Waiblingen

Die Remstalkellerei im Umbruch

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Die Zukunftsaufgabe für die Remstalkellerei stellt sich glasklar: moderner werden; Neues wagen. © ZVW/Danny Galm
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Die Zentralkelter soll 2019 in Betrieb gehen.
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Claus Mannschreck, Vorstandsvorsitzender der Remstalkellerei. © Gabriel Habermann

Weinstadt. Die Remstalkellerei steckt mitten im Umbruch – Vorstandschef Claus Mannschreck sagt es frei heraus: „Wir sind jetzt in einem Tal.“ Auf neue Gipfel soll eine Vermarktungsoffensive führen.

Sie haben sich „zu lange auf dem ehrwürdigen Trollinger mit Lemberger ausgeruht“, mit Literflaschen und ihrem „angestaubten Image“ hantiert, dem Trend zur schlanken 0,75-Dosis hinterhergetrödelt – Claus Mannschreck eiert nicht herum bei seiner Analyse vor der Generalversammlung am Freitag: „Wir haben es nicht geschafft, unseren eigenen Wein sexy genug zu machen, wir müssen dringend daran arbeiten.“

Zumal das Marktumfeld schwierig ist. Die deutschen Weinbaugebiete können maximal die Hälfte des Bedarfs im Bundesgebiet decken, insofern wären 55 Prozent „Auslandsanteil“ verträglich – allein, er liegt bei 60. Hinzu kam 2017 im Remstal der Wetterschock: Nach frühem Austrieb suchte Spätfrost die Weinberge heim – die Remstalkellerei erntete 45 Prozent weniger Trauben als im Vorjahr und hat „zwei Millionen Liter weniger im Keller“.

Folge: Die Mitglieder würden, was Ausschüttungen betrifft, wohl in die Röhre schauen – um die Wengerter dennoch zu bedienen, „müssen wir Rücklagen auflösen. Aber dafür sind sie ja da, damit man auch in schwierigen Zeiten Geld auszahlen kann.“

Der 2017er-Umsatz – zwei Prozent weniger als 2016 – ist so gesehen noch respektabel. „Wir liegen damit im Schnitt der anderen Württemberger Genossenschaften.“

Die Zukunftsaufgabe aber stellt sich glasklar: moderner werden; Neues wagen.

Der Umbruch ist schon in vollem Gange. Zug um Zug werden neue Etiketten eingeführt, die den Wein aus der Remstalkellerei tatsächlich sexyer umkleiden: attraktiver, frischer, stilvoller. Design allein reicht aber nicht – es bedarf auch neuer Produktlinien. Wie beides überzeugend zueinanderfinden kann, zeigen zwei Beispiele.

All die Köpfe und Seitentäler an der Rems, all die Hangkanten und Steillagen mit ihren je eigenen Böden und mikroklimatischen Bedingungen taugen als Revier für verschiedene Trauben. Die Remstalkellerei präsentiert diese Fülle in einer „Rebsorten-Linie“. Auf den Etiketten liefern vor schwarzem Hintergrund großzügig raumgreifende Buchstaben von A wie Acolon bis Z wie Zweigelt kraftvolle Farbakzente.

Das traditionelle Verkaufsmodell trägt nicht mehr

Radikal ist die „Weinhöfe-Linie“: Auf den Etiketten prangt das Gesicht eines Wengerters, der als Pate für diesen Wein steht, von Thomas Lenz für den Weißburgunder Kabinett trocken bis zu Christian Frank für den Pinot Meunier Rosé feinherb. Einzelne Mitglieder so kühn aus der „Anonymität der Genossenschaft“ zu holen, sei „in Württemberg einzigartig“, sagt Mannschreck. Die Kellerei will damit dem Klischee begegnen, das Genossenschaftsweine umwabert: „Alle kippen ihre Trauben rein, dann wird irgendwas abgefüllt.“

Das traditionelle Verkaufsmodell „50 Kilometer um den Kirchturm“ trage nicht mehr – „wir wollen in andere Märkte vorstoßen“: deutschlandweit, auch international. Deshalb tritt nach fünf geschäftsführerlosen Jahren zum 1. August mit Peter Jung wieder ein hauptamtlicher Frontmann an (wir berichteten).

Die Remstalkellerei „erfindet sich ein bisschen neu“, sagt Mannschreck, „so was kostet“ – aber bis die Maßnahmen greifen und Ertrag abwerfen, „das dauert“. Die Auszahlungen fallen derzeit nicht üppig aus. Der Chef weiß, dass manche knorrigen Wengerter deshalb „ein bisschen mürrisch“ sind; und ahnt, dass ihre Duldsamkeit nicht ewig währt. „Wir müssen jetzt liefern.“


Zentralkelter? Ja - nein - doch!

Neulich fiel Claus Mannschreck eine marderalte Weinzeitschrift in die Hände, von 2001; damals zahlte man noch in D-Mark. Er blätterte – und fand eine spektakuläre Meldung: Die Remstalkellerei wolle die neun Ortskeltern durch eine Zentralkelter ersetzen ... Tja. „Gottes Mühlen mahlen langsam. Und im Remstal noch langsamer.“

Mehr als anderthalb Jahrzehnte dümpelte das Vorhaben; bis Mannschreck, kaum dass er im Sommer 2017 zum neuen Vorstandschef der Remstalkellerei gekürt worden war, Vollzug (pardon: Fast-Vollzug) meldete: Grundstück? Gekauft, am Beutelsbacher Ostrand. Baukosten? Sieben Millionen Euro. Aus sieben Ortsgenossenschaften gebe es Signale, ihre Kelter zugunsten einer neuen Presse schließen zu wollen. Nur Grunbach sage nein, Korb gelte als „Wackelkandidat“. Die Zentralkelter solle „im Herbst 2018 in Betrieb gehen. Ist sportlich, aber kann funktionieren.“

Hat nicht funktioniert. Denn die großen Wengerter sind zwar vielerorts klar für das Projekt – in den Ortsgenossenschaften haben aber auch die kleinen eine Stimme; und Keltern können nur geschlossen werden, wenn 75 Prozent zustimmen. Anfang 2018 musste Mannschreck neu zusammenzählen: Stetten, Schnait, Korb, Winnenden waren nach Grunbacher Vorbild ausgeschert, das Ja-Fähnlein geschrumpft auf Großheppach, Kleinheppach, Endersbach/Beutelsbach, Strümpfelbach – zusammen 300 Hektar Anbaufläche. Eine Zentralkelter ist erst ab 350 „wirtschaftlich darstellbar“. Das Aus?

Moment. Ein halbes Jahr später gibt es einen neuen Wasserstand: Stetten („die Hälfte will, die Hälfte nicht“), Grunbach und Korb verweigern sich weiterhin, aber in Schnait bestehe „große Hoffnung. Es bessert sich!“ Wenngleich ein neuer Abstimmungstermin noch nicht angesetzt ist und 75 Prozent eine „sehr hohe Hürde“ bleiben.

Mit Schnait ergäben sich solide 380 Hektar Einzugsgebiet. Obendrein ist Mannschreck sich „ziemlich sicher“, dass auch das Winnender Nein derzeit bröckelt. Und steht erstmal die Zentralkelter, werden zumindest die großen Wengerter aus Stetten womöglich ihre Trauben in die moderne Presse nach Beutelsbach bringen.

Mannschreck folgert: „Wir werden in jedem Fall nächstes Jahr anfangen zu bauen“.