Waiblingen

Ein Ausweg aus dem Kinderarzt-Mangel?

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Was tun, wenn fürs Kind kein Arzt zu finden ist? Dr. Norbert Metke, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (rechts), und CDU-Wahlkämpfer Dr. Joachim Pfeiffer erklärten im Waiblinger Familienzentrum Karo, wie ein Weg aus der Misere gefunden werden könnte. © Ralph Steinemann Pressefoto

Waiblingen. Die Waiblinger Kinderarztpraxis von Carmen Horlacher, Annette Weimann und Mathias Besuch hat jetzt schon 48 Mütter auf der Anmeldungsliste. Mütter, die ihr Kind im ersten Quartal 2018 auf die Welt bringen werden, also frühestens im Januar, aber auch erst im März nächstes Jahr. Im Kreis herrscht Kinderarztmangel. Der politische Druck ist inzwischen so groß, dass CDU-Wahlkämpfer Joachim Pfeiffer nach Lösungen sucht.

Annette Weimann wird ihre Anmeldeliste demnächst dichtmachen. Die Praxis ist voll bis obenhin. Doch wer glaubt, er müsse nur ein paar Straßen weiter, der irrt. Bis zu zehn Anfragen täglich hat die Waiblinger Kinderarztpraxis von Jutta Hüfner und Stefan Klimmeck: Babys sollten zur U 3, der ersten Untersuchung außerhalb des Krankenhauses. „Manchmal stehen die Eltern mit dem Baby vor der Tür“, sagt Mitarbeiterin Marika Ebert, die Familien mitteilen muss: „Wir haben keine Termine.“

Bedarfsplanung veraltet

Die Kinderarztversorgung im Rems-Murr-Kreis erhält im Familienzentrum Karo in Waiblingen vom Publikum die Attribute „unzumutbar“ und „krank“. Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg Dr. Norbert Metke erklärt: „Die Bedarfsplanung ist völlig veraltet.“

An drei Schrauben soll gedreht werden

„Melden Sie sich bei Ihrem Politiker!“, forderte der Weinstädter Kinderarzt Volker Kemmerich Ende August. Einige Mütter und Väter waren dem Aufruf gefolgt: Joachim Pfeiffer, CDU-Bundestagskandidat aus dem Wahlkreis Waiblingen, war angeschrieben und angesprochen worden. Und hat mit der Veranstaltung im Karo reagiert.

Pfeiffer und Metke vermelden Positives: An drei Schrauben wollen sie drehen, damit es rund um Waiblingen, Winnenden, Weinstadt, Schorndorf besser wird. Die Kassenärztliche Vereinigung, schon dazu verpflichtet, gesetzlich Krankenversicherten mit einer dringenden Überweisung zum Facharzt einen Termin zu vermitteln, will diese Terminservicestelle auch für Kinderärzte öffnen. Eltern können dann anrufen und sich fürs Kind eine Praxis mit offenen Kapazitäten suchen lassen.

"Deckel" soll angehoben werden

Zweitens sollen die bestehenden Kinderarztpraxen von der sogenannten „Deckelung“ befreit werden. Bislang war es, da die Anzahl der Kinderärzte im Rems-Murr-Kreis die zulässige Höchstzahl längst überschritten hat, nicht gestattet, dass Praxen einen weiteren Kinderarzt anstellten. Ganz gleich, wie sehr der Terminplan aus den Nähten platzte. Beziehungsweise: Die Praxen konnten schon anstellen, bekamen die Arbeit dieses Arztes von den Kassen aber nicht vergütet. Dieser „Deckel“ soll zumindest angehoben werden, das sei, sagte Metke, ein „wenige Tage altes Ergebnis“. Stuttgarter Kinderarztpraxen sollen davon im Übrigen auch profitieren, so dass Familien von hier auch dorthin ausweichen können. 600 zusätzliche Termine verspricht Metke im Nachbarkreis.

Zusätzlicher Kinderarzt darf sich niederlassen

Und dann soll noch ein weiterer „Sonderbedarf“ möglich werden. Sonderbedarf heißt, dass sich trotz des längst überschrittenen zulässigen Versorgungsgrades ein zusätzlicher Kinderarzt niederlassen darf. Und zwar dort, wo der Arzt will, beziehungsweise wo es brennt. Also zum Beispiel in Waiblingen. Der Arzt muss nicht eine bereits existierende Praxis übernehmen und muss nicht darauf warten, dass ein Kinderarzt aufhört.

Diese Aussage entlockt Kinderärztin Annette Weimann einen Jubelruf. Darauf, so sagt sie, würde sie seit Jahren warten. Allerdings würde sie dieses Versprechen doch noch mit einem Fragezeichen versehen.

Es gibt keine Garantie

Das Fragezeichen ist berechtigt: Sowohl die Anhebung des „Deckels“ als auch eine ganz neue Kinderarztpraxis im Kreis sind an ein, an dasselbe Verfahren gebunden. Sowohl eine Praxis, die einen zusätzlichen Kollegen anstellen will, als auch ein ganz neuer Kinderarzt müssen einen Zulassungsantrag stellen. Der Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung prüft, fragt alle im Umkreis betroffenen Kinderärzte ab, es gibt ein Widerspruchsrecht, ein Klagerecht, einzuhaltende Fristen und so weiter. Das kann schnell gehen, das kann aber auch dauern. Und eine Garantie, dass ein, womöglich mehrere zusätzliche Kinderärzte den Termin-Engpässen ein Ende bereiten werden, gibt es nicht. Zumal das Schreiben des Bundesministeriums für Gesundheit an Pfeiffer und Metke, das die Genehmigung eines solchen Sonderbedarfs wegen akuter Kinderarztnot im Rems-Murr-Kreis möglich macht, keine Aussage zum Umfang der Erweiterung macht.

Frist von vier Wochen zu lange

Was die Terminvergabe über die Terminservicesstelle angeht, ist noch nicht ganz klar, wann und wie das starten soll. Facharzttermine werden innerhalb einer Frist von vier Wochen vermittelt. Das ist für Eltern mit einem akut kranken Kind keine Option. Das heißt: Das System muss verändert werden.

Vielleicht werden nicht schnelle Termine, sondern tatsächlich der lange gesuchte Kinderarzt für die Dauerbetreuung vermittelt. Damit das geleistet werden kann, müssen sich Kinderärzte bei der Kassenärztlichen Vereinigung melden, die noch bereit sind, Kinder aufzunehmen. Aber die – deshalb fand der Termin im Familienzentrum ja statt – gibt es im Kreis nicht.

Ärzte in Sulzbach und Murrhardt nehmen noch auf

Und so ist gut möglich, dass die Terminvergabestelle suchenden Eltern genau das sagen wird, was Annette Weimann schon lange denen antworten lässt, die verzweifelt anfragen, wo sie denn mit ihren Kindern hinsollen: „Gehen Sie nach Sulzbach oder Murrhardt. Die Kollegen dort nehmen gerne noch Patienten auf.“

Die Meinung von Norbert Metke, dass gerade der Kinderarzt am besten „fußläufig zu erreichen sein“ sollte, hilft da nicht weiter.


Kinderärzte im Kreis

Im Rems-Murr-Kreis arbeiten zurzeit rein rechnerisch 28,5 Kinderärzte. Auf diese kommen 71 722 Kinder und Jugendliche von null bis 18 Jahren.

Die Kassenärztliche Vereinigung errechnet aus diesen Zahlen in ihrer Bedarfsplanung (Stand Juli 2017) einen Versorgungsgrad von 142,5. Damit ist der Rems-Murr-Kreis weit über der gesetzlich festgelegten Obergrenze, die bei einem Versorgungsgrad von 110 liegt.

Die Bedarfsplanung mit ihren Obergrenzen wurde 1992 vom damaligen Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer eingeführt. Er legte damals fest: So viele Ärzte, wie jetzt arbeiten, darf es geben. Nicht mehr. Seither wurden diese Zahlen nicht überarbeitet. Die sich ändernde, sich ausweitende Kindermedizin, die steigenden Geburtenzahlen, die vielen Flüchtlingskinder – das alles wurde bislang ignoriert.