Waiblingen

Doktortitel eines Bildungsunternehmers aberkannt

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Symbolbild. © ZVW/Danny Galm

Waiblingen. Er sei bis zum Anruf des österreichischen Rechtsanwalts Stefan Weber „im guten Glauben“ gewesen, sagt ein bekannter Bildungsunternehmer aus dem Rems-Murr-Kreis. Der Mann hat seinen Doktor an der Schweizer Freien Universität Teufen gemacht. Jetzt musste er ihn abgeben.

Der Spiegel bezeichnete die Freie Universität Teufen schon im Jahr 2008 als „die bekannteste der zweifelhaften Hochschulen“. Die Süddeutsche schrieb 2011, dass Teufen nichts als eine Briefkastenfirma und seit Jahren dafür bekannt sei, dass sie akademische Grade gegen Geld vergebe. „Führen darf diese Titel daher niemand, weder in Deutschland noch in der Schweiz. Sie sind wertlos.“

Doktorvater nie persönlich gesehen

Ein Bildungsunternehmer aus dem Rems-Murr-Kreis hat’s bei der eigenen Bildung offenbar nicht ganz so genau genommen und hat in den 90er Jahren seinen Doktortitel an eben der Freien Universität Teufen gemacht. Er habe, sagt er, damals die Informationen zu dieser „Fern-Uni“ von einem Bekannten erhalten. Es habe geheißen, dort gehe es schnell. Und das war sein Wunsch. Er sei, sagt er, „im guten Glauben“ gewesen, habe dort seine Unterlagen eingereicht, es sei ihm ein Doktorvater genannt worden, den er allerdings nie persönlich gesehen habe. Er habe zwei Jahre an seiner Dissertation gearbeitet, rund 200 Seiten habe er geschrieben, vielleicht den einen oder anderen Plagiatsfehler gemacht, aber es sei alles „ganz normal“ gewesen. Er habe die Arbeit eingereicht, sie sei bewertet worden, er musste sie vor drei oder vier „Professoren“ rund eineinhalb Stunden lang verteidigen. Nein, er musste sie nicht veröffentlichen. Es habe geheißen, die Universität Teufen kümmere sich um alle Formalitäten.

Rechtsanwalt Weber: Das Werk ist "keine Doktorarbeit"

Was er gezahlt habe? „Ich habe mir den Titel erarbeitet.“ Aber doch, zahlen musste er „Prüfungsgebühren“, bestimmte Bücher, die empfohlen worden waren, die „Dissertations-Bearbeitung“. Alles in allem „vielleicht 10 000 Mark“ – „ich weiß nicht mehr genau“.

Rechtsanwalt Dr. Stefan Weber aus Salzburg, der das Verfahren ins Rollen gebracht hat, hat sich auf die Überprüfung von Dissertationen spezialisiert. Er erklärt: In Teufen musste man eine Arbeit abgeben, „es existiert was“. Aber ganz abgesehen davon, dass Teufen gemäß Schweizer Universitätsförderungsgesetz keine „anerkannte Schweizer Hochschule“ war und keine Doktortitel vergeben durfte, sei dieses Werk auch „keine Doktorarbeit“. Sie weise keine empirischen Methoden auf, keine Auseinandersetzung mit der Wissenschaft, keine Zitate. Die Arbeit sei „nicht wissenschaftlich“ und würde in Deutschland „nie anerkannt“.

Arbeit muss am Schluss veröffentlicht werden

Pressestaatsanwalt Jan Holzner erklärt: „Die von Ihnen genannte Person wurde mit Strafbefehl des Amtsgerichts Waiblingen, rechtskräftig seit 7. Dezember 2017, wegen Missbrauchs von Titeln, Berufsbezeichnungen und Abzeichen ... verurteilt.“

Wer in Deutschland einen Doktortitel erhalten möchte, muss beweisen, dass er eigenständig wissenschaftlich arbeiten kann. In der Dissertation müssen neue Erkenntnisse zum gewählten Thema festgehalten werden, gleichzeitig muss der Stand der Forschung erarbeitet und in Beziehung zu den eigenen Erkenntnissen gesetzt werden. Am Schluss muss die Arbeit der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, das heißt, veröffentlicht werden. Die genauen Richtlinien legen die Universitäten in ihren Promotionsordnungen fest.

„Ein Doktortitel kann nur dann wirksam erworben werden, wenn ein rechtmäßiges Promotionsverfahren durchgeführt wurde. Dies ist bei der Universität Teufen vorliegend nicht der Fall“, sagt Jan Holzner.

Hat der Bildungsunternehmer kein schlechtes Gefühl verspürt?

Kann es sein, dass ein Bildungsunternehmer, der anderen Menschen zu Abschlüssen verhilft, die nach deutschem Recht anerkannt sind, tatsächlich nicht gewusst hat, dass er seine Dissertation an einer Institution ablegt, die weder dem deutschen noch dem schweizerischen Recht entspricht? Und angenommen, der Mann hat tatsächlich damals nichts gewusst – ist er nicht dann, als all die Politiker mit ihren falschen Doktortiteln in die Schlagzeilen kamen, als seine Freie Universität Teufen in namhaften Medien als „Titelmühle“ erkannt wurde und schließlich den Betrieb einstellen musste, aufmerksam geworden? Hat er kein schlechtes Gefühl verspürt? „Nein“, sagt er. Er habe das nicht mitbekommen. Er habe den Titel ja auch nicht mal in seinen Ausweis eintragen lassen. Habe ihn gar nicht für sein Unternehmen, sondern nur für seine andere Tätigkeit gebraucht: Er schrieb Texte für bunte Unterhaltungsliteratur und hoffte, so sagt er, dass diese mit dem akademischen Titel Auftrieb bekommen würde.

An einer Vorstrafe vorbeigeschrammt

Der Mann weiß nicht, wem er die Einschaltung des Rechtsanwalts zu verdanken hat. Die Höhe seiner Strafzahlung will er nicht nennen. Laut Pressestaatsanwalt Jan Holzner liegt sie bei 90 Tagessätzen. Ab 91 Tagessätzen wird eine Verurteilung ins polizeiliche Führungszeugnis eingetragen. An einer Vorstrafe ist der Unternehmer also gerade so noch mal vorbeigeschrammt. Dass er seinen Titel nicht mehr führe, sagt er, sei allgemein bekannt. Außerdem sei er mit dem Moment, als Rechtsanwalt Stefan Weber sich bei ihm gemeldet habe, von allen Geschäftsführungsämtern in seinem Unternehmen zurückgetreten.


 

Der Begriff „Universität“

Der Begriff „Universität“ ist in Deutschland geschützt. Nur Universitäten dürfen die Doktorwürde verleihen. Bei privaten Universitäten wird der Titel „Universität“ vom jeweiligen Staatsministerium verliehen, das sich an einem strengen Richtlinienkatalog orientiert. Anerkannt werden muss auch das Promotionsrecht, sonst dürfen keine Doktortitel vergeben werden.

Wer eine Dissertation an einer deutschen staatlichen Universität ablegen möchte, muss Verwaltungskostenbeiträge und gegebenenfalls Studierendenwerksbeiträge zahlen. Diese Kosten erreichen „bei weitem nicht“ die in Teufen übliche Größenordnung, heißt es aus dem Ministerium für Wissenschaft in Stuttgart. Private Universitäten sind frei in ihrer Geschäftspolitik und können für ihre Leistungen Gebühren erheben.

Wer in Deutschland den Doktortitel einer nicht anerkannten Universität trägt, verletzt den Paragrafen 132 a des deutschen Strafgesetzbuches und riskiert sogar eine Gefängnisstrafe.

Ausländische akademische Titel sind anerkannt, wenn sie an staatlich anerkannten Universitäten gemacht wurden. „Ein ausländischer Hochschulgrad, der von einer nach dem Recht des Herkunftslandes anerkannten Hochschule, die zur Verleihung dieses Grades berechtigt ist, aufgrund eines tatsächlich absolvierten und durch Prüfung abgeschlossenen Studiums ordnungsgemäß verliehen worden ist, kann unter Angabe der verleihenden Hochschule genehmigungsfrei geführt werden“, heißt es in Paragraf 37 des Landeshochschulgesetzes. Die Freie Universität Teufen allerdings war in der Schweiz nicht staatlich anerkannt.