Waiblingen

Die längste Toilette des Landkreises

1/3
2e889295-5db7-4a69-b4ba-34a72e259b81.jpg_0
Erleichterung hinterm Hecken-Sichtschutz: Der B-29-Parkplatz bei Beinstein verfügt quasi über eine Freiluft-Naturtoilette. © Palmizi / ZVW
2/3
Wildetoilette
So sieht das aus auf 80 Metern Länge. © Alexandra Palmizi
3/3
Wildetoilette
Neben Klopapier auch Büchsen und anderer Müll. © Alexandra Palmizi

Waiblingen. Nennen wir sie die längste Toilette des Landkreises: Auf einer Strecke von 80 Metern, verborgen hinter einer Hecke, finden sich beim B-29-Parkplatz vor Beinstein, Fahrtrichtung Schorndorf, untrügliche Spuren menschlicher Bedürfnisse. Der Fall wirft Fragen auf – einfache Antworten gibt es nicht.

Wer aus Richtung Stuttgart kommend auf den B-29-Parkplatz bei Beinstein einbiegt, findet gleich neben einem fest montierten Vespertisch einen ganz offenkundig vielbegangenen Trampelpfad, der nach rechts eine Böschung emporführt.

Ein drängendes Entleerungs- und Erleichterungsbegehr

Dort oben verläuft, parallel zur Straße, eine Hecke, winters dürr, sommers üppig. Dieser Streifen Buschwerk ist ein natürlicher Sichtschutz: Er gewährt dem Reisenden, den ein drängendes Entleerungs- und Erleichterungsbegehr plagt, direkt an der Schnelltrasse und in freier Luft eine gewisse Intimität.

Wer sich dahinter hinkauert, kann dem vorbeirauschenden Verkehr getrost das freigelegte Hinterteil zuwenden, ohne bemerkt zu werden, und muss nur aufpassen, dass nicht just im Moment dampfender Geschäftigkeit auf dem dort oben entlangführenden Radweg jemand dahergondelt.

Dass dieser Standort als wilde Toilette nicht nur theoretisch geeignet ist, sondern auch praktisch fleißig genutzt wird, verraten eindeutige Indizien, die sich auf einer Länge von rund 80 Metern am Gestrüpp lagern. Um nicht zu deutlich zu werden, nur so viel: Klopapierknäuel an Klopapierknäuel liegt im Gras, und wer sich all das näher anschaut, sollte gründlich aufpassen, wo er hintritt.

Plastikverpackungen, Büchsen, Tüten – ein Müllkippen-Stillleben

Offenbar hat der eine oder andere Gast während der Verrichtung auch einen Schluck verdauungsanregenden Jägermeister genommen, manch leeres Fläschchen deutet darauf hin. Dazu: Plastikverpackungen, Büchsen, Tüten – ein Müllkippen-Stillleben.

So ziemlich rund um die Uhr stehen Lastwagen auf diesem Parkplatz. Lkw-Fahrer – sie kommen, den Nummernschildern zufolge, aus Polen oder Rumänien, Rotterdam oder Hamburg, kurz, den verschiedensten Weltgegenden – nutzen die Anlage, um Rast zu machen, vorgeschriebene Pausenzeiten einzuhalten; oft auch, um zu übernachten.

Drei Momentaufnahmen an einem Spätnachmittag im März: Hier montiert sich einer gerade eine Satellitenschüssel fürs Feierabend-Fernsehen aufs Fahrzeugdach. Da erklimmt einer, eine Papierrolle in der Hand, die Böschung.

Dort hinten hält einer an, steigt aus, will ebenfalls zur wilden Toilette hoch, bemerkt den Reporter, der mit dem Schreibblock umherstromert – und steigt, vermutlich mit zusammengekniffenen Pobacken, wieder ein und braust davon, um sich einen weniger unter Beobachtung stehenden Ort zu suchen. Der arme Mann, wir haben ihn vergrämt.

Im Grunde haben die nationalen und internationalen Werktätigen der Transportbranche unser Verständnis verdient: Kein Mensch kommt dauerhaft ohne Erleichterung aus, und da Lkw-Fahrer meist von einem harschen Zeitdiktat vorangepeitscht werden, können sie wohl nicht einfach mal von der eigentlichen Route abbiegen, um irgendwo abseits mühselig eine Gaststätte mit X-Tonner-kompatiblem Stellplatz-Angebot aufzusuchen.

Vermutlich genießt der Beinsteiner Parkplatz dank Mundpropaganda einen guten Ruf in der Truckerszene: Wenn’s pressiert – dort findest du eine exquisite Hecken-Infrastruktur.

Nur: Schön ist es halt nicht. Und eine Toilettenanlage gibt es längs der B 29 weder auf dem Beinsteiner Parkplatz noch ostwärts bei Winterbach, Urbach oder Plüderhausen. Warum eigentlich nicht?

Hoffnung naht – oder auch nicht: Das Land zeigt auf den Bund

„Entsprechend den Empfehlungen für Rastanlagen an Straßen“ sei „an autobahnähnlichen Bundesstraßen ein Regelabstand“ zwischen Toiletten „von 25 bis 30 Kilometern vorgesehen“, teilt das Landes-Verkehrsministerium mit. Die Entfernung auf der B 29 vom Teiler B 14 bis Plüderhausen aber beträgt nur 21 Kilometer. Dass es also auf dieser Strecke keine einzige Schüssel oder Rinne am Straßenrand gibt, entspreche „rein formal dem Regelwerk“.

Richtig sei prinzipiell allerdings, dass in Baden-Württemberg „hinsichtlich Lkw-Parkplätzen ein Defizit besteht“. Das Landes-Verkehrsministerium habe deshalb für „Bundesstraßen mit weitgehend autobahnähnlichem Ausbaustand“ bereits „eine Konzeption erarbeitet“, um Rastplätze „über die in den Regelwerken festgelegten Kriterien hinaus zusätzlich mit WC-Anlagen“ zu bestücken. Entsprechende Pläne liegen offenbar in der Schublade.

Klitzekleiner Haken: Das müsste jemand bezahlen. Und dieser Jemand, findet Stuttgart, wäre Berlin; denn bei Bundesstraßen, der Name sagt es, sei der „finanzierende Baulastträger“ der Bund. Aber „eine Aussage hierzu“ aus der deutschen Hauptstadt „liegt uns bisher leider nicht vor“.

Frei übersetzt: Es könnte schon sein, dass sich mal was ändert. Vielleicht. Eines Tages. Oder auch nicht. Bis dahin wird für Brummifahrer mit Darm- und Blasendruck die längste Toilette des Landkreises die exklusive Deluxe-Adresse bleiben.


"Bewusste Entscheidung": Keine Mülleimer

Auffällig: Auf keinem einzigen B-29-Parkplatz zwischen Beinstein und der östlichen Landkreisgrenze gibt es einen Mülleimer (nur in Plüderhausen immerhin ein Hinweisschild: Man möge diese Stätte bitte „sauber halten“). Was steckt dahinter?

Es sei im Jahr 2009 „eine bewusste Entscheidung“ gewesen, sagt Leonie Ries von der Pressestelle des Landratsamtes, „die vorhandenen Mülleimer abzubauen“. Denn damals hätten die „wilden Müllablagerungen große Ausmaße“ angenommen: Die Leute empfanden die Tatsache, dass an diesen leicht anfahrbaren Stellen Behältnisse standen, offenbar als Einladung, ihren Unrat hierherzukarren. Sie warfen Müll „rein“; oder auch „daneben“; stellten Tüten ab, ganze Säcke, Gerümpel.

Seither habe sich gezeigt: „Wenn kein Mülleimer da ist, ist die Hemmschwelle größer“, die Parkplätze gezielt zu illegalen Entsorgungszwecken anzusteuern. Nachteil: Wer hier Rast macht, hat nur die Wahl, seinen Müll entweder ins Auto zu packen oder ins Grün zu werfen. Deshalb fahre die Straßenmeisterei „mehrmals am Tag“ die Parkplätze ab und „sammelt den Müll ein“.

Diese regelmäßigen Touren sind „ganz aktuell vor dem Hintergrund der Wildschwein-Problematik“ wichtig. In Polen und Tschechien grassiert die Afrikanische Schweinepest. Man stelle sich vor, ein Lkw-Fahrer aus Osteuropa würfe arglos einen infizierten Salamizipfel weg, eine Wildsau fräße den leckeren Resthappen – und steckte sich an ...