geringer ausfallen. Statt im Schreck voll in die Bremsen zu langen, cool bleiben – und drüber.

Knauer weiß, wie wichtig es ist, Biker auf bestimmte Situationen vorzubereiten. Die Rückmeldungen bestätigen dies. „Es ist gut, dass ich das Training mache, dann hätte ich die eine oder andere Situation vermeiden oder besser handeln können“, heißt es. Knauer ist überzeugt, dass ein Sicherheitstraining hilft, schwere Unfälle zu vermeiden.

Die Hauptursache von schweren Motorradunfällen ist nicht etwa der berüchtigte Rollsplitt in der Kurve, die fiese Ölspur und der unberechenbare Autofahrer, der plötzlich ohne Rücksicht auf die Straße einbiegt. Alle Unfallstatistiken besagen: Schuld sind oft die Biker selbst, weil sie ihr Motorrad nicht beherrschen oder ihr eigenes Können überschätzen. „Der Mensch ist die Fehlerquelle“, sagt der Sicherheitstrainer. Die Technik spiele eine ziemlich geringe Rolle bei Unfällen.

Zahlreiche Berufsgenossenschaften fördern die Trainingsteilnahme mit 50 Euro und mehr. Dazu gehören folgende BG: Holz und Metall, Nahrungsmittel, Rohstoffe und chemische Industrie, Handel und Warenlogistik, Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege, die Unfallkasse Post und Telekom, Bau, Verkehr, Eisenbahn-Unfallkasse, Gartenbau und Verwaltung.

Zu den Anbietern von Motorradtrainings gehört außer dem Automobilclub Europa (ACE) auch der ADAC und die Kreisverkehrswacht Rems-Murr (www.verkehrswacht-rems-murr.de). Der Preis beträgt beim ACE 100 Euro. Mitglieder zahlen nur 60 Euro. Beim ADAC kostet ein Basistraining 105 Euro beziehungsweise 89 Euro für Mitglieder. Die Kreisverkehrswacht Rems-Murr verlangt für einen Tageskurs 60 Euro und bietet auch Kurse speziell für Frauen an.

Ziel des Sicherheitstrainings ist laut ACE, „den Umgang mit Ihrer Maschine zu optimieren. Erleben und ,er-fahren’ Sie Ihre Grenzen und die Ihres Motorrades, ohne großes Risiko, auf dem Trainingsplatz. Einen ganzen Tag lang können Sie Erfahrungen mit den anderen Teilnehmern austauschen. Gemeinsam mit unserem Trainer entwickeln Sie Strategien, mit denen sich Gefahren und Risiken vermeiden sowie gegebenenfalls auch bewältigen lassen.“