Waiblingen

Die Rems als Schildkröten-Paradies

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Schmuckschildkröten auf der Sonnenbank. © Habermann/ZVW
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Eine der Rems-Schildkröten reckt den Kopf Richtung Sonne.
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Immer wieder beobachten Passanten die Exoten vom Ufer aus oder machen Erinnerungsfotos. © Gabriel Habermann
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Die Schildkröten leben im ruhigen Wasser der alten Rems.

Waiblingen. Die Rems lebt. Bewohnt wird sie von Forellen, Welsen, Enten – und Schildkröten. Die stammen zwar vom Mississippi, fühlen sich in Waiblingen jedoch seit Jahren zuhause. Besonders am schwarzen Altarm hinter den FSV-Sportplätzen sind zu beobachten, wenn sie sich auf umgestürzten Baumstämmen in der Sonne räkeln.

An der alten Rems kann man in nüchternem Zustand leicht doppelt sehen. Himmel, Wolken und die Pappeln am Ufer spiegeln sich in fast unwirklicher Schärfe. Enten ziehen ihre Kreise, Wassermücken huschen übers Biotop. Dicht unter der Oberfläche tauchen Schatten durch den See, strecken manchmal ihre schrumpeligen Köpfe heraus und klettern lautlos auf einen Stamm, um sich zu wärmen. Die Schildkröten gelten als Sonnenanbeter.

Für Ortskundige sind sie keine Neuentdeckung, doch immer wieder stehen Menschen staunend am Ufer, um die Exoten zu beobachten. „Sie sind immer aktuell“, bestätigt der städtische Grünflächenchef Werner Boßler. Für die Remstal-Gartenschau kam schon die Idee auf, die amphibische Attraktion als „Turtle Watching“ zu bewerben.

Von den Haltern als Abfall betrachtet und entsorgt

Die schönen Rotwangen- und Gelbwangen-Schmuckschildkröten wurden offenbar von ihren ehemaligen Haltern heimlich eingesetzt. Werner Boßler kann sich gut erklären, wie es dazu kommt: „Am Anfang sind sie klein und süß, dann werden sie größer und brauchen viel Futter.“ Was viele Leute beim Kauf nämlich nicht bedenken, ist die relativ hohe Lebenserwartung der Tiere, je nach Art zwischen 30 und 50 Jahren. Außerdem die stattliche Größe. Die Schmuckschildkröten bringen es auf bis zu 30 Zentimeter. Auf 18 Exemplare schätzt Werner Boßler, einer der besten Kenner der Rems, die Population im Altarm. Weitere Schildkröten leben im Talauesee, und ein besonders großer Artgenosse hat sich unterhalb des Häckerwehrs eingerichtet. Haben die Reptilien ein Wohlfühl-Plätzchen gefunden, bleiben sie recht standorttreu. Bei anhaltend kalten Temperaturen buddeln sie sich im Schlamm ein und halten Winterschlaf.

Beim Aussetzen exotischer Tiere handelt es sich um keine Waiblinger Spezialität, sondern um eine weit verbreitete Praxis: Rotwangen-Schmuckschildkröten lassen sich auch im Stuttgarter Feuersee und im Bärenseen bei Stuttgart-Vaihingen beobachten. Und sie beschränkt sich auch nicht auf Schildkröten – so hat der Waiblinger Nabu-Vorsitzende Bruno Lorinser in der Rems auch schon Goldfische und im Rheintal Ochsenfrösche entdeckt.

Die Reing'schmeckten

Bei aller Tierliebe sieht der Naturschützer die Schildkröten skeptisch. „Sie passen einfach nicht in die heimische Zoologie.“ Außer Pflanzen und Wasserinsekten, wovon es in der Altrems wimmelt, könnten auch Laich und kleinere Amphibien wie Kaulquappen auf dem Speiseplan stehen. Viel seltener als die importierten oder gezüchteten Exoten sei die einheimische Sumpfschildkröte, bedauert Bruno Lorinser. Was ihn richtig ärgert, ist der Umstand, dass die vornmaligen Besitzer ihre Haustiere offenbar wie Abfall betrachteten, den man eben entsorgt, sobald die erste Freude vorbei ist. Meucheln will die Reing’schmeckten allerdings keiner – und die Rückreise in ihre amerikanische Heimat wäre zu aufwendig.

Wie Bisamratten und Waschbären gehören die Schildkröten zu den eingeschleppten Arten, den Neozoen. Seit einigen Jahren ist die Einfuhr der Tiere verboten. Trotzdem oder grade deshalb wurde die Rotwangen-Schildkröte 2017 von der Interessengemeinschaft Schildkrötenschutz und Nachzucht zur „Schildkrötenart des Jahres“ gewählt. „Sie hat sicherlich nichts in deutschen Gewässern verloren“, stellt die Interessengemeinschaft fest, „aber dennoch brauchen diese hier lebenden Schildkröten unseren Schutz“.

Die alte Rems

Bei der alten Rems hinter dem FSV-Sportgelände handelt es sich um eine ursprüngliche Schleife der Rems, die bei der Begradigung vom Flussverlauf abgeschnitten wurde.

Die Wasserbeschaffenheit unterscheidet sich sichtbar vom heutigen Hauptfluss. Es handelt sich um Schwarzwasser.

Kein sichtbarer Zufluss speist die alte Rems. Frischwasser dringt unterirdisch als Grundwasser vom Fluss hinein. Meistens liegt ihr Wasserspiegel unter dem der heutigen Rems.