Waiblingen

Ehemaliges Gang-Mitglied verurteilt

Polizei Handschellen Gang Gericht Verurteilung Verhaftung Verhaftet Gefängnis_0
Symbolbild © pixabay (CC0 Public Domain)

Waiblingen. Zu viert prügelten sie auf ihr Opfer ein und zwangen es, ihnen sein Bargeld und Smartphone zu geben. Eine tragende Rolle bei der brutalen Tat spielte ein heute 29-jähriger Italiener. Er wurde wegen besonders schwerer räuberischer Erpressung und gefährlicher Körperverletzung zu zweieinhalb Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt.

Richter Steffen Kärcher sah es am Amtsgericht als erwiesen an, dass Antonio K. (Name v. d. Red. geändert) die „tragende Rolle“ bei einer vom Gericht als „Bestrafungsaktion“ der Rockerbande „Red Legion“ eingestuften Tat gespielt hat.

Die Gewalttat auf einem Feldweg in Rommelshausen liegt über sechs Jahre zurück. Das Opfer hatte mehrere Prellungen und eine Schnittwunde am Hals erlitten. Nach einem dreitägigen Krankenhausaufenthalt hatte der junge Mann einige Monate mit Schlafstörungen und einer posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen. Weil sie so lange zurückliegt, gestaltete sich die Rekonstruktion der Tatnacht schwierig. Der Angeklagte machte keine Angaben, so stützte sich die Verhandlung auf bruchstückhafte Aussagen des Geschädigten und der bereits verurteilten Mittäter. Ein zweites Opfer stand als Zeuge nicht zur Verfügung. Er ging nach der Tat in den Kosovo zurück. Sein Aufenthaltsort ist unbekannt.

„Ein Italiener rief: Ich schneide dir den Kopf ab“

Das Opfer, ein heute 24-jähriger Kosovo-Albaner, sprach von Erinnerungslücken. Dem Gericht gegenüber sagte er, Antonio K. nicht sicher identifizieren zu können. Auch Messer und Schlagring habe er nicht gesehen. In früheren Vernehmungen soll er nach Auskunft des als Zeuge geladenen damaligen Leiters des Kernener Polizeipostens noch klar geschildert haben, wer das Messer und wer den Schlagring führte. Der Ablauf sei „gut nachvollziehbar“ gewesen.

Demnach wurde das Opfer in Backnang in einen Mietwagen gelockt. Am Tatort angelangt schlug Antonio K. mit einem Gegenstand auf den Schädel des wehrlos am Boden liegenden Opfers ein. Die letzte Erinnerung des Opfers war, dass ein Italiener rief: „Ich schneide dir den Kopf ab.“ Der Hintergrund der Tat liege für ihn ebenfalls im Dunkeln. Zur Klärung trug die Aussage des Polizeibeamten bei: Alle vier waren Mitglieder der Straßengang „Red Legion“.

Verteidiger: Antonio K. nur Mittäter

Der in Kernen wohnhafte Antonio K. und einer der Mittäter sollen erst in ihrem damaligen Wohnort Kernen in den gemieteten Siebensitzer gestiegen sein. Laut einer früheren Aussage des Opfers waren es nicht sie, die ihm sein Bargeld und das Smartphone abnehmen wollten, sondern der Beifahrer, der bereits in Backnang im Auto saß. Antonio K. könne darum nicht Mittäter der räuberischen Erpressung gewesen sein, warf die Verteidigung ein, die auf gemeinschaftlich begangene schwere Körperverletzung und eine Absenkung des Strafmaßes auf ein Jahr hinauswollte.

Als weiteres Kriterium führte der Verteidiger den geringen „Verfolgungseifer“ des Geschädigten an: Dieser habe lediglich sein Smartphone zurückhaben wollen und darum der Polizei in Backnang teils „wilde Geschichten“ erzählt. „An einer Strafverfolgung hatte er kein Interesse“, so der Verteidiger, der dem Angeklagten zudem eine positive Sozialprognose bescheinigte. Während der fünf Jahre in Italien habe Antonio K. eine Familie gegründet, sei einer Arbeit nachgegangen und habe keine Straftaten begangen.

Zweieinhalb Jahre Haft ohne Bewährung

Die günstige Prognose bestritt Richter Kärcher. Aufgrund mehrerer Vorstrafen und der „raschen Rückfallgeschwindigkeit“ griff das Gericht hart durch und folgte dem von der Staatsanwaltschaft geforderten Strafmaß von zweieinhalb Jahren Haft ohne Bewährung.

Antonio K. sei zum damaligen Zeitpunkt „hochkriminell“ gewesen, zudem „Bewährungsbrecher“ während einer Jugendstrafe. Am 30. November 2011 und damit einen Monat vor der jetzt verhandelten Tat wurde er vom Amtsgericht Waiblingen wegen schwerer Körperverletzung verurteilt. „Schon wenige Tage später war er wieder bereit, an der Gewalttat mitzuwirken“, so Richter Kärcher in der Begründung. „Die Vergangenheit holt einen immer wieder ein, dafür muss man geradestehen.“ Für ihn steht fest: „Antonio K. spielte eine tragende Rolle, auch bei der Wegnahme der Sachen.“ Weil die Tatwaffe nicht nur mitgeführt, sondern auch eingesetzt wurde, sei der Tatbestand der besonders schweren räuberischen Erpressung erfüllt.

"Geplant und brutal"

Mit der Milde des Gerichts könne der Angeklagte angesichts des gewaltsamen Vorgehens nicht rechnen. Das Opfer sei kein „unbeschriebenes Blatt“ und auch kein „Engel“, doch die Tat sei so geplant und so brutal durchgeführt worden, dass er keine Chance hatte, sich gegen die Personengruppe zu wehren.

Bei voller Ausschöpfung könne das Strafmaß drei Jahre betragen, brachte die Staatsanwaltschaft vor. Zugunsten des Angeklagten könne lediglich der „enorme Zeitverlauf“ eingebracht werden, auch wenn dies „kein Verdienst“ des Angeklagten sei. Die Strafe wurde nicht zur Bewährung ausgesetzt. Die „Bewährungsfrage“ stelle sich nicht, sagte Richter Steffen Kärcher in der Urteilsverkündung.


Red Legion

Die rockerähnliche Gruppierung „Red Legion“ wurde im März 2013 verboten.

Ihr gehörten rund 100 Mitglieder meist kurdischer Herkunft an. Aktiv waren sie hauptsächlich in Stuttgart sowie in den Landkreisen Esslingen und Ludwigsburg. Die als „Streetgang“ eingestufte Gruppe waren an zahlreichen gewalttätigen Auseinandersetzungen beteiligt, auch Machtkampf im Rotlichtmilieu und in der Türsteher-Szene, Rauschgift- und Waffenhandel wurde der Gang vorgeworfen.

Der Hauptangeklagte Antonio K. arbeitete zwischen 2012 und 2017 in seiner Heimat Kalabrien als Gärtner, lebte mit seiner Freundin und dem gemeinsamen Kind zusammen. Bei seiner Wiedereinreise nach Deutschland im März 2017 wurde der damals 28-Jährige verhaftet.