Waiblingen

Dr. Mechanik, der Perfektionist

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Waiblingen -Neustadt Max Krpanic alias Doktor Mechanik veredelt Motorräder. © ZVW
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Waiblingen -Neustadt Max Krpanic alias Doktor Mechanik veredelt Motorräder. © ZVW
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Waiblingen -Neustadt Max Krpanic alias Doktor Mechanik veredelt Motorräder. © ZVW

Waiblingen. Sind Sie ein Perfektionist, Herr Krpanic? Die Frage beantwortet Dr. Mechanik mit einer Gegenfrage: „Was meinen Sie?“ Ein Blick auf die Motorräder in seiner Werkstatt gibt die Antwort. Max D. Krpanic, 43, stellt höchste Ansprüche an sich – und an seine Kunstwerke auf zwei Rädern.

Video: Dr.Mechanik und seine Motorrad-Kunst

Sie nennen sich „Black Rod“, „Beachcruiser“, „Smoke“ oder „Ghostdog“. Es sind puristische, auf das Notwendigste reduzierte Gefährte wie eine Yamaha SR 500 SS oder aber furchteinflößende Monster wie das „Black Scorpion“. Er nennt sich Dr. Mechanik und baut in seiner Werkstatt in Waiblingen-Neustadt Motorräder nach Wünschen seiner Kunden – und mit vielen eigenen Ideen.

„Immer, wenn ich durch die Werkstatt gehe, fällt mir irgendetwas ein“, sagt Krpanic über seinen Ideenüberfluss. „Wenn ich gefragt werde, ob ich ein Motorrad bauen kann, dann kann ich einfach loslegen.“ Die Ideen seien schließlich vorhanden. „Ich muss sie im Grunde loswerden!“ Er sei dankbar, dass er das, was er in seinem Kopf habe, darstellen könne. „Als Skulptur.“

Hoch greifen, tief sitzen

Aktuell arbeitet er an der „Requiem“. Für sie hat er eine schlichte Vorgabe: „Hoch greifen, tief sitzen“. Serienteile? Keine. Dr. Mechanik spricht von einem „kreativen Irrsinn“, den er mit dieser wie mit seinen anderen Motorrädern verwirklicht. Bei der „Requiem“ mit Harley-Davidson-Motor ließ sich Krpanic von der Stilrichtung Gotik inspirieren, die sich bis zur Form der Felgen fortsetzt.

Seine Arbeit nennt er High-End-Customizing. Der Preis? 100 000 Euro seien hierzulande „die Schallmauer“. Bis zu 2000 Stunden Arbeit stecken in einem Motorrad. Aber sein Aufwand muss auch in einem vernünftigen Verhältnis zum Preis stehen. Vom amerikanischen Preisniveau kann Dr. Mechanik indes nur träumen, wo bis zu 200 000 Euro für ein Custom Bike hingelegt werden Er handle zwar gern, sagt Max Krpanic mit einem Lächeln, „aber nur, wenn der Handel auf gegenseitigem Respekt basiert“. Und es nicht auf Kosten der Qualität geht.

Am Anfang eines neuen Motorrads steht immer der Wunsch, etwas Besonderes zu bekommen. Was es noch nie gab. „Der Kunde kommt zu mir mit einer Idee.“ Der Spielraum, was man mit solch einer Idee dann machen könne, sei jedoch unvorstellbar groß. „Ich zelebriere und genieße diesen Spielraum“, sagt Krpanic.

Für das Wikinger-Bike, das er entworfen hat und das gerade in seiner Werkstatt entsteht, griff er nicht auf abgegriffene Bilder auf der Vergangenheit zurück, sondern ging zurück in die Zukunft. Was wäre, wenn die Wikinger im 22. Jahrtausend auf die Erde zurückkehrten?

Die wilden Nordmänner kämen wohl auf diesen „Mad Max“-ähnlichen Gefährten auf zwei Rädern. Gefährlich. Brutal.

In die Schublade „Custom Bike“ lässt Max D. Krpanic seine Kreationen nicht stecken. Der 43-Jährige will sich sowieso in keine Schubladen stecken lassen. Der klassische Motor für ein Custom Bike, also speziell auf die Wünsche des Besitzers angefertigte oder umgebaute Motorräder, stammt von Harley Davidson. Doch auf die großvolumigen V-Zweizylinder legt sich Krpanic genauso wenig fest, wie er sich von der Szene der Custom Biker vereinnahmen ließe. „Ich gehöre nicht dazu“, sagt er und setzt sich bewusst von den Hipstern ab, für die Motorräder und Rock’n’Roll nur Attitüde sind. Seine Kunden seien keine Leute, die auf Rocker machen und in Harley-Klamotten herumlaufen.

Flucht aus dem jugoslawischen Kriegsgebiet

Den Namen „Dr. Mechanik“ hat ihm ein Kunde verliehen, dem er vor vielen Jahren einen Jaguar hergerichtet hat. Der verglich seine Arbeit mit der eines Arztes. Krpanic hat Dr. Mechanik gefallen, so dass er heute unter „Dr. Mechanik“ firmiert.

Schon als Jugendlicher hat Max D. Krpanic in Kroatien an Mopeds geschraubt. Ein gebrochener Rahmen am Moped des Vaters machte 1987 den Weg frei für Max ersten Eigenbau. 1991 flüchtete Krpanic aus dem jugoslawischen Kriegsgebiet nach Deutschland. Er hatte „eine Einladung der jugoslawischen Armee“ erhalten, die ihn gezwungen hätte, auf kroatische Landsleute zu schießen. Kein Wort Deutsch habe er, der gelernte Maschinenbautechniker, damals verstanden. Er fand einen Job in einer Renault-Werkstatt, spezialisierte sich schnell auf Karosseriebau und machte sich 1997 als Künstler selbstständig. „Stahlkunst“. Der Autodidakt legt sich nicht fest, was darunter zu verstehen ist. Zum Glück sei er handwerklich begabt – und habe keine Angst, sich an alles zu wagen, was ihm unter die Hände und seine Maschinen kommt. Zum Beispiel Motorräder. Damit begann er 2002.

Verkehrstaugliche Prunkstücke

In der Werkstatt steht derzeit die rote „Ghostdog“, sein zweites Bike aus dem Jahr 2005. Gegenüber die grüne „Sting“, seine jüngste Kreation. Die Entstehungsgeschichte der „Ghostdog“ mit ihrem gewaltigen 1600-Kubik-Motor hat er wie all die anderen Bike-Skulpturen mit Hunderten von Fotos dokumentiert. Doch selbst wenn es Kunstwerke auf zwei Räder sind: Die Motorräder sind zum Fahren da. In puncto Sicherheit, Qualität und Ästhetik gehe er keine Kompromisse ein. Die Motorräder sind zugelassen und verkehrstauglich. Es sei für ihn extrem wichtig, dass die Kunden glücklich und zufrieden sind, aber auf ihren Prunkstücken auch wieder sicher nach Hause kommen.

Er selbst fährt nur noch gelegentlich Motorrad. Sehr wenig hält er von den modernen, mit allen technischen Schikanen ausgerüsteten Bikes, die dem Fahrer das Denken abnehmen und entmündigen. „Motorradfahren muss ein Ritt auf der Kanonenkugel sein“, sagt Krpanic und schwärmt von Bikes ohne ABS, ohne Anti-Hopping-Funktion, ohne E-Gas, ohne einstellbare Fahrmodi. Sein Idealbild eines Motorrades ist, den größtmöglichen Motor in das kleinstmögliche Fahrwerk unterzubringen.

Kam es jemals vor, dass ein Kunde sagt: Dieses Motorrad will ich nicht? „Nein, das ist absolut noch nie vorgekommen“, beantwortet Dr. Mechanik die Frage. Es sei eher so, dass die Kunden gesagt hätten: „Dies ist weit über ihren Erwartungen!“ Denn die Kunden wüssten ja gar nicht, was machbar ist. „Ich bin dafür da, ihre tiefsten Träume herauszukitzeln und sie zu visualisieren.“

Die Philosophie

Mit Liebe zum Detail und der technischen Perfektion entwickle ich und baue einzigartige Motorräder“, beschreibt Dr. Mechanik auf seiner Internetseite seine Philosophie (www.dr-mechanik.com). „Von den ersten Skizzen bis hin zu einem voll funktionsfähigen „Kunstwerk auf Rädern“ ist nichts dem Zufall überlassen! Jedes von mir entworfene und hergestellte Motorrad ist einzigartig und besticht durch sein außergewöhnliches Design und innovative Lösungen. Die projektbezogenen Teile sind in modernsten Verfahren entwickelt und werden in höchster Präzision hergestellt, nur das Beste ist gerade gut genug! Das, in Verbindung mit der „guten alten“ Handwerkskunst, bildet eine fruchtbare Symbiose, die sich in meinem Arbeitsalltag widerspiegelt und mich besonders stolz macht.“