Waiblingen

Die Waiblinger Innenstadt im Corona-Modus, trotzdem  gibt es Neueröffnungen - und der Speerschneider-Imbiss hat wieder geöffnet

Lockdown
Athanasiadis Charalampos bedient im neuen „Café Boulevard“ (ehemals Bistro Begue). © ALEXANDRA PALMIZI

Der erste Tag des Teil-Lockdowns oder November-Experiments wirkt frühlingshaft. Wäre nicht gerade Corona-Pandemie, könnten die Gastronomen in Waiblingen noch einmal gute Umsätze machen. Doch die Stühle bleiben drin. Selbst in Ladengeschäfte, die weiter offen sein dürfen, kommen weniger Leute als sonst. Umso erstaunlicher die Neuanfänge – allen voran der Kult-Imbiss schlechthin.

Knapp vier Monate nach dem überraschenden Tod ihres Bruders Andreas Speerschneider hat Gabi Neumann an der ältesten Imbissbude Waiblingens erstmals wieder die Fenster geöffnet. „Schön, dass ihr wieder offen habt“, sagen die Kunden. Geduldig stehen sie auf dem Gehweg der Bahnhofstraße Schlange und warten auf Currywurst spezial mit Pommes. Das Schwätzle am Stehtisch fällt allerdings flach, das Mittagsvesper wird in eine Papiertüte zum Mitnehmen verpackt.

Be´gué -Nachfolger verkauft Kaffee nach draußen

Wenige Schritte weiter: Ins ehemalige Bistro Bé gué ist etwas Leben zurückgekehrt – seit Donnerstag unter dem Namen „Café Boulevard“. Die Stammgäste von Bernard Bé gué waren am Freitag schon da, berichtet der neue Pächter. Nach 32 Jahren hatte sich der Ur-Waiblinger vor einem Monat in den Ruhestand verabschiedet. Obwohl er erst 28 Jahre alt ist, hat auch der neue Wirt nicht gerade wenig Gastro-Erfahrung vorzuweisen: Athanasiadis Charalampos hat bereits im „Mojo“ an der Querspange und im „Caba“ in der Fronackerstraße gekellnert, zuletzt war er Serviceleiter bei „Joe Penas“ in der Stuttgarter Kriegsbergstraße.

Mit dem Café verwirklicht er sich einen Traum, allerdings unter denkbar schwierigen Umständen. Er verkauft Kaffee und Säfte nach draußen, keinen Alkohol und keine Speisen - und er hofft, dass er nach einem Monat den Gastraum wieder aufmachen kann. Dann sollen wie eh und je die Spiele des VfB Stuttgart im TV gezeigt werden.

„Edel-Döner“ statt Brezeln in ehemaliger Bäckerei Haag

Oben in der Langen Straße hat Mustafa Silsüpür in der früheren Bäckerei Haag seinen lange angekündigten „Edel-Döner“ eröffnet. Das schicke Mobiliar können die Kunden derzeit nur durch Glaswände bewundern. Der Rausverkauf läuft gut an, der Schlange auf der Straße nach zu urteilen. Das Lokal will sich laut Mustafa Silsüpür abheben von anderen Dönern.

Auch er hofft, dass der Teil-Lockdown Wirkung zeigt, die Infektionszahlen sinken – und er in absehbarer Zeit Gäste an den Sitzplätzen empfangen kann. Seine Beobachtung: „Die Leute sind nervös.“

Am Samstag hätte Karin Rack das 30-jährige Bestehen von „Mode Quintessenz“ gefeiert – daraus wird nichts. Mit Blick auf die ruhige Fußgängerzone fällt ihr auf: „Die Banker fehlen, die Leute gehen nicht zum Mittagessen, weil die Gastronomie ja geschlossen hat.“ Die Unsicherheit beschäftigt alle: „Was ist in zwei Wochen, was in vier Wochen? Und kommt nach Weihnachten der dritte Lockdown?“ In 30 Jahren hat die Boutique-Chefin schon mehrere Aufs und Abs erlebt – „vor Corona war es auch nicht immer prickelnd“ –, aber die Pandemie schlägt alles. Eins erscheint Karin Rack aber gewiss: „Meine Stammkundschaft hält zu mir.“

Buchhändlerinnen werden als Seelsorgerinnen tätig

Am Montag habe die Frequenz „eindeutig“ abgenommen, im Laden und in der Innenstadt überhaupt, stellt Karin Burgenmeister von der Buchhandlung Taube fest. Im Buchhandel sei es keine Seltenheit, dass Beratungsgespräche eine persönliche Note bekommen – und da bekämen die Kollegen und Kolleginnen einiges vom aktuellen Befinden der Kunden mit. „Manche machen sich große Sorgen – andere halten die Maßnahmen für unnötig.“ Angst, Wut und Unverständnis – alles sei dabei. „Wir sind auch ein bisschen als Seelsorger tätig.“

Die laut Corona-Verordnung landesweit gültige Regel, dass überall eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen ist, wo der Mindestabstand von anderthalb Metern nicht eingehalten werden kann, ist entweder nicht allen bekannt oder wird von vielen geflissentlich ignoriert. Immerhin habe die erweiterte Maskenpflicht bewirkt, so Max Pfund von Haushaltswaren Villinger-Zeller, dass niemand mehr ohne das Geschäft betrete. Eine Frau zieht einen Trolley die Bahnhofstraße hinauf und hustet dreimal kräftig in die Luft. Keine Maske, kein Abstand, keine Armbeuge. Die Klopapier-Regale bei der Drogeriekette sind zur Mittagszeit weitgehend leer. An der Postplatz-Kreuzung dröhnt der Verkehr wie immer, Schülergrüppchen auf dem Weg von und zum Staufer-Schulzentrum stehen an den Ampeln, die Maskenträger sind dabei klar in der Minderheit. Am Postplatz-Forum sitzen Menschen mit und ohne Masken auf den Bänken, Betonwürfeln und Stufen. Es hat 21 Grad, die Sonne scheint. Es ist November, doch es fühlt sich an wie Frühling. Wie Frühling 2020.

Der erste Tag des Teil-Lockdowns oder November-Experiments wirkt frühlingshaft. Wäre nicht gerade Corona-Pandemie, könnten die Gastronomen in Waiblingen noch einmal gute Umsätze machen. Doch die Stühle bleiben drin. Selbst in Ladengeschäfte, die weiter offen sein dürfen, kommen weniger Leute als sonst. Umso erstaunlicher die Neuanfänge – allen voran der Kult-Imbiss schlechthin.

Knapp vier Monate nach dem überraschenden Tod ihres Bruders Andreas Speerschneider hat Gabi Neumann an der

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