Waiblingen

Die Zukunft der Vergangenheit in Diyarbakir

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Ein Schmuckstück in Diyarbakirs Altstadt ist das charmante Hasanpaa Hani, eine ehemalige Karawanserei aus dem 16. Jahrhundert. Geschichtsträchtiger und urbaner Treffpunkt mit vielen Läden und Cafés. © Milz / ZVW
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Waiblingen/Diyarbakir. Deprimierend am aktuellen, türkisch-kurdischen Konflikt ist, dass auch von der deutschen Öffentlichkeit nur dessen Gewaltaspekt wahrgenommen wird. Wie sehr hier von kurdischen Politikern an einer friedlichen, postnationalen Gesellschaft gearbeitet wird, die Lösungen für die gesamte Nahost-Region böte, wird verdrängt. Aber die Kurden sind die einzigen nicht-fundamentalistischen Akteure in der Region! Sie hätten aber jede Unterstützung der Europäischen Union verdient.

Mit wallend grauen Haupt- und Barthaaren thront der Alte auf seinem Hocker vor einer winzigen Teestube. Hier in den engen Gassen des Handwerkerbasars in Diyarbakir. Eine würdevolle Erscheinung aus einer anderen Zeit. Samet Shek Höseyin schreibt er seinen Namen auf ein Blatt. Und wie einen Berechtigungsausweis auf Geschichte zückt er dazu zwei laminierte Fotografien. Sie zeigen ihn als jungen Mann mit gezwirbelt schwarzem Schnauzer. Auch damals ein schöner Mann. Das muss noch zur Zeit des Republikgründers Atatürk gewesen sein. „Hundertzehn Jahre ist er alt“, erklärt mir ein Gast bedeutsam in gebrochenem Deutsch. Was haben Samets (des „Erhabenen“) heute wässrige Augen in Diyarbakir, dem alten „Ahmed“, wohl alles gesehen?

Zu Diyarbakirs Geschichte gehört die Wunde des Genozids an Armeniern

Sah er als Kind die abgeschlagenen Köpfe der Armenier im blutigen Wasser des nahen Tigris treiben? Im heißen Sommer von 1915 ist das gewesen. Über 70 000 christliche Armenier, so viel wie heute in der gesamten Türkei, lebten damals in der multireligiösen Vielvölker-Stadt, die damals zu einem der Zentren der Vertreibung und des Genozids wurde. Schon 1895 hatte es hier ein Massaker an der christlichen Bevölkerung mit 30 000 Toten gegeben. Im Bündnis mit den Osmanen, später Türken, schlachteten auch Kurden ihre armenischen Nachbarn ab und bereicherten sich an deren Habe. Zu Diyarbakir gehört auch diese offene Wunde.

Daran muss erinnert werden, wenn von der blutigen Unterdrückungsgeschichte der Kurden im türkischen Staat seit den Zwanzigerjahren die Rede ist. Und für diese Geschichte und ihre Aufarbeitung steht die politisch verantwortliche Generation der 40-jährigen Serra Bucak. Seit 2014 ist sie Stadträtin der kurdischen BDP (Partei für Frieden und Demokratie, dem Regionalableger der HDP), die in Diyarbakir die absolute Mehrheit der Stimmen erhielt. Eine der ersten revolutionär zukunftsweisenden in diesen Kommunen war dann die Installierung von Ko-Bürgermeistern, je einer Frau und einem Mann, gleichberechtigt! Inspiriert von der nordsyrisch-kurdischen Rojava-Bewegung, in der sich Frauen inzwischen eine herausragende gesellschaftliche Stellung erkämpft haben.

Zum Gespräch mit Serra Bucak treffen wir uns am Hotel unweit der als UNESCO-Welterbe aufgenommenen antiken Stadtmauer um die Altstadt Diyarbakirs. Noch bis März waren hier die Schüsse und Mörsergranaten aus dem umkämpften Stadtteil Sur zu hören gewesen. Bei unserem Besuch vergangenen Dezember herrschte Ausgangssperre. Die Altstadt war verwaist. Auf den Straßen stapelte sich der Müll. Nun ist da eine gespannte Ruhe. Auch wenn immer wieder der PKK zugeschriebene Anschläge auf Militär- und Polizeieinrichtungen verübt werden, wie zuletzt noch am 10 Mai, zwei Tage nach unserer Abreise.

Es ist Frühling und die Stadt zeigt sich nun wieder von ihrer lebendigsten Seite. Die geschäftige Altstadt, das Herz von Diyarbakir, ist voll buntem Volks. Orient ¸meets westlichen Handy-Lifestyle. Beeindruckend das Gewimmel in der zweistöckigen, ehemaligen Karawanserei Hasanpa¸sa Hani, wo Schmuckläden, Cafés und Restaurants rund um den prächtigen Innenbrunnen immer gut besucht sind. Am Eingang der Hauptstraße, der Gazi Caddesi, kommt man an einer Riege ihre Dienste anbietender Schuhputzer vorbei. Im verwinkelten Handwerkerbasar gibt es die Gelegenheit, Schmiede bei offenem Feuer Metall schlagen zu sehen oder Schreiner beim Herstellen von schlichten Särgen zu beobachten.

Immer wieder aber sind Gassen abrupt gesperrt. Sichtblenden, aufgetürmte Sandsäcke und Polizisten, die wütend drohen, wenn sie einen Fotoapparat sehen. Dahinter liegt die arme Seele der Stadt, der geschundene Stadtteil Sur. Völlig abgeriegelt. Hier dürfen nicht einmal die Kommunalpolitiker rein, um sich zu vergewissern, welches Ausmaß an Schäden die Kämpfe der vergangenen Monate hinterlassen haben. Es sind, schätzt Serra Bucak, etwa 300 Menschen umgekommen. Kämpfer, Soldaten und Zivilisten. Hier findet statt, was der kamerunische Politikwissenschaftler und Geschwister-Scholl-Preisträger Achille Mbembe „Nekro-Politk“ genannt hat.

Er bezeichnet damit spätkoloniale Strategien der Zerstörung sozialer Zusammenhänge und Lebensgrundlagen in Gebieten urbaner Räume, die so zu Todeszonen gemacht werden. Die gesamte, überwiegend sozial schwache, aber politisch selbstbewusste Bevölkerung ist inzwischen aus Sur vertrieben worden. Gruppen, die sich teilweise aus den Anfang der 90er Jahre aus ihren zerstörten Dörfern zwangsumgesiedelten Kurden zusammensetzten. Zum zweiten Mal entwurzelt sind sie so zur Schicht eines vom neoliberalistisch agierenden türkischen Staat geschaffenen neuen Nomadentums geworden.

In den vergangenen knapp 25 Jahren hat sich die Einwohnerzahl Diyarbakirs auf eine Million verdoppelt. Bucak erzählt, wie die Leute in die von der staatlichen Wohnungsbaugesellschaft Toki und von privaten Investoren errichteten riesigen neuen Wohnsiedlungen am Rande der Stadt gelockt würden. Man bietet ihnen Geld für ihre alten Unterkünfte, bietet anfangs günstige Preise für die neuen Wohnungen und nimmt in Kauf, dass die Leute sich dadurch zusehends verschulden. Viele hätten angenommen, bald aber ihre Zimmer in den nach oben gestülpten, bis zu 16 Stockwerken hohen, anonymen Wohngräbern wieder verlassen und wären in ihre alten Viertel zurückgekehrt. „Du klingelst in den Hochhäusern und vier sind noch da, der Rest ist wieder rausgegangen!“

Dagegen setzt die BDP/HDP-Kommunalverwaltung ökologische Sanierungsprojekte, die zusammen mit den Alteingesessenen entwickelt werden. „Wir haben nicht viel Geld, aber Ingenieure. Was kann man günstiger, besser machen, was renovieren? Wir wollen, dass die Leute in der Stadt bleiben. Nicht wie der Staat, der alles für den Tourismus plattmachen, Geschäfte und Hochhäuser bauen will, wie schon in Istanbul. Die historische Altstadt interessiert die nicht!“

Für ein Museum der gegenseitigen Wahrnehmung der Täter und Opfer

Schon unter der Vorgängerverwaltung wurde deshalb aufwendig die verwahrloste armenische St.-Giragos-Kirche restauriert und im Oktober 2011 wieder eröffnet. Auch dies ein besonderes erinnerungspolitisches Zeichen! Serra Bucak, deren Vater als Anwalt und Zeitungsbesitzer 1992 ins deutsche Exil musste und die selbst in Bremen und Köln Sozialpädagogik und Germanistik studierte, schwärmt von einem Museum, in dem die so reiche wie blutige Stadtgeschichte unter dem Aspekt der gegenseitigen Wahrnehmung der Täter- und Opferverhältnisse dargestellt werden soll.

Auch das ist ein zukunftsweisendes Projekt weg von der vergangenheitsfixierten, nur melancholischen Opferkonkurrenz der Ethnien und Religionen, hin zur sich wieder einer friedensfähigen Zukunft öffnenden Stadtgesellschaft. „Wir Kurden haben Vorschläge gemacht“, sagt Bucak zu einem hoffnungslosen Zeitpunkt des Rückfalls in alte Muster der Zerstörung. „Wie kann Frieden möglich sein? Durch Dezentralisierung. Wir brauchen Selbstverwaltungsmechanismen und versuchen unsere Institutionen frauen-, demokratie-, ökologiegerecht und multireligiös zu gestalten.“

Nur wenige Tage bevor das türkische Parlament die Immunität seiner Abgeordneten aufhob, äußerte Serra Bucak ihre Befürchtungen: „Das dient dazu, unsere Aktivitäten zu kriminalisieren. Sie bauen schon jetzt viele neue Gefängnisse. Die möchten uns da reinbringen. Sie versuchen die Kommunen zu entdemokratisieren und Bürokraten aus Ankara herzuschicken.“

Die türkischen Kurden versuchen gerade, die Zukunft ihrer Vergangenheit zu retten. Als innovative, post-nationale Avantgarde

Europäische Vision

Was in Gesprächen mit unseren kurdischen Freunden immer wieder so verblüffte, war deren postnationale, ja europäische Vision für die Zukunft der kurdischen Völker. „Ein unabhängiges Kurdistan ist nicht das, was wir wollen. Wir kämpfen für einen Konföderalismus ohne Grenzen im Nahen Osten“, sagte Serra Bucak. „Aber die Türken glauben nicht an dieses Projekt.“ Und wir Europäer? Uninformiert und uninteressiert, wir wollen es auch nicht! - Lieber Krieg.